Wilhelmine Aufseesser, geb. Bacharach

A-F
 

Wilhelmine Aufseesser (Quelle: Stadtarchiv Nürnberg, C21 VII 4-234)

Geboren am 10. April 1877 in München

Deportiert am 11. September 1942 von Nürnberg nach Theresienstadt

Gestorben am 27. Oktober 1942 in Theresienstadt 

 

Herkunft

Wilhelmine, genannt Mina, war die älteste Tochter des Kaufmanns Max Bacharach und seiner Ehefrau Ernestine, einer geborenen Bing. Sie wurde am 10. April 1877 in München geboren. Ihre älteren Halbbrüder Sigmund, geboren am 31. Juli 1858 in Augsburg, und Julius, geboren am 26. April 1864 in München, stammten aus der ersten Ehe des Vaters mit Henriette Vogel, die 1873 verstorben war. Die jüngeren Schwestern und Josepha stammten aus der zweiten Ehe, die er 1874 in Wien mit Ernestine Bing eingegangen war. Ihre Schwester Rosa wurde am 8. Juni 1879 und Josepha am 24. Oktober 1884 in München geboren. Josepha starb bereits als Kind. Über die Kindheit und Jugend von Wilhelmine Bacharach ist leider nichts bekannt.


Ehe und Umzug nach Nürnberg

1898 heiratete die 21-jährige den erfolgreichen Nürnberger Kaufmann Joseph Aufseesser und zog nach Nürnberg. Ihr Mann war Mitinhaber des „Putz- und Modewarengeschäfts J. Aufseeßer“ in Nürnberg, das sein Vater Jakob Aufseesser gegründet hatte. Wie zu vielen familiären Anlässen hatte ihr Schwager Hugo Aufseesser zu ihrer Hochzeit ein kleines Festspiel, „Die Putz-Deputation“, geschrieben. Gedichte und kleine Theaterstücke ihres Schwagers gab es zu vielen Familienanlässen.

Wie sich Wilhelmine Bacharach und Joseph Aufseesser kennengelernt hatten, wissen wir leider nicht. 

Am 10. Juli 1899, wurde der Sohn Paul geboren. Zwei Jahre später, am 18. August 1901, folgte die Tochter Else.

Kurz nach der Geburt von Else folgte im September 1901 der Umzug in die neue Wohnung in der Dennerstraße 5, die nur wenige hundert Meter vom Geschäft entfernt lag.

1904 heiratete ihre zwei Jahre jüngere Schwester, Rosa Bacharach, Adolf Rittmann, der in Mannheim ebenfalls ein Geschäft für Damenhüte betrieb. Rosa Bacharach und Adolf Rittmann haben sich vermutlich über Arthur Rittmann, einem Bruder von Adolf Rittmann, kennengelernt. Dieser betrieb am Rindermarkt in München ebenfalls ein Damenhutgeschäft.

Am 9. März 1910 gab es noch einmal Nachwuchs in der Dennerstraße. Ihr jüngster Sohn Max wurde geboren.

Das Unternehmen ihres Ehemannes erfuhr unter seiner Leitung einen großen Aufschwung. Er unterstützte zahlreiche Vereine und Verbände, wie etwa den „Detaillisten-Verein der Mode“, den er selbst gegründet hatte und dessen Ehrenmitglied er schließlich wurde und engagierte sich als Mitglied des Präsidiums des „Hansa-Bundes für Gewerbe, Handel und Industrie“. Von 1901 bis 1912 ist er als außerordentliches Mitglied der Nürnberger Gesellschaft „Phönix“ nachgewiesen. Politisch trat er als Mitglied der Gemeindeverwaltung Nürnbergs sowie als großer Förderer des liberalen Judentums in Nürnberg hervor. Er war Vorstandsmitglied der „Israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg“.

Über das Alltagsleben von Wilhelmine Aufseesser wurde nichts überliefert. Mit drei Kindern und einem Ehemann, der neben seinem Geschäft auch gesellschaftlich stark engagiert war, dürfte sie allerhand zu bewerkstelligen gehabt haben.

Wie in jeder Familie gab es freudige und traurige Anlässe, die das Leben prägten. Mit mütterlicher Sorge beobachtete sie vermutlich, wie ihr ältester Sohn in den Ersten Weltkrieg ziehen musste. Obwohl eine allgemeine Wehrpflicht erst ab einem Alter von 20 Jahren bestand, wurde ihr Sohn Paul 1916 eingezogen. Aufgrund des hohen Bedarfes wurden junge Männer bereits im Laufe des 17. Lebensjahres eingezogen. Paul, der 1899 geboren war, erreichte 1916 dieses Alter und war von dieser Regelung betroffen. Er überlebte das Grauen des Krieges.

Die Zwanziger Jahre waren geprägt von einigen freudigen Anlässen. Den Auftakt machte ihr Schwiegervater, Jakob Aufseesser, der am 22. Januar 1922 seinen 90. Geburtstag feierte.

Im Jahr darauf, am 30. Dezember 1923, heiratete Tochter Else Aufseesser in Nürnberg Dr. jur. Max Mayer.

Kurz nach diesem freudigen Familienereignis verstarb Jakob Aufseesser, der Vater ihres Mannes, am 23. Februar 1924.

Freud und Leid wechselten in kurzen Abständen. Der älteste Sohn, Paul Aufseesser, heiratete wenige Wochen später, am 24. März 1924, die aus Augsburg stammende Rosa Wilmersdörffer. Das Paar wohnte im 1. Stock des Geschäftshauses am Josefsplatz 11 in Nürnberg. 1926 kam ihr erstes Kind zur Welt. Paul Aufseesser wurde dann auch neben seinem Vater und Onkel Mitinhaber des Familienunternehmens, wie dem Nürnberger Adressbuch von 1927 zu entnehmen ist.

1926 wurde das erste Enkelkind, Ernst Aufseesser, das erste Kind von Paul und Rosa Aufseesser, in Nürnberg geboren.

Der jüngere Sohn Max besuchte von Mai 1923 bis März 1926 in Nürnberg die Städtische Höhere Handelsschule und schien ebenfalls eine kaufmännische Karriere anzustreben. Mit Ausnahme von Turnen dürften die Zeugnisse die Mutter mit Stolz erfüllt haben. In der Notenliste bezeichnete der Lehrer ihn als „braven und begabten Schüler“.


Am 27. Dezember 1927 wird Joseph Aufseesser für seine Verdienste zum Kommerzienrat ernannt. Die "Jüdisch-liberale Zeitung" vom 27. Januar 1928 berichtete darüber:

"Nürnberg. (Ernennung.) Herr Joseph Aufseesser, ein eifriger Förderer des liberalen Judentums in Nürnberg und treuer Mitarbeiter an den Zielen der liberalen Vereinigung und dieser Zeitung, hat den von der bayerischen Regierung wieder eingeführten Titel Kommerzienrat verliehen erhalten".

Die Weichen für die Zukunft waren gestellt: die Geschäftsnachfolge war geregelt, ihre Kinder waren gut ausgebildet, zum Teil bereits verheiratet und ein erstes Enkelkind war geboren. Ihr Mann war inzwischen 70 Jahre alt und die beiden hätten eigentlich einen schönen Lebensabend ohne Sorgen verbringen können.


Leben im Nationalsozialismus

In Nürnberg wie auch in anderen Teilen Deutschlands wuchs nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg der Hass gegen Juden stark an. Nürnberg entwickelte sich hier leider zu einer Hochburg. Ab 1923 gab der Agitator Julius Streicher in Nürnberg die Wochenzeitung „Der Stürmer“, ein Hetzblatt der übelsten Sorte, heraus. In diesem Umfeld der wachsenden antisemitischen Atmosphäre haben nicht wenige Juden Nürnberg schon vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten verlassen. Nicht erst die sogenannte „Machtergreifung“ Anfang 1933 hatte Auswirkungen auf das Leben der Familie Aufseesser. 

Schon sehr früh gaben die Aufseessers das Geschäft auf, das ihr Sohn Paul inzwischen in dritter Generation in der Nürnberger Altstadt führte. Im Deutschen Reichsanzeiger und Preußischen Staatsanzeiger vom 20. Juli 1934 wurde die Löschung der Firma „J. Aufseesser, Nürnberg“ im Zentralhandelsregister veröffentlicht. Das Geschäft ist auf eine Firma Adolf Braun Damenhüte übergegangen. Es ist kaum vorstellbar, dass sich die Familie freiwillig vom Unternehmen getrennt hatte.

Nicht genug, dass mit dem Geschäft das Lebenswerk ihres Mannes verloren ging. Im Sommer 1934 mussten die Aufseessers Abschied von ihren beiden Söhnen nehmen. Sohn Max Aufseesser meldete sich am 21. Juni 1934 nach Paris ab. Sein älterer Bruder Paul und seine Frau Rosa Aufseesser verließen Nürnberg einen Monat später, am 21. Juli 1934, in Richtung Tel Aviv, Palästina. Die Tochter Else und ihr Mann Dr. Max Mayer wanderten um dieselbe Zeit ebenfalls nach Palästina aus.

Es mag für Wilhelmine und Joseph Aufseesser sehr schmerzhaft gewesen sein, dass der Kreis ihrer Lieben in Nürnberg merklich kleiner wurde.

Im Zuge der Reichspogromnacht wurde auch ihr Mann verhaftet und war kurzzeitig in Dachau inhaftiert.

Nach diesen Erlebnissen rückten die verbliebenen Familienmitglieder enger zusammen. Im Dezember 1938 zog ihre damals 84-jährige Mutter, Ernestine Bacharach, von München zu ihnen.

Anfang Juli 1942 verloren die Aufseessers ihre Wohnung in der Dennerstraße 5 in Nürnberg. Sie hatten dort im 1. Stock über vier Jahrzehnte gewohnt. Zunächst ging es nur ein Haus weiter in die Dennerstraße 6, wo sie zwei Monate untergebracht waren. 


„Theresienstädter Altersheim“

Wenige Tage vor ihrer Deportation nach Theresienstadt schlossen die Eheleute Aufseesser einen Heimeinkaufsvertrag für Theresienstadt ab. Dies geschah auf Veranlassung der Gestapo mit der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland.

In diesen Verträgen wurde älteren jüdischen Menschen auf Lebenszeit Heimunterkunft, Verpflegung und eine ärztliche Versorgung versprochen. Für dieses leere Versprechen hatten die Eheleute über 60.000 RM bezahlt. Die Aufseessers hatten sich vermutlich darauf eingelassen, um einem Transport in den Osten zu entgehen.

Vermutlich stellten sie erst in Theresienstadt fest, dass sie nicht nur um ein Vermögen betrogen worden waren. Die Zustände in Theresienstadt waren keineswegs von Fürsorge und Pflege, sondern von katastrophalen Lebensbedingungen geprägt.

Mit dem Transport II/25 wurden die Eheleute Joseph und Wilhelmine Aufseesser sowie Ernestine Bacharach am 11. September 1942 nach Theresienstadt deportiert, bzw. „in das Protektorat verschoben“, wie auf ihrer Einwohnermeldekarte vermerkt wurde. Ihre Mutter Ernestine dürfte mit 88 Jahren eine der ältesten Deportierten dieses Transportes gewesen sein. Sie überlebte dort nur wenige Tage, sie verstarb am 24. September 1942.

Nur einen Monat später, am 27. Oktober 1942, verstarb sie selbst. Ihr Mann Joseph Aufseesser überlebte die beiden nur kurz. Er verstarb am 23. Februar 1943 in Theresienstadt. Für alle drei wurde als Todesursache in der Sterbeurkunde des Ghettos Theresienstadt Darmentzündung und bei Joseph Aufseesser zusätzlich noch Lungenentzündung angegeben.


Erinnerung

Seit dem30. April 2026 erinnern zwei Stolpersteine Am Plärrer 8 - ehemals Dennerstraße 5 - in Nürnberg an Joseph und Wilhelmine Aufseesser.

Stolperstein in der Dennerstraße in Nürnberg (nähe Am Plärrer 8)

Schicksal der Kinder und weiterer Familienangehöriger

Kinder

Ihr Sohn Paul Aufseesser heiratete am 24. März 1924 die aus Augsburg stammende Rosa Wilmersdörffer. Sie wurde am 14. März 1902 in Augsburg geboren.  Am 21. Juli 1934 meldete sich das Paar nach Tel Aviv, Palästina, ab. Sie hatten zwei Kinder. Paul Aufseesser verstarb 1980 in Vevay in der Schweiz und seine Frau Rosa 1991 in La Tour-de-Peilz.

Ihre Tochter Else Aufseesser, in Palästina dann Elisheva, heiratete am 29. Dezember 1923 Dr. Max Mayer. Das Paar hatte zwei Kinder, Walter, der als 12-jähriger verstarb und Hans, der über 80-jährig in Haifa verstarb.

Ihr Sohn Max Aufseesser besuchte in Nürnberg das Johannes-Scharrer-Gymnasium und von 1923 bis 1926 die höhere Handelsschule. Nach seinen Zeugnissen war er wohl sprachbegabt. Er meldete sich am 21. Juni 1934 nach Paris ab. Er heiratete die aus Wien stammende Renee Gertrude Baumgartl, die am 13. April 1914 in Wien geboren wurde. Sie haben die Shoa überlebt, da sie 1947 in Paris die französische Staatsbürgerschaft erworben hatten. Ihre Sterbedaten konnten nicht ermittelt werden.

Geschwister

Ihre Schwester Rosa Bacharach heiratete am 28. Juni 1904 in München den Mannheimer Kaufmann Adolf Rittmann. Er wurde am 6. Februar 1874 in Podgorze - heute ein Stadtteil von Krakau - in Polen geboren. Er betrieb in Mannheim ein Geschäft für Damenhüte. Sie dürfte ihren Mann vermutlich über ihren Schwager Arthur Rittmann, der in München am Rindermarkt ebenfalls ein Geschäft für Damenhüte betrieb, kennengelernt haben. Rosa und Adolf Rittmann hatten zwei Töchter. Adolf Rittmann beging angeblich 1938 in Untersuchungshaft Selbstmord. Die Witwe Rosa Rittmann wanderte 1939 über England in die USA aus. Sie verstarb am 5. Juni 1956 in New York.


Text und Recherche

  • Stefan Dickas, April 2026

Quellen

  • Jüdisches Museum Berlin, Konvolut 520, Sammlung Familien Aufseesser / Pauson, Signatur 2019/9/1 (Hochzeit Joseph A.), Signaturen 2019/9/94-101 (Hochzeit Else).

  • Stadtarchiv München, EMK zu Max Bacharach.

  • Stadtarchiv Nürnberg, GSI 180 Nr. 213.470, Eintrag zu Joseph Aufseesser, GSI 180 Nr. 363.649 zu Paul Max Aufseesser und GSI 180 Nr. 213.402 zu Max Aufseesser, Einwohnermeldekarten Joseph, Paul und Max Aufseesser, F 17 Nr. 3 Heimeinkaufsverträge Aufseesser, C 130 Nr. 61, 78 und 96 Notenlisten Max Aufseesser Städt. Höhere Handelsschule Nürnberg, Nürnberg, C 61 Nr. 454, Ablieferung von Judenvermögen, Aufseesser Joseph.

Onlinequellen‍ ‍

Literatur

  • ‍Marita Krauss (Hrsg.): Die bayerischen Kommerzienräte, Volk-Verlag, München 2016, Seite 398.

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Fritz Bach