Julie Fuld, geb. Sacki

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Foto: Julie Fuld (Quelle: Familienbesitz)

Geboren am 21. März 1889 in Kleinsteinach

Emigration am 13. Mai 1939 mit der St. Louis

Gestorben am 1. Juni 1973 in den USA 

 

Herkunft

Julie, geboren am 21. März 1889 in Kleinsteinach, war das erste Kind der Eheleute Leo Sacki, geboren am 22. März 1855 in Kleinsteinach, verstorben am 8. Februar 1929 in Bamberg, und seiner Ehefrau Babette, geb. Klingenstein, geboren am 19. Juli 1862 in Westheim / Hassfurt, verstorben am 29. September 1944 in New York. Die Eltern hatten am 11. Januar 1886 im unterfränkischen Schweinfurt geheiratet. Der Vater betrieb einen Vieh-, Obst- und Fourage-Handel (Tierfutter).

Im Laufe der Jahre bekam Julie noch vier Geschwister:

  • Gustav, geboren am 20. Mai 1890,

  • Rina, geboren am 14. Januar 1892,

  • Max, geboren am 15. Dezember 1894 und

  • Jenny, geboren am 15. April 1900.

Alle Kinder kamen in Kleinsteinach, einem kleinen Dorf in den Haßbergen im nördlichen Bayern, zur Welt. Damals hatte der Ort knapp 500 Einwohner, wovon ca. 30% der jüdischen Glaubensgemeinschaft angehörten.

Mit der Aufhebung der Beschränkungen des Wohnorts - in Bayern ab 1861- und der rechtlichen Gleichstellung ab 1869/1871 haben viele jüdische Familien den ländlichen Bereich verlassen und zogen in größere Städte. Dort gab es vielfältigere wirtschaftliche Perspektiven und bessere Bildungsmöglichkeiten. Die Familie Sacki verließ das dörfliche Kleinsteinach und zog in das rund 50 km entfernte Bamberg, das damals etwa 45.000 Einwohner hatte.

Vom 31. März 1911 bis 8. Juni 1914 arbeitete Julie Sacki in Bad Nauheim bei Isaak Strauß als Verkäuferin. Dieser betrieb in dem Kurort einen Handel mit Manufakturwaren, Konfektionswaren und Möbeln.

Die Familie Sacki um 1927 (Kind unbekannt, 1. Reihe von links Moritz Blumenthal, Babette und Leo Sacki, Hermann Fuld, 2. Reihe von links Rena Blumenthal, geb. Sacki und Julie Fuld, geb. Sacki, 3. Reihe von links Gustav, Jenny und Max Sacki); Bild: Familienbesitz Fuld

 


Heirat & Leben in Weiden

Am 11. August 1919 heiratete sie in Bamberg den Witwer Hermann Fuld. Seine Frau Laura Steiner war am 22. September 1915 verstorben. In diese neue Ehe brachte er seine Kinder aus der ersten Ehe, Erna, geboren am 17. Januar 1906, und Max, geboren am 31. August 1909, mit ein.

Ihr Mann war Kaufmann und betrieb in Weiden, in der Wörthstraße 14, ein alteingesessenes Manufakturwaren- und Damenkonfektionsgeschäft. 

Am 19. November 1922 bekam die Familie weiteren Nachwuchs. Der gemeinsame Sohn Ludwig, der sich später in den USA Lou / Louis nannte, wurde geboren. Ein paar Jahre später, am 8. April 1929 wurde Hans, der sich später Harry nannte, geboren. 

Wie leider so häufig ist die Überlieferung bei Frauen in den Archiven nur sehr dünn. Offizielle Dokumente wurden meist nur zu den Ehemännern erstellt. Das ist schade, da Julie Fuld vermutlich eine zupackende Frau war: zwei Stiefkinder, zum Zeitpunkt der Eheschließung waren sie 13 und knapp zehn Jahre alt, dazu später zwei eigene Kinder und ein mittelständisches Geschäft. Im Geschäft muss sie wohl mitgearbeitet haben, da sie später Prokura dafür hatte. Wir können uns nur vorstellen, dass die Tage der Julie Fuld gut gefüllt waren mit Arbeit und Verpflichtungen.


Zeit im Nationalsozialismus

Wie Julie Fuld persönlich die Zeit im Nationalsozialismus erlebt hat, ist nicht überliefert. Mit der sogenannten Machtergreifung begann die systematische Ausgrenzung, Beraubung und Vernichtung der Juden und Jüdinnen in Deutschland. Was in Weiden geschah, ist in der Biografie zu ihrem Mann geschildert. Als Frau, Ehefrau und Mutter wird sie mit Sorge die Entwicklungen beobachtet haben. Durch die Boykott-Maßnahmen werden die Geschäfte ihres Mannes nicht mehr so gut gelaufen sein, die jüngeren Kinder werden Ausgrenzung in der Schule erfahren haben und die Handlungsfreiräume werden vermutlich deutlich eingeschränkt worden sein. 

Im Mai 1935 emigrierte Max Fuld, der Sohn ihres Mannes aus der ersten Ehe, in die USA. Seine Schwester Erna folgte ihm im März 1937. Sie war zu diesem Zeitpunkt von ihrem Mann Gustav Rosenfelder geschieden. Im August 1938 verkaufte Hermann Fuld sein Geschäft. Die Lage wurde zunehmend schwieriger. 

Wenige Wochen später eskalierte die Situation für die Familie. In der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 hatte man in Weiden 23 Juden inhaftiert. Darunter war auch Julie Fulds Ehemann Hermann Fuld. Über Regensburg wurde er in das Konzentrationslager Dachau verschleppt. Nur wenige Tage später wurde Hermann Fuld am 15. November 1938 beim Verlassen des Waschraumes der Baracke 16 vom SS-Obersturmführer Franz Hofmann grundlos erschossen. 

Ihr Mann wurde nicht auf dem jüdischen Friedhof in Weiden beigesetzt, sondern ist auf dem Neuen Israelitischen Friedhof in München begraben. 

Nach der Ermordung ihres Mannes hielt sie in Weiden vermutlich nichts mehr. Das Geschäft war bereits verkauft, ihre Stiefkinder ausgewandert und ihre Mutter und ihre eigenen Geschwister waren ebenfalls im Begriff auszuwandern.


Flucht

Wenige Monate nach der Ermordung ihres Ehemannes versuchte sie mit ihren Kindern Hans und Ludwig zu emigrieren. Das gewünschte Ziel war die USA. Die Kinder aus der ersten Ehe ihres Mannes, Max und Erna Fuld, waren bereits 1935 bzw. 1937 in die USA ausgewandert. Ihr Bruder Gustav Sacki lebte schon seit 1910 in den USA.

1939 war die USA bereits ein schwer erreichbares Ziel. Für die Staaten erhielt sie kein Visum, sondern nur für Kuba. Sie hatte Tickets für die in die Geschichte eingegangene Überfahrt mit der MS St. Louis. Am 13. Mai 1939 verließ das Schiff mit Ziel Havanna/Kuba den Hamburger Hafen. Bei der Ankunft am 27. Mai 1939 verweigerte die kubanische Regierung den Passagieren die Einreise. Der Kapitän bemühte sich vergebens für seine Passagiere einen sicheren Hafen zu finden. Auch die USA verweigerte eine Einreise. Am Ende musste das Schiff am 6. Juni 1939 nach Europa zurückkehren. Die Passagiere mussten in Antwerpen von Bord gehen, von wo sie auf verschiedene europäische Länder verteilt wurden.

Ihre Mutter und ihre Geschwister hatten sich offenbar frühzeitiger um ihre US-Visa bemüht. Ihre Schwester Rina und deren Mann Moritz Blumenthal konnten im April 1939, ihre Schwester Jenny Kreisel im Oktober 1939 und ihre Mutter Babette Sacki und ihr Bruder Max Sacki konnten im Dezember 1939 in die USA emigrieren.

Julie Fuld und ihre beiden Söhne hatten dennoch Glück im Unglück, da sie in England von Bord gehen konnten. Von dort aus erreichten sie über Kanada, am 16. Oktober 1942, schließlich die USA.

Julie Fuld starb im Juni 1973 und wurde an der Seite ihrer Mutter begraben.


Schicksal naher Angehöriger

Erna Fuld, die Tochter aus der ersten Ehe ihres Mannes, geboren am 17. Januar 1906 in Weiden, heiratete am 14. Mai 1928 den Fürther Gustav Rosenfelder, geboren am 13. April 1901 in Fürth. Die Ehe hatte keinen Bestand. Im März 1937 wanderte sie allein in die USA aus, wo schon ihr jüngerer Bruder Max lebte. Auf den Einwanderungspapieren ist „geschieden“ vermerkt. Sie heiratete 1946 Sam Weismann, ebenfalls ein deutscher Immigrant. Ihr Mann verstarb 1978. Erna Weismann verstarb am 20. Oktober 1992 in New Jersey.

Max Fuld, der Sohn aus der ersten Ehe ihres Mannes, geboren am 31. August 1909 in Weiden, konnte im Mai 1935 in die USA emigrieren. Er ist am 18. März 1974 verstorben. 

Ihr Sohn Ludwig Fuld, der sich in den USA Lou nannte, konnte im April 1940 mit dem Schiff Samaria von London in die USA emigrieren.  Er verstarb am 12. November 2002 in New Jersey, USA.

Ihr Sohn Hans Fuld, der sich in den USA Harry nannte, konnte zusammen mit seiner Mutter in die USA emigrieren. Sie waren Passagiere der berühmt gewordenen St. Louis-Überfahrt. Es gibt ein Bild, das ihn mit anderen Kindern an Bord des Schiffes zeigt. Er verstarb 2019, mit 90 Jahren, im Kreise seiner Familie.

Hans / Harry Fuld als Kind (Bild: Stadtarchiv Weiden)

Harry Fuld mit anderen Kindern auf der St. Louis (vorne rechts); Bild: USHMM United States Holocaust Memorial Museum

Ihre verwitwete Mutter, Babette Sacki, konnte ebenfalls emigrieren und erreichte New York am 15. Dezember 1938 mit der SS Nieuw Amsterdam. Mit ihr reisten auf diesem Schiff u. a. ihr Sohn Max Sacki mit seiner Ehefrau Sophie. Babette Sacki verstarb am 24. September 1944 in New York. Sie ist an der Seite von Julie Fuld begraben.

Ihr Bruder Gustav heiratete in New York, am 25. Februar 1926, die Amerikanerin Rose Loewenthal.  Er war bereits als 16-jähriger, im August 1907, in die USA ausgewandert.  Er verstarb am 24. September 1942 in New York. 

Ihre Schwester Rina Sacki heiratete am 23. Juni 1920 in Bamberg Moritz, in den USA dann Morris, Blumenthal, geboren am 31. Juli 1884. Das Paar hatte zwei Töchter, Ottilie, geboren am 20. April 1921 und Ilse, geboren am 23. Februar 1923. Von Hamburg aus erreichten sie am 27. April 1939 New York. Rina verstarb 1967 und Moritz Blumenthal 1969. 

Ihr Bruder Max Sacki heiratete am 14. November 1924 in Zeilitzheim die aus diesem Ort stammende Sophie Gutmann, später Gutman, geboren am 13. September 1901. Das Paar hatte zwei Kinder, Frieda und Kurt. Ihnen gelang im Dezember 1938 die Emigration in die USA. Max Sacki verstarb am 8. November 1954 in Baltimore. Seine Frau überlebte ihn und starb am 25. Dezember 1980, ebenfalls in Baltimore. 

Ihre Schwester Jenny Sacki heiratete am 20. Mai 1924 in Bamberg den aus Schweinfurt stammenden Martin Kreisle, geboren 22. März 1878 in Schweinfurt. Sie hatten einen Sohn, Wilhelm, in den USA dann William, der am 13. April 1925 in Nürnberg zur Welt kam. Die Familie erreichte am 14. Oktober 1939 Miami, über Kuba. Martin Kreisle verstarb am 15. August 1962 in New York, seine Frau Jenny Kreisle verstarb im Dezember 1986 in New York.


Text und Recherche

  • Stefan Dickas, April 2026

Quellen

  • Johanna-Stahl-Zentrum für jüdische Geschichte und Kultur in Unterfranken, Stammbuch der Familie Sacki, Auskunft vom 11.12.2025.

  • Stadtarchiv Bamberg, Bestände Heiratsregistereintrag 435/1919 von Hermann Fuld und Julie Sacki sowie Familienbogen und Einwohnermeldekarten von Leo und Babette Sacki nebst der Kinder.

  • Stadtarchiv Bad Nauheim, Bestand Bedienstetenverzeichnis 1911, Adressbuch Bad Nauheim 1913.

Onlinequellen

‍ ‍Literatur

  • Ascherl, Christine: Jüdische Familien – Schicksale hinter den Stolpersteinen in Weiden in der Oberpfalz, Buch- und Kunstverlag Oberpfalz, Regenstauf 2025.

  • Mautner Markhof, Georg J. E.: Das St. Louis-Drama: Hintergrund und Rätsel einer mysteriösen Aktion des Dritten Reiches, Leopold Stocker Verlag, Graz/Stuttgart 2001.

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August Gänswein