Antonie Löwenthal
Geboren am 8. März 1921 in Rothenburg ob der Tauber
Deportiert am 4. April 1942 nach Piaski in Polen
Elternhaus
Antonie Löwenthals Eltern waren der Vieh- und Pferdehändler Julius Löwenthal und die Münchner Kaufmannstochter Elise Adler. Bis 1926 lebte die Familie in Rotenburg ob der Tauber, der Heimatstadt ihres Vaters. Zwei Jahre vor Antonie, geboren am 8. März 1921, kam hier am 13. Februar 1919 ihre Schwester Marianne zur Welt.
Im Januar 1926 zog die Familie nach München, wo schon seit mehreren Jahren die Geschwister ihres Vaters lebten. Knapp zwei Jahre wohnten sie in der Schwanthalerstraße 18, dann wechselten sie in die Winzererstraße 52 in den 3. Stock. Antonie, die ihren Namen in Erinnerung an ihre verstorbene Großmutter mütterlicherseits erhalten hatte, besuchte nach dem Sekundarunterricht das Lyzeum. Später, als sie in der Kobellstraße 15 wohnten, absolvierte sie eine Handelsschule.
Ein schockierendes Erlebnis
Nur wenige Wochen nach der Machtübernahme zeigte sich die Macht und Willkür der Nationalsozialisten. Am 12. April 1933 drangen drei Männer mit Waffengewalt in die Wohnung der Löwenthals ein. Sie trugen SS-Uniformen und gaben sich als Kriminalkommissare aus. Bei dem Überfall raubten sie Bargeld und Schmuck. Wie sich später herausstellte, hatten sie in den Tagen davor schon andere jüdische Familien in ähnlicher Weise überfallen.
Nachdem ihrem Vater 1937 die Lizenz für den Viehhandel entzogen worden war, gerieten ihre Eltern in finanzielle Schwierigkeiten. Möglicherweise suchte die 16-jährige Antonie Löwenthal nach Arbeit, denn für 1937 ist sie in einer Liste des Arbeitsamtes vermerkt.
Im September 1938 heiratete ihre Schwester Marianne den zehn Jahre älteren Rudi Lesser und emigrierte kurz danach mit ihm nach England.
Die „Kristallnacht“ und ihre Folgen
Nach der Auswanderung ihrer Schwester dachte auch Antonie Löwenthal über eine Emigration nach und beantragte einen Reisepass. Am 17. April 1939 erhielt sie ihn ausgehändigt. Am gleichen Tag ersuchte sie beim Finanzamt für die Ausfuhr von Einrichtungsgegenständen nach England um eine Unbedenklichkeitsbescheinigung nach. Voraussetzung für eine Einreisegenehmigung in England war der Nachweis einer Arbeitsstelle. Möglicherweise gelang ihr dies nicht.
1940 erlitt ihr Vater einen Schlaganfall, der eine halbseitige Lähmung zur Folge hatte. Eine vom Finanzamt geforderte Vermögenserklärung konnte er nicht abgeben. Vermutlich befand er sich im Krankenhaus und an seiner Stelle teilte Antonie dem Amt mit, dass er „z. Zt. nicht anwesend ist“. Unterzeichnet ist das Schreiben mit Toni Sara Löwenthal.
Zwangsarbeit und Deportation
Im Sommer 1941 wurde Antonie Löwenthal zur Zwangsarbeit in der Flachsröste Lohhof GmbH verpflichtet. Am 6. August 1941 traf eine große Gruppe von 30 bis 40 jungen Frauen und Mädchen ein. Es ist jedoch nicht sicher, ob auch Antonie an diesem Tag oder einem der nächsten Tage ankam. Für diese zum Teil sehr jungen Zwangsarbeiterinnen gab es in dem Lager eine notdürftig hergerichtete Baracke, in der sie wohnen sollten, um sie einfacher zur Schichtarbeit heranzuziehen. Eigentlich sollte auch Antonie dort untergebracht werden, doch wegen der Krankheit ihres Vaters konnte sie durchsetzen, täglich nach Hause fahren zu dürfen.
Im Herbst tauchten Gerüchte über mögliche Deportationen auf. Die Hoffnung, sie würden sich nicht bewahrheiten, erfüllte sich nicht. Mitte November 1941 wurden 63 junge Frauen und ein Mann ins Sammellager nach Milbertshofen gebracht und am 20. November nach Kaunas in Litauen verschleppt. Man hörte nie wieder von ihnen.
Ab 1942 blieb Antonie keine andere Wahl, als ebenfalls in der Baracke zu schlafen. Zum Jahreswechsel waren ihre Eltern nach Großhesselohe gezogen. Der Weg von dort zum Bahnhof war zu weit, zudem war ab Herbst 1941 jüdischen Münchnern die Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel verboten.
Vier Monate nach der ersten Deportation wurde Antonie Löwenthal am 4. April 1942 nach Piaski in Polen deportiert. Sie bekam eine Liste der Dinge, die sie mitnehmen sollte, denn dort würde sie für ihren Lebensunterhalt arbeiten müssen. In dem Ghetto fehlte es an allem: an Lebensmitteln, an Medikamenten, an Unterkünften. Was mit ihr in Piaski geschah, lässt sich nicht nachvollziehen. Vielleicht wurde sie krank und starb, vielleicht wurde sie in ein weiteres Arbeitslager verschleppt. Von den nach Piaski Deportierten fehlt bis heute jede Spur.
Schicksal der Angehörigen
Ihr Vater Julius Löwenthal nahm sich am 17. Juni 1942 das Leben.
Ihre Mutter Elise Löwenthal musste ab September 1942 im Sammellager Berg am Laim Zwangsarbeit leisten. Am 13. März 1943 wurde sie nach Auschwitz deportiert und ermordet.
Von ihrer Schwester Marianne Tigwell-Lesser ist nur wenig bekannt. Sie arbeitete als Krankenschwester und als Büroangestellte. Zu einem unbekannten Zeitpunkt wanderte sie nach Kenia aus.
Text und Recherche
Ingrid Reuther, Dezember 2024
Quellen
Stadtarchiv München, Biographisches Gedenkbuch der Münchner Juden 1933-1945, EWK 65 L 285 sowie PMB L 127.
Staatsarchiv München, WB I N 8052, OFD 4258, OFD 9046, OFD 8745, OFD 7645, FinA 18347, Pol.Dir. 14367.
Stadtarchiv Rothenburg ob der Tauber, STAR NA 746.STAR NA 744/9, STRA NA 975/5, STAR NS, www.rothenburg-unterm-hakenkreuz.de, aufgerufen im Mai 2023.
Literatur
Selig, Wolfram: „Arisierung“ in München – Die Vernichtung jüdischer Existenz 1937-1939, Berlin 2004, S. 593-594.
Strnad, Maximilian, Flachs für das Reich: Das jüdische Zwangsarbeiterlager "Flachsröste Lohhof" bei München, München 2013, S. 142.