Hermann Fuld
Hermann Fuld (Bild: Stadtarchiv Weiden)
Geboren am 3. Juli 1874 in Laubuseschbach
Ermordet am 15. November 1938 im Konzentrationslager Dachau
Herkunft
Hermann Fuld wurde am 3. Juli 1874 in Laubuseschbach, im östlichen Hintertaunus, geboren. Seine Eltern waren der Kaufmann Isak Fuld und seine Ehefrau Babette/Bettchen, geb. Neuberger, (geboren um 1844, gestorben am 25. November 1900). Hermann Fuld hatte zahlreiche Geschwister:
Jeanette, geboren um 1873, verstorben als Kleinkind am 28. Februar 1878
Esther, geboren am 25. Juli 1876
Käthchen, geboren am 30. November 1878
Moritz, geboren am 10. März 1881
Siegfried, geboren am 21. April 1883
Johanette, geboren am 15. Juni 1887
Laubuseschbach ist heute ein Ortsteil der Gemeinde Weilmünster im Landkreis Limburg-Weilburg und hatte damals etwa 1.000 Einwohner.
Das Leben in der Oberpfalz
Als junger Mann verließ er seine Heimat. Was ihn dazu bewogen hatte, wissen wir nicht. Ab dem 1. August 1900 war Hermann Fuld in Weiden in der (Oberpfalz) gemeldet. Weiden hatte im Jahr 1900 knapp 10.000 Einwohner und war damit im Vergleich zu seinem Heimatort deutlich größer. Der Anteil der Menschen, die in Weiden der jüdischen Konfession angehörten, lag damals bei 1,25% Prozent.
Die Dinge entwickelten sich in Weiden gut für Hermann Fuld. Ende 1904 gab er seine Verlobung mit Laura Steiner (geboren am 13. August 1878) aus Vohenstrauß bekannt. Das genaue Heiratsdatum ist unbekannt. Nur wenige Wochen später übernahm er von Joseph Hoenigsberger das seit 1871 bestehende „Schnitt- und Modewaren, Damen-Confection und Tuchhandel“- Geschäft.
Münchner Neueste Nachrichten 4.11.1904
Allgemeine Zeitung 15.01.1905
Schon bald stellte sich Nachwuchs ein. Am 17. Januar 1906 wurde ihr erstes Kind, Tochter Erna, in Weiden geboren. Sohn Max folgte am 31. August 1909.
Mit gerade einmal 37 Jahren verstarb seine Frau Laura am 22. September 1915. Zu allem Unglück unterlag der Witwer, Vater von zwei Kindern und Unternehmer, der Mobilisierung und wurde zur Armee im Ersten Weltkrieg eingezogen. Nach dem vorliegenden Kriegsstammrollenauszug war er von Oktober 1916 bis zum Ende des Krieges an der Front in Belgien eingesetzt.
Nach dem Krieg kehrte er nach Weiden zurück. 1919 gelang es ihm, das Anwesen in der Wörthstraße 14, (frühere Nummerierung 137), in dem sich schon lange sein Geschäft befand, zu erwerben. Im gleichen Jahr, am 11. August 1919, heiratete der Witwer in Bamberg erneut. Seine zweite Frau war die deutlich jüngere Julie Sacki, geboren am 21. März 1889 in Kleinsteinach.
Mit ihr bekam er zwei weitere Söhne, Ludwig, geboren am 19. November 1922 in Weiden, und Hans, geboren am 8. April 1929 in Weiden.
Im Mai 1928 heiratete die Tochter Erna den Fürther Kaufmann Gustav Rosenfelder, geboren am 13. April 1901 in Fürth.
Das Wohn- und Geschäftshaus der Familie Fuld in der Wörthstraße 14 in Weiden (Bild: Stadtarchiv Weiden)
Anzeige im Adressbuch der Stadt Weiden von 1905 (Stadtarchiv Weiden)
Verfolgung im Nationalsozialismus
Antisemitische Handlungen gab es in Weiden schon bevor Hitler, am 30. Januar 1933, durch Hindenburg zum Reichskanzler ernannt wurde. Das Amberger Tageblatt berichtete in seiner Ausgabe vom 5. Januar 1933 von einem ersten Vorgehen gegen jüdische Mitbürger: „In der Nacht vom Dienstag auf Mittwoch [vom 3. auf 4. Januar] gegen 12 Uhr wurden drei Schaufenster des Kaufhauses Brauer und vier Schaufenster der Firma Josef Wilmersdörfer mit Steinen eingeworfen".
Aus den einzelnen Ausschreitungen entwickelte sich bald eine systematische, sich immer stärker zuspitzende Verfolgung gegenüber Juden. Wenige Wochen später fand am 1. April 1933 in Weiden, wie im ganzen Reich, ein Boykott der jüdischen Geschäfte statt. Es ist anzunehmen, dass das Geschäft von Hermann Fuld ebenfalls stark darunter gelitten hat.
Hermann Fuld wollte das, was er sich in Weiden aufgebaut hatte, nicht aufgeben. Zum 1. Januar 1935 wandelte er seine Firma in eine Offene Handelsgesellschaft um und machte seinen ältesten Sohn, Max Fuld, zum Teilhaber.
Doch schon im Mai 1935 war dieser Vertrag hinfällig, da Max Fuld in die USA emigrierte. Seine Schwester Erna folgte ihm im März 1937.
Im Sommer 1938 musste Hermann Fuld sein Geschäft aufgeben. Er verkaufte das Anwesen in der Wörthstraße 14 an die Gewerbebank. Diese Bank war 1923 für den erwerbstätigen Mittelstand in Weiden und Umgebung gegründet worden. Ab 1943 erhielt die Bank ihren neuen Namen, Volksbank Weiden eGmbH. Die Zeitung Bayerische Ostmark, das amtliche Organ der NSDAP, berichtete in der Ausgabe vom 22. Juli 1938 davon und betitelte den Verkauf mit „Judenfirma Fuld verschwindet“. Der Standort Wörthstraße 14 ist noch heute Hauptsitz der Volksbank Raiffeisenbank Nordoberpfalz eG.
Nach dem Verkauf ihres Anwesens zog die Familie, am 16. August 1938, in die nahegelegene Naabstraße.
Zeitung Bayerische Ostmark vom 22. Juli 1938 (Stadtarchiv Weiden)
Die Reichspogromnacht in Weiden
Die Woche, die der Reichspogromnacht folgte, veränderte das Leben der Familie Fuld grundlegend. Die Geschehnisse, die sich in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 in Weiden zugetragen haben, sind gut dokumentiert.
Überwiegend aus SA-Leuten bestehende Rollkommandos drangen in die Wohnungen jüdischer Bewohner ein, demolierten deren Einrichtungen, beschimpften und beleidigten die Bewohner auf das Übelste und schlugen und misshandelten in verschiedenen Fällen Männer und Frauen. Es wurde wird überliefert, dass viele verletzt und blutend ins Rathaus gebracht wurden. Der Name der Familie Fuld wurde hier nicht ausdrücklich genannt, aber es ist anzunehmen, dass auch sie in dieser Nacht Schreckliches erlebt haben.
Neben dem Vorgehen gegen die jüdischen Einwohner selbst, wurde auch die Weidener Synagoge verwüstet, geschändet und geplündert. Die „Gebetsrollen und andere Trümmer“ lagen auf der Straße vor der Synagoge. Die Synagoge wurde nur deshalb nicht niedergebrannt, da es sich um kein freistehendes Gebäude handelte. Die Gefahr, dass umliegende Gebäude in Brand gerieten, erschien zu groß.
In den frühen Morgenstunden hatte man alle Juden und Jüdinnen des Ortes verhaftet. Während Frauen und zum Teil ältere Männer nach Hause entlassen wurden, hatte der damalige Weidener Oberbürgermeister Harbauer, aufgrund der telegraphisch erteilten Weisung Heydrichs, Schutzhaft für die männlichen Juden angeordnet.
Tod in Dachau
In Weiden hatte man 23 Juden inhaftiert, die noch am 10. November mit einem Bus vom Landgerichtsgefängnis Weiden nach Regensburg in ein Gefängnis verbracht wurden. Im Laufe des Vormittages erfolgte der Abtransport nach Dachau.
Einer dieser verhafteten Menschen war Hermann Fuld. Im Zugangsbuch des Konzentrationslagers Dachau finden wir seinen Namen. Er bekam die Häftlingsnummer 23237.
Nur wenige Tage später wurde Hermann Fuld, am 15. November 1938, beim Verlassen des Waschraumes der Baracke 16 vom SS-Obersturmführer Franz Hofmann erschossen. Der Täter stand 1961 vor dem Schwurgericht des Landgerichtes München II. Die Anklage lautete: auf „aus niederen Beweggründen zweifacher begangener Mord“. Hofmann behauptete, dass er nicht die Absicht gehabt hätte, den Häftling zu treffen oder ihn gar zu töten. Zeugen schilderten Hofmann aber als brutalen Schläger und Sadisten. Er wurde 1961 zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt und verstarb 1973 in der Justizvollzugsanstalt Straubing.
Erinnerung an Hermann Fuld
Seine Grabstätte befindet sich nicht auf dem jüdischen Friedhof der Weidener Gemeinde, sondern auf dem Neuen Israelitischen Friedhof in München. Es Sie soll im Laufe des Jahres 2026, mit Mitteln der ErinnerungsWerkstatt München e. V., konserviert werden.
Grab Hermann Fuld in der Sektion 18, Reihe 15 des Neuen Israelitischen Friedhofes in München
Ein erstes Gedenken an das Schicksal von Hermann Fuld erfolgte bereits kurz nach dem Krieg. Zu Propagandazwecken und zur Demonstration ihrer Macht hatten die Nationalsozialisten in Deutschland zahlreiche Plätze und Straßen umbenannt. In Weiden hatte man z. B. eine Straße nach einem der Putschisten, die beim sogenannten Hitler-Putsch 1923 getötet worden waren, umbenannt. Joseph Pfleger, Bürgermeister und Rechtsanwalt in Weiden, sorgte im August 1945 dafür, dass dieser Straßenname wieder verschwand. Statt nach einem Täter wurde sie nach einem Opfer der Nationalsozialisten benannt, nämlich Hermann Fuld. Außerdem wurde in Weiden, am Tag des Gedenkens an die Opfer des Faschismus, dem 14. September 1947, an vier Häusern von NS-Opfern Mahntafeln angebracht. Eine dieser Tafeln erinnerte am Haus Wörthstraße 14 an Hermann Fuld.
Seit dem 11. November 2023 erinnert in der Weidener Wörthstraße 14 ein Stolperstein an Hermann Fuld.
Gunter Demnig verlegt den Stolperstein für Hermann Fuld (Bild: Stadtarchiv Weiden)
Stolperstein für Hermann Fuld in Weiden (Bild: Stadtarchiv Weiden)
Was geschah mit seinen Familienangehörigen?
Seine Ehefrau, Julie Fuld, wollte, zusammen mit ihren beiden Kindern Ludwig und Hans, emigrieren. Diese Emigration verlief aber keineswegs reibungslos. Die Familie wollte von Hamburg aus, im Mai 1939, mit der MS St. Louis über England und Havanna/Kuba in die USA emigrieren. Die Irrfahrt der MS St. Louis ist in die Geschichte des Holocaust eingegangen. Die 937 Passagiere, fast ausnahmslose deutsche Juden, wollten dem NS-Regime entkommen. Die Passagiere erhielten jedoch weder in Kuba, noch in den USA oder Kanada eine Landeerlaubnis. Wie groß mag die Verzweiflung an Bord gewesen sein, das Schiff nicht verlassen zu dürfen. Die MS St. Louis musste nach Europa zurückkehren. Die Familie Fuld konnte in England von Bord gehen, von wo aus Julie und Hans Fuld im Juni 1942 über Kanada in die USA auswanderten. In New York lebten bereits Geschwister von Julie Fuld und die beiden Kinder aus der ersten Ehe ihres Mannes.
Ein ähnliches Schicksal erlebte Therese Herz mit ihren Kindern. Ihre Geschichte ist auch auf dieser Webseite dokumentiert.
Tochter Erna Fuld heiratete am 14. Mai 1928 den Fürther Gustav Rosenfelder, (geboren am 13. April 1901 in Fürth). Die Ehe hatte keinen Bestand. Im März 1937 wanderte sie alleine in die USA aus, wo schon ihr jüngerer Bruder Max lebte. Auf den Einwanderungspapieren ist „geschieden“ vermerkt.
Sohn Max Fuld emigrierte im Mai 1935 in die USA und konnte bei Verwandten seiner Stiefmutter unterkommen.
Sohn Ludwig Fuld konnte im April 1940 in die USA emigrieren. In den USA nannte er sich später Louis / Lou. Er verstarb 2002.
Sohn Hans emigrierte mit seiner Mutter über Kanada in die USA, wo sie im Juni 1942 ankamen. Hans nannte sich später Harry. Er verstarb 2019.
Text und Recherche
Stefan Dickas, März 2026
Quellen:
Johanna-Stahl-Zentrum für jüdische Geschichte und Kultur in Unterfranken, Auskunft vom 11.12.2025.
Staatsarchiv Amberg, Finanzamt I Weiden Steuerakten rassisch Verfolgter 20/1 und 22/1.
Stadtarchiv Weiden, Meldekarten Weiden, Adressbücher der Stadt Weiden 1905, 1910, 1912, 1926, 1932, 1935 und 1938, Bayerische Ostmark vom 22.07.1938, Auskunft vom 15.1.2026.
Süddeutsche Zeitung, Ausgabe vom 19.12.1961 „Aus Versehen getötet“- sagt der KZ-Führer, sowie vom 20.12.1961 „Lebenslänglich für KZ-Mörder“, Artikel von Wolfgang Wehner.
Internetquellen:
https://collections.arolsen-archives.org/de/document/130429515 (Zugangsbuch Dachau), zuletzt aufgerufen am 28.2.2026.
https://collections.arolsen-archives.org/de/document/10645495 (Häftlingskarte aus Dachau), zuletzt aufgerufen am 28.2.2026.
https://www.heimatforschung-regensburg.de/2278/1/1107021_DTL1743.pdf Judenpogrome in Weiden und Amberg 1938, Johannes Laschinger, zuletzt aufgerufen am 28.2.2026.
https://juedisch-in-fuerth.repositorium.gf-franken.de/de/personen.html?permaLink=fue00831#ID_fue00831 zu Gustav Rosenfelder, zuletzt aufgerufen am 28.2.2026.
https://juf.stadtarchiv-digital.de/render/82 Datenbank Jüdisches Leben in Unterfranken
https://www.oberpfalzecho.de/beitrag/stolperstein-fuer-hermann-fuld-angehoerige-aus-florida-sind-live-dabei, zuletzt aufgerufen am 28.2.2026.
www.onetz.de „Was steckt hinter den Straßennamen in Weiden und umstrittenen Ehrungen“ vom 31.3.2025, zuletzt aufgerufen am 28.2.2026.
https://www.ushmm.org/online/st-louis/list.php Passagierliste der St. Louis, zuletzt aufgerufen am 28.2.2026.
https://de.wikipedia.org/wiki/Franz_Johann_Hofmann zuletzt aufgerufen am 13.12.2025.
Bücher:
Ascherl, Christine: Jüdische Familien – Schicksale hinter den Stolpersteinen in Weiden in der Oberpfalz, Buch- und Kunstverlag Oberpfalz, 2025, Regenstauf.
Brenner, Michael & Höpfinger, Renate (Hrsg.): Die Juden in der Oberpfalz, Sonderausgabe der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, München, 2009.
Brenner, Michael: Am Beispiel Weiden – Jüdischer Alltag im Nationalsozialismus, Arena-Verlag, Würzburg, 1983.
Mautner Markhof, Georg J. E.: Das St. Louis-Drama: Hintergrund und Rätsel einer mysteriösen Aktion des Dritten Reiches, Graz/Stuttgart, Leopold Stocker Verlag, 2001.
Schott, Sebastian: „Weiden a mechtige kehille“. Eine jüdische Gemeinde vom Mittelalter bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Verlag Bodner, Pressath, 1999.