Ernestine Bacharach, geb. Bing
Ernestine Bacharach (Quelle: Stadtarchiv Nürnberg, C21 VII 4-603)
Geboren am 15. Juli 1854 in Wien, Österreich
Deportiert am 10. September 1942 von Nürnberg nach Theresienstadt
Gestorben am 24. September 1942 in Theresienstadt
Herkunft
Die Familie Bing stammte ursprünglich aus Nikolausburg in Mähren - das heutige Mikulov in Tschechien. Die Region grenzt unmittelbar an Niederösterreich an. Der Vater von Ernestine Bing, Michael Bing, wurde dort geboren. Die Familie übersiedelte nach Wien, wo sie ab ca. 1840 nachweisbar ist. Ihr Vater, der Drechsler und Fabrikant Michael Bing heiratete am 27. Juni 1852 die Wienerin Karoline Grünholz. Aus dieser Ehe gingen 13 Kinder hervor.
Ernestine Bing, das zweite Kind der Eheleute, wurde am 15. Juli 1854 in Wien geboren. Viele von ihren zahlreichen Geschwistern verstarben bereits als Kleinkinder.
Über ihre Kindheit und Jugend wissen wir nichts.
Ihr Ehemann
Ihr Mann, Max Bacharach, war ein erfolgreicher Ledergroßhändler und deutlich älter, geboren am 28. Juli 1830 in Fellheim im Landkreis Memmingen. Er betrieb in der Sendlinger Straße 69 ein Lederwarengeschäft „Josef Bacharach & Sohn“. Für Max Bacharach war dies die zweite Ehe. Seine erste Frau, Henriette Vogel stammte aus Augsburg und war 1873 mit nur 39 Jahren verstorben. Aus dieser Ehe hatte Max Bacharach bereits zwei Söhne: Sigmund, der am 31. Juli 1858 in Augsburg geboren wurde, sowie Julius, der in München am 26. April 1864 zur Welt kam.
Von der Donau an die Isar
Im Juli 1874 gaben Max Bacharach und Ernestine Bing ihre Verlobung bekannt, die Hochzeit folgte am 15. September 1874 in Wien. Beide Eheleute waren jüdischen Glaubens. Nach der Hochzeit lebte das Paar in München. Ab dem 1. Oktober 1874 waren sie in München gemeldet.
Ernestine schenkte drei Töchtern das Leben: Wilhelmine, die 1877, Rosa die 1879 und Josepha, die 1884 in München zur Welt kamen. Josepha verstarb aber bereits als vierjähriges Kind.
Ihr Mann Max Bacharach verstarb am 26. November 1908 in München. Aus einem Nachruf in den Münchner Neuesten Nachrichten wissen wir, dass er sein in Fellheim in Schwaben gegründetes Lederwarengeschäft 1857 nach Augsburg und dann ab dem 1. Oktober 1862 nach München verlegt hatte. Das Geschäft befand sich zunächst „bei Bögner im Thal rückwärts“, bevor es an den Rindermarkt 3 verlegt wurde.
Nach dem Tod ihres Mannes zog Ernestine Bacharach Anfang Januar 1909 in die Schwanthalerstraße 30 in den 3. Stock – vermutlich zu ihrem Stiefsohn. Unter der gleichen Adresse ist auch ein Julius Bacharach im Münchner Adressbuch eingetragen.
Fast drei Jahrzehnte lebte sie dort, auch nach dem Tod von Julius Bacharach im Jahre 1917. Ab dem 10. November 1938 wohnte sie kurzzeitig in der Tengstraße 33 in Schwabing. Das Umzugsdatum ist auffällig, lag es doch direkt nach der Reichspogromnacht. Es läge im Bereich von Spekulation Gründe für den Umzug zu nennen. Ihr Vermieter war die jüdische Familie Neuburger. Nur einen Monat später, am 16. Dezember 1938, gab sie diesen Wohnsitz auf und zog zu ihrer Tochter Wilhelmine, genannt Mina, nach Nürnberg. Dort lebte die 84-Jährige im Haushalt mit der Tochter und ihrem Schwiegersohn Joseph Aufseesser bis zu ihrer Deportation nach Theresienstadt.
Am 10. September 1942 wurden 1.000 Menschen, darunter 533 ältere, jüdische Bewohner aus Nürnberg mit Transport II/25 von Nürnberg nach Theresienstadt deportiert. Ernestine Bacharach, ihre Tochter und ihr Schwiegersohn, waren darunter. Für die inzwischen 88-jährige muss die Deportation nach Theresienstadt eine Tortur gewesen sein. Sie verstarb dort bereits wenige Tage später. Laut Todesfallanzeige des Ältestenrates starb Ernestine Bacharach am 24. September 1942 um 16.45 Uhr in Zimmer 39 des Gebäudes A II, der Jägerkaserne, an "Darmkatarrh".
Weitere Informationen zu ihrer Familie
Ihr Stiefsohn Julius Bacharach verstarb am 10. Dezember 1917.
Ihre Tochter Josepha Bacharach starb am 7. April 1889 in München.
Ihre Tochter Wilhelmine war mit dem Kaufmann Joseph Aufseesser verheiratet. Die beiden wurden mit dem gleichen Transport wie Ernestine Bacharach von Nürnberg nach Theresienstadt deportiert. Beide, Wilhelmine und ihr Mann Joseph Aufseesser, kamen ebenfalls in Theresienstadt ums Leben.
Ihre Tochter Rosa heiratete am 28. Juni 1904 in München den Kaufmann Adolf Rittmann aus Mannheim und zog in den Heimatort des Ehemannes. Ihr Mann nahm sich das Leben. Rosa Rittmann konnte im März 1939 nach England emigrieren, wo sie ein Jahr später, im März 1940, ein Visum für die USA erhielt. Sie verstarb am 5. Juni 1956 in New York, USA.
Text und Recherche
Stefan Dickas, April 2026
Quellen
Auskunft des Stadtarchives München vom 20.2.2024 (Quartierskarte, Familienbogen, EMK).
Onlinequellen
https://gedenkbuch.muenchen.de/index.php?id=gedenkbuch_link&gid=10685 zuletzt aufgerufen am 28.04.2026.
https://digipress.digitale-sammlungen.de: Der freie Landesbote vom 14.7.1874, zuletzt aufgerufen am 28.04.2026.
https://digipress.digitale-sammlungen.de: Münchner Bote für Stadt und Land vom 13.9.1873, zuletzt aufgerufen am 28.04.2026.
https://digipress.digitale-sammlungen.de: Münchner Neueste Nachrichten vom 1.12.1908, zuletzt aufgerufen am 28.04.2026.
Literatur
Gaugusch, Werner: Wer war einmal – Das jüdische Großbürgertum Wiens 1800 – 1938, Band 1, A-K erschienen im Jahrbuch der Heraldisch-genealogischen Gesellschaft Adler, Dritte Folge, 2011, Verlag Amalthea Wien, Seiten 218-228.