Julius Löwenthal
Julius Löwenthal, Bild: Stadtarchiv München DE -1992-KKD-2543
Geboren am 31. März 1878 in Rothenburg ob der Tauber
Suizid am 17. Juni 1942 in München
Familie Löwenthal
Julius Löwenthals Eltern stammten aus dem Dorf Archshofen, heute ein Stadtteil von Creglingen. Hier wurden seine Schwestern Karoline, genannt Lina, am 20. Oktober 1872 und Selma am 20. Januar 1874 geboren. Vermutlich 1874 ließ sich die Familie in der etwa 18 km südöstlich gelegenen Stadt Rothenburg ob der Tauber nieder. Seit der Ausweisung der Juden 1520 hatten dort keine Juden mehr gelebt, doch nun begannen einige Familien, wieder eine jüdische Gemeinde zu gründen. Ein Grund dafür mag der Anschluss an das Eisenbahnnetz 1873 gewesen sein, eine wichtige Voraussetzung für den Handel. Julius Löwenthals Vater Leopold, vermutlich 1839 geboren, betrieb gemeinsam mit seinem Bruder Samuel in Rothenburg einen Viehhandel. Beide beteiligten sich auch am Aufbau der jüdischen Gemeinde. Im Februar 1875 suchten sie einen Religionslehrer, Vorbeter und Schächter. „Anmeldungen beliebe man an Gebrüder Löwenthal hier zu richten,“ ist im Jüdischen Gemeinde-Anzeiger vom 3. März 1875 zu lesen.
In Rothenburg brachte Babette Löwenthal ihre dritte Tochter Margarethe, am 28. Juni 1875, zur Welt und ihre Söhne Julius, am 31. März 1878, und Ludwig, am 12. Juni 1879. Beide Söhne besuchten die Realschule, über die Schulbildung der Töchter ist nichts bekannt.
Julius Löwenthal und sein Bruder Ludwig arbeiteten im Betrieb ihres Vaters mit, der sich immer mehr erweiterte und bald den Handel mit Getreide, Futter- und Lebensmitteln einschloss. 1917 starb der Vater. Die beiden Brüder führten den Handel gemeinsam weiter, obwohl Julius’ Bruder Ludwig ab dem 1. Januar 1918 in München gemeldet war. 1922 erweiterten sie das Sortiment mit dem Handel von Kraftfuttermitteln, Öl- und Hülsenfrüchten, Futter- und Zuckerrüben, Feldgemüse und Mais.
Als Freiwilliger im „Boxer-Aufstand“
Doch bevor Julius Löwenthal in den Vieh- und Futtermittelhandel einstieg, trieb ihn zunächst die Abenteuerlust nach China.
In der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 27. August 1900 findet sich eine Meldung aus Berlin, in der jüdische China-Freiwillige namentlich genannt werden. Darunter auch: „Julius Rosenthal aus Rothenburg o. d. Tauber, meldete sich bei der bayerischen Freiwilligentruppe in Nürnberg, befindet sich auf dem Wege nach Ostasien.“ Als im Juni 1900 in Peking der Geheimbund Yi-he quian – „Faust für Recht und Einigkeit“ – den deutschen Diplomaten Clemens August Freiherr von Ketteler ermordete, rief Kaiser Wilhelm II. Freiwillige dazu auf, im „Boxer-Aufstand“ an der Seite alliierter Truppen zu kämpfen. 1901 kehrte der 23-jährige Julius unversehrt aus China zurück.
Neue Heimat München
Im gleichen Jahr, als er aus China zurückkehrte, verließ seine Schwester Margarethe Oberdorfer ihre Heimatstadt und zog nach München. 1909 folgten Schwestern Karolina (Lina) Kaufmann und 1916 Selma Gerstle – und wie bereits erwähnt – 1918 Ludwig.
Vermutlich lernte Julius Löwenthal bei einem Besuch seiner Geschwister die 15 Jahre jüngere Kaufmannstochter Elise Adler kennen. Am 5. Dezember 1917 heirateten sie in München, lebten danach aber in Rothenburg ob der Tauber. Hier kam am 13. Februar 1919 ihre Tochter Marianne zur Welt und zwei Jahre später, am 8. März 1921, Antonie. Erst am 1. Januar 1926 ließ sich die Familie in München im 2. Stock in der Schwanthalerstraße 18 nieder. Knapp zwei Jahre später, am 5. Oktober 1927, wechselte die Familie in den 3. Stock der Winzererstraße 52.
Julius Löwenthal betrieb mit Hermann Manasse seit dem 30. August 1926 in der Moosacher Straße 4 einen Vieh- und Pferdehandel; sein Büro befand sich in der Kobellstraße 15. 1931 endete die Partnerschaft offenbar auf unschöne Weise. Manasse blieb Löwenthal 600 Reichsmark schuldig und leistete schließlich zu einem unbekannten Zeitpunkt einen Offenbarungseid.
Die Nationalsozialisten kommen an die Macht
Nachdem Adolf Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt worden war, übernahm er am 9. März 1933 auch in Bayern die Macht. Nur wenige Tage danach wurden Oppositionelle und jüdische Rechtsanwälte verhaftet und jüdische Bürger schikaniert. Am 12. April 1933 drangen drei Männer mit Waffengewalt in die Wohnung von Julius Löwenthal ein. Sie trugen SS-Uniformen und gaben sich als Kriminalkommissare aus. Bereits in den vorangegangenen Tagen hatten sie jüdische Familien überfallen und wie bei den Löwenthals Bargeld und Schmuck geraubt.
Schon seit längerer Zeit versuchte der Viehwirtschaftsverband Bayern, jüdische Viehhändler aus dem Gewerbe zu drängen. So informierte im Sommer 1937 der Verband das Gewerbeamt, Julius Löwenthal sei „persönlich unzuverlässig“ und verlangte, ihm die Zulassung zum Viehhandel zu entziehen. Da der Verband keinen Grund für „Unzuverlässigkeit“ angab, unternahm das Gewerbeamt zunächst nichts. Doch im Dezember teilte es ihm mit, seine Gewerbeanmeldung sei „von Amts wegen“ gestrichen worden. Gleichzeitig löschte das Amt seine Gewerbeanmeldung rückwirkend zum 19. August 1937. Löwenthal erhob dagegen Einspruch und hatte damit vorübergehend Erfolg. Doch im Sommer 1938 bestätigte das Schiedsgericht des Reichsnährstandes den Widerruf der Zulassung, wiederum ohne Begründung. Die vom Viehwirtschaftsverband geforderte polizeiliche Überwachung Löwenthals verlief ohne Ergebnis.
Im April 1938 mussten alle jüdischen Münchner vor dem Finanzamt ihr Vermögen offenlegen. Nach dem Verzeichnis des Finanzamtes vom Juni 1938 war Julius Löwenthal auch Pächter einer Gärtnerei. Nicht erwähnt ist, wie lange er die Gärtnerei schon betrieb. Laut einer Notiz in dem Verzeichnis war er „z. Zt. ohne Arbeit, da krank“.
Im September 1938 heiratete seine Tochter Marianne den 1909 geborenen Rudi Lesser. Beide emigrierten anschließend über England nach Kenia. Für die Aussteuer und Auswanderung Mariannes wandte er einen großen Betrag auf. Eine Entscheidung, die bald zu finanziellen Problemen führte.
Die „Kristallnacht“ und ihre Folgen
Unmittelbar nach der Pogromnacht am 9. November 1938 erließen die Nationalsozialisten eine ganze Reihe antijüdischer Gesetze und Verordnungen. Alle jüdischen Bürger mit einem Vermögen über 5.000 Reichsmark mussten 20 Prozent ihres Vermögens in vier Raten bis Mitte August an das Finanzamt abführen. Später folgte eine fünfte Rate.
Das Finanzamt setzte die Vermögensabgabe für Julius Löwenthal am 16. Dezember 1938 auf 650 Reichsmark pro Rate fest. Am 30. Dezember bat er die Regierung von Oberbayern, ihn von dieser Sondersteuer zu befreien. Sein Vermögen habe sich seit April beträchtlich vermindert. Sein Lebensunterhalt betrage „in Folge Krankheit ca. RM 2000“. Für die Hochzeit seiner Tochter Marianne im September und deren Auswanderung hatte er 5.000 Reichsmark beschaffen müssen und deshalb den Anteil an der Gärtnerei verpfändet. Zusätzlich hatte ihm seine Schwester Margarethe Oberdorfer Geld geliehen. Verbindlichkeiten konnte er nicht eintreiben, weil die betroffenen Betriebe zwangsversteigert worden waren oder die Besitzer „unauffindbar“. Eine Reaktion der Behörde findet sich in der Akte nicht.
Am 3. April 1939 zog die Familie in die Schwanthalerstraße 91. Sie teilte sich dort vermutlich eine Wohnung mit Julius‘ Bruder Ludwig und dessen Frau Julie, die seit 1936 dort lebten.
Am 22. September 1940 teilte Julius Löwenthals 19-jährige Tochter Antonie dem Finanzamt mit, ihr Vater könne die geforderte Vermögenserklärung nicht fristgerecht einreichen, „da er z. Zt. nicht anwesend ist.“ Julius befand sich wegen eines Schlaganfalls im Krankenhaus. Er war halbseitig gelähmt und arbeitsunfähig. Am 30. Oktober gab er die Vermögenserklärung ab und gab an, noch Wertpapiere in Höhe von 396 Reichsmark zu besitzen.
Nachdem jüdische Männer schon seit vielen Monaten Zwangsarbeit leisten mussten, wurden 1941 auch Jüdinnen dazu verpflichtet – darunter die 20-jährige Antonie Löwenthal. Ab August 1941 musste sie Zwangsarbeit in dem Arbeitslager der Flachsröste Lohhof GmbH leisten.
Suizid als Ausweg
Am 31. Januar 1942 zog die Familie nochmals um. Vielleicht war die Wohnung in der Holzkirchner Straße 5 in Großhesselohe geräumiger und für den schwerkranken Julius Löwenthal besser geeignet. Ob es eine Villa war, wie die Zeugin Lina Koch 1962 aussagte, oder nur ein großes Haus, ist unerheblich. Lina Koch erinnerte sich später, dort einen Glasschrank und andere Möbel gesehen zu haben, die aus der alten Wohnung der Löwenthals stammten.
Die Unruhe der Eltern muss groß gewesen sein, als sie von der Deportation der Zwangsarbeiterinnen aus der Flachsröste Lohhof am 20. November 1941 erfuhren. Die Sorge war berechtigt. Antonie Löwenthal wurde mit 36 weiteren Frauen aus dem Arbeitslager am 4. April 1942 nach Piaski in Polen verschleppt. Die Eltern hörten nie wieder von ihr.
Am 17. Juni 1942, etwas mehr als drei Monate nach der Deportation seiner Tochter Antonie, nahm sich Julius Löwenthal das Leben. Es war derselbe Tag, an dem seine 68-jährige Schwester Selma Gerstle ins Ghetto Theresienstadt verschleppt wurde. Dass er exakt an diesem Tag seinem Leben ein Ende setzte, mag Zufall sein. Doch die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass auch er an diesem Tag für den Transport nach Theresienstadt vorgesehen war oder bereits einen Deportationsbescheid erhalten hatte. Im Sommer oder Herbst 1941 hatte er nochmals einen Schlaganfall erlitten. Möglicherweise sah er für sich keine Überlebenschance und starb lieber Zuhause als in einem Ghetto. Die offizielle Todesursache wurde mit „Schlaganfall“ angegeben.
Schicksal seiner Angehörigen
Elise Löwenthal, geb. Adler, geboren am 22. Januar 1893, musste ab September 1942 in das Sammellager in Berg am Laim ziehen und Zwangsarbeit leisten. Am 13. März 1943 wurde sie nach Auschwitz deportiert und ermordet.
Seine Tochter Marianne Lesser wanderte nach Kenia aus und beantragte 1965 Wiedergutmachung.
Seine Tochter Antonie wurde am 4. April 1942 nach Piaski deportiert und ermordet.
Sein Bruder Ludwig Löwenthal, geboren am 12. Juni 1879, und Selma, geb. Raaber, geboren am 17. Mai 1888, mussten in das Lager in Berg am Laim ziehen. Von dort leistete er Zwangsarbeit im Gartenbau. Am 13. März 1943 wurden beide nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Ab März 2023 hält ein Erinnerungszeichen an der Rosenheimer Straße 214 das Gedenken an das Ehepaar wach.
Selma Gerstle, geb. Löwenthal, geboren am 20. Januar 1874, wurde am 17. Juni 1942 nach Theresienstadt deportiert. Die unmenschlichen Zustände in dem Ghetto überlebte sie nur sechs Monate. Sie starb am 6. Februar 1943.
Margarethe (Gretchen) Oberdorfer, geb. Löwenthal, geboren am 28. Juni 1875, starb am 26. Januar 1939 in München. Die Todesursache ist unbekannt. Ihre Tochter Anna war mit ihrem Mann, dem Arzt Julius Sichel, und ihren Kindern im April 1938 nach Buenos Aires ausgewandert.
Karoline (Lina) Kaufmann, geb. Löwenthal, geboren am 2. Oktober 1872, wurde am 17. Juli 1942 ins Ghetto Theresienstadt deportiert und am 27. August 1942 dort ermordet.
Text und Recherche
Ingrid Reuther, Dezember 2024
Quellen
Stadtarchiv München, Biographisches Gedenkbuch der Münchner Juden 1933-1945, EWK 65 L 285 und PMB L 127.
Staatsarchiv München, WB I N 8052, OFD 4258, OFD 9046, OFD 8745, OFD 7645, FinA 18347, Pol.Dir. 14367.
Stadtarchiv Rothenburg ob der Tauber, STAR NA 746.STAR NA 744/9, STRA NA 975/5, STAR NS, www.rothenburg-unterm-hakenkreuz.de, aufgerufen im Mai 2023.
Literatur
Selig, Wolfram: „Arisierung“ in München – Die Vernichtung jüdischer Existenz 1937-1939, Berlin 2004, S. 593-594.
Strnad, Maximilian, Flachs für das Reich: Das jüdische Zwangsarbeiterlager "Flachsröste Lohhof" bei München, München 2013, S. 142.