Elise Löwenthal, geb. Adler

L-R
 

Elise Löwenthal
Bild: Stadtarchiv München, DE-1992-KKD-2537-02

Geboren am 22. Januar 1893 in München

Deportiert nach Auschwitz am 13. März 1943

Ermordet in Auschwitz

 

Elternhaus

Elise Adlers Eltern lebten seit 1881 in München. Ihr Vater Maier Adler war Kaufmann und Teilhaber der Getreidehandlung Elias Adler. Ihre Mutter Antonie Dreyfuß brachte vier Kinder zur Welt: Max, geboren am 9. Januar 1882, Franziska Fanny, geboren am 3. Mai 1885, Martha, geboren am 8. Dezember 1889 und schließlich Elise, geboren am 22. Januar 1893. Sie besuchte in München die Mittelschule.


Heirat und Familiengründung

Am 5. Dezember 1917 heiratete Elise Adler in München den Vieh- und Pferdehändler Julius Löwenthal. Ihre Eltern konnten nicht mehr dabei sein. Ihre Mutter war im August 1914 gestorben, ihr Vater starb sechs Monate vor der Hochzeit.

Julius Löwenthal stammte aus Rothenburg ob der Tauber, wo er einen Vieh- und Futtermittelhandel betrieb. Nach der Hochzeit in München – wo seit vielen Jahren seine Geschwister lebten – ließen sie sich in seiner Heimatstadt nieder. Dort kam am 13. Februar 1919 ihre Tochter Marianne zur Welt. Zwei Jahre später, am 8. März 1921, wurde die zweite Tochter geboren, der sie in Erinnerung an ihre verstorbene Mutter den Namen Antonie gaben.

Erst am 1. Januar 1926 übersiedelte die Familie nach München in die Schwanthalerstraße 18. Seinen Pferde- und Futtermittelhandel betrieb Julius Löwenthal in der Moosacher Straße 4.


Die Nationalsozialisten kommen an die Macht

Nachdem Adolf Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt worden war, übernahm er am 9. März 1933 auch in Bayern die Macht. Nur wenige Tage danach wurden Oppositionelle und jüdische Rechtsanwälte verhaftet sowie jüdische Bürger schikaniert. Am 12. April 1933 drangen drei Männer mit Waffengewalt in die Wohnung der Löwenthals ein. Sie trugen SS-Uniformen und gaben sich als Kriminalkommissare aus. Wie schon in den vorangegangenen Tagen bei anderen jüdischen Familien, raubten sie auch bei den Löwenthals Bargeld und Schmuck.

In den folgenden Jahren traten in ihrer Familie finanzielle und gesundheitliche Probleme auf. Das Gewerbeamt entzog Julius Löwenthal auf Betreiben des Viehwirtschaftsverbands Bayern 1938 die Zulassung. Gleichzeitig erkrankte er schwer und war einige Monate arbeitsunfähig. In der Akte befindet sich eine Liste aus dem Arbeitsamt München. 1937 sind dort sowohl Elise Löwenthal als auch ihre Tochter Antonie vermerkt. Ob sie Arbeit suchten und fanden, lässt sich nicht feststellen.

Im September 1938 heiratete ihre Tochter Marianne den zehn Jahre älteren Rudi Lesser. Beide emigrierten anschließend nach England und später weiter nach Kenia. Trotz ihrer angespannten finanziellen Lage ließen es sich die Eltern nicht nehmen, sie angemessen auszustatten und auch einen Beitrag zur Auswanderung zu leisten.


Die „Kristallnacht“ und ihre Folgen

Unmittelbar nach der Pogromnacht am 9. November 1938 erließen die Nationalsozialisten eine ganze Reihe antijüdischer Gesetze und Verordnungen. Alle jüdischen Bürger mit einem Vermögen über 5.000 Reichsmark mussten 20 Prozent ihres Vermögens in vier Raten bis Mitte August an das Finanzamt abführen. Das Finanzamt setzte die Vermögensabgabe für die Familie auf 650 Reichsmark pro Rate fest. Doch durch die Krankheit ihres Mannes war das Familienvermögen dahingeschmolzen, so dass es bereits schwerfiel, die erste Rate zu bezahlen.

Am 3. April 1939 zog die Familie in die Schwanthalerstraße 91. Sie teilte sich vermutlich eine Wohnung mit ihrem Schwager Ludwig und dessen Frau Julie, die seit 1936 dort lebten.

Im Herbst 1940 erlitt Julius Löwenthal einen Schlaganfall. Er trug eine halbseitige Lähmung davon und war arbeitsunfähig. Von den etwas mehr als 1.680 Reichsmark, die Elise Löwenthal ein Jahr zuvor laut Vermögenserklärung noch besaß, dürfte kaum noch etwas übrig gewesen sein.

Im Juni 1941 wurde ihre Tochter Antonie zur Zwangsarbeit in der Flachsröste in Lohhof verpflichtet.


Bittere Jahre

Am 31. Januar 1942 zogen Elise und Julius Löwenthal nochmals um. Vielleicht war die Wohnung in der Holzkirchner Straße 5 in Großhesselohe geräumiger und für ihren schwerkranken Mann besser geeignet. Ob es eine Villa war, wie die Zeugin Lina Koch 1962 aussagte, oder nur ein großes Haus, ist unerheblich. Lina Koch erinnerte sich später, dort einen Glasschrank und andere Möbel gesehen zu haben, die aus der alten Wohnung der Löwenthals stammten.

Die Unruhe der Eltern muss groß gewesen sein, als sie von der Deportation der Zwangsarbeiterinnen aus der Flachsröste Lohhof am 20. November 1941 erfuhren. Die Sorge war berechtigt. Antonie Löwenthal war eine der 37 Frauen aus dem Arbeitslager, die am 4. April 1942 nach Piaski in Polen verschleppt wurden. Die Eltern hörten nie wieder von ihr.

Nur gut zwei Monate danach, am 17. Juni 1942, nahm sich Julius Löwenthal das Leben. Die offizielle Todesursache wurde mit „Schlaganfall“ angegeben.

Nur drei Monate später, am 15. September 1942, wurde Elise Löwenthal in das Sammellager in Berg am Laim eingewiesen. Die „Miete“ betrug 60 Pfennige pro Tag. Von dort aus musste sie als Hilfsarbeiterin bei der Firma Obpacker AG - Kunst im Druck arbeiten.

Woher der Oberpostrat R. Winsheimer aus der Holzkirchnerstraße 5 wusste, dass in ihrer Wohnung ein Gasherd stand, bleibt ungeklärt. Zwei Tage bevor Elise Löwenthal in das Sammellager nach Berg am Laim gebracht wurde, hatte er bei der Oberfinanzdirektion Interesse an diesem Herd angemeldet. Die Behörde ließ ihn wissen, dass die „jüdische Mieterin noch nicht ausgesiedelt ist“, sondern sich in dem Lager befindet, und damit „das Vermögen noch nicht dem Reich verfallen ist“. Er solle sich an Elise Löwenthal direkt wenden. Dieser Fall zeigt, wie schnell sich selbst flüchtige Bekannte das Eigentum der Juden aneignen wollten.

Elise Löwenthal wurde am 13. März 1943 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.


Schicksal ihrer Angehörigen

Von ihrer Tochter Marianne Tigwell-Lesser ist nur wenig bekannt. Zu einem unbekannten Zeitpunkt war sie von England nach Kenia ausgewandert.

Ihre Tochter Antonie Löwenthal wurde am 4. April 1942 nach Piaski deportiert und ermordet.

Ihre Schwester Franziska (Fanny), geboren am 3. Mai 1855, heiratete am 5. November 1905 den Zahnarzt Dr. Oskar Bloch. Er starb 1937 in München. Franziska Bloch wurde am 20. November 1941 nach Kaunas deportiert und am 25. November dort ermordet.

Über das Schicksal ihrer anderen Geschwister konnte nichts in Erfahrung gebracht werden.


Text und Recherche

  • Ingrid Reuther, Dezember 2024

Quellen

  • Stadtarchiv München, Biographisches Gedenkbuch der Münchner Juden 1933-1945, EWK 65 L 285 und PMB L 127.

  • Staatsarchiv München, WB I N 8052, OFD 4258, OFD 9046, OFD 8745, OFD 7645, FinA 18347, Pol.Dir. 14367.

  • Stadtarchiv Rothenburg ob der Tauber, STAR NA 746.STAR NA 744/9, STRA NA 975/5, STAR NS, www.rothenburg-unterm-hakenkreuz.de, aufgerufen im Mai 2023.

Literatur

  • Selig, Wolfram: „Arisierung“ in München – Die Vernichtung jüdischer Existenz 1937-1939, Berlin 2004, S. 593-594.

  • Strnad, Maximilian, Flachs für das Reich: Das jüdische Zwangsarbeiterlager "Flachsröste Lohhof" bei München, München 2013, S. 142.

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