Rosalie Deutschmann, geb. Bodchyn
Geboren am 10. März 1852 in Makow, Gouvernement Lomza in Polen
Gestorben am 4. November 1938 in Eglfing-Haar
Abstammung und Heirat
Rosalie Bodchyn wurde am 10. März 1852 in Makow im Gouvernement Lomza in Polen geboren. Über ihre Eltern und Geschwister ist nichts bekannt. Sie heiratete am 1. Januar 1871 in Makow den Schneider Moritz Duczyminer (Dutschiminer, Deutschmann), dieser wurde am 10. Mai 1848 in Praßnitz geboren. Daher trug sie auch die Namen Fajna Ruchla Duczyminer, geb. Botschin.
Umzug nach Berlin und München
Rosalie/Rosa Deutschmann verließ nach Aussagen ihres Schwiegersohns Oskar Bodenheimer mit ungefähr 18 Jahren Polen und siedelte sich gemeinsam mit ihrem Ehemann in Berlin an. Dort wurden ihre Kinder geboren:
Karolina Deutschmann, am 10. Juli 1877
Hanna Goldina Deutschmann, am 1. Oktober 1878
Nathan Deutschmann, am 29. Juli 1881
Im Dezember 1884 zog die Familie von Berlin nach München. Sie wohnten ab Juli 1897 in der Reichenbachstraße 23, ab April 1900 dann in der Entenbachstraße 9.
Auswanderung ihres Ehemannes und Sohnes
Rosalie Deutschmann war in München als Frisörin tätig. Ihr Ehemann wanderte zusammen mit ihrem Sohn um das Jahr 1905 nach Argentinien aus. Moritz Deutschmann verstarb am 1. Januar 1911 in Buenos Aires. Nathan Deutschmann blieb in Argentinien und bekam die dortige Staatsbürgerschaft.
Zwei Enkelkinder
Am 3. März 1910 heiratete in München ihre Tochter Hanna Deutschmann, die Buchhalterin war, den Kaufmann Oskar Bodenheimer, geboren am 15. September 1878 in Rastatt. Die Tochter zog zu ihrem Mann in die Adelgundenstraße 6, ab April 1913 wohnte die Familie dann in der Georgenstraße 35.
Rosalie Deutschmann bekam zwei Enkelkinder: Gertrud Liane Bettina Bodenheimer, geboren am 7. September 1912 und Werner Rudolf Bodenheimer, geboren am 11. April 1920.
Beiden Enkeln gelang die Emigration: Gertrud Bodenheimer heiratete 1935 Moses Aron Rück aus Gunzenhausen, das Ehepaar emigrierte im Oktober 1935 nach Haifa, Palästina. Werner Bodenheimer ging im März 1936 nach Argentinien. Er kehrte 1937 zurück nach Deutschland und emigrierte im Dezember 1939 dann ebenfalls nach Palästina.
Familienleben
Seit Dezember 1913 lebte Rosalie Deutschmann ebenso wie ihre Tochter und ihr Schwiegersohn mit der einjährigen Enkelin in der Georgenstraße 35. Im Juli 1915 zog Rosalie Deutschmann dann schräg gegenüber in die Kurfürstenstraße 17.
Ihr Sohn kam 1921 und 1925 aus Argentinien jeweils für einige Wochen nach München zu Besuch. Über das Schicksal ihrer Tochter Karolina Deutschmann ist bisher nichts bekannt.
Ihre Tochter Hanna Bodenheimer verstarb im Alter von 51 Jahren am 14. März 1930 in München. Die Enkelin war damals 17 Jahre, der Enkel war erst neun Jahre alt.
Am 11. März 1933 fand durch die SA eine Verhaftungsaktion von SPD-Mitgliedern und anderen NS-Gegnern im Münchner Arbeitsamt statt. Ihr Schwiegersohn Oskar Bodenheimer, der SPD- Mitglied war und seit 1925 beim Arbeitsamt arbeitete, wurde verhaftet und kam ins Gefängnis. Bis zum 18. März 1933 musste er dort in „Schutzhaft“ bleiben. Sein Sohn Werner Bodenheimer gab bei der Wiedergutmachungsbehörde nach 1945 an, dass sein Vater anschließend bis April 1933 im Konzentrationslager Dachau inhaftiert worden sei. Am 30. Juni 1933 verlor Oskar Bodenheimer nach dem „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ als Jude seinen Arbeitsplatz beim Arbeitsamt.
Ab 1. Juli 1933 lebte Rosalie Deutschmann wieder in der Georgenstraße 35 in der Wohnung von Oskar Bodenheimer. Nach Aussage ihres Schwiegersohns 1938 bei ihrer Krankenhaus-Einlieferung habe Rosalie Deutschmann in seiner Wohnung sehr zurückgezogen in ihrem Zimmer gelebt. Sie sei sehr religiös gewesen. Die Einhaltung der rituellen Vorschriften sei ihr sehr wichtig gewesen, während Oskar Bodenheimer sich selbst als nicht religiösen Menschen bezeichnete.
Umzug in ein jüdisches Altenheim
Im Alter von 85 Jahren zog Rosalie Deutschmann am 2. September 1937 in die „Lipschütz’sche Versorgungsanstalt für alte erwerbsunfähige Israeliten“ in der Mathildenstraße 8/9. Dieses Altenheim ist seit Ende des 19. Jahrhunderts nachweisbar. Es geht vermutlich auf eine Stiftung wohlhabender jüdischer Bürger zurück, genaueres ist nicht bekannt. Im Jahr 1937 wurde die Einrichtung um ein zusätzliches Stockwerk erweitert. Zu dieser Zeit belief sich der Pensionspreis auf 90 Reichsmark pro Monat.
Tod in der Pflegeanstalt Eglfing-Haar
Bei einem Sturz Anfang Oktober 1938 zog sich Rosalie Deutschmann einen Armbruch zu. Sie kam zunächst in das Israelitische Kranken- und Schwesternheim und am 19. Oktober 1938 in das Schwabinger Krankenhaus. Wegen Verwirrtheit wurde sie am 31. Oktober 1938 in die Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar verlegt. Dort wurde eine Ruhr-Infektion diagnostiziert. Rosalie Deutschmann hatte sich vermutlich bereits im Schwabinger Krankenhaus infiziert. Sie starb am 4. November 1938 in Eglfing-Haar im Alter von 86 Jahren an einer doppelseitigen Lungenembolie. Sie wurde auf dem Neuen Israelitischen Friedhof in München begraben, Sektion 18, Reihe 15, Platz 4.
Tod ihres Schwiegersohns 1940 aufgrund einer Krebserkrankung
Wenige Tage später - am 10. November 1938 - wurde ihr Schwiegersohn Oskar Bodenheimer verhaftet und in das Konzentrationslager Dachau gebracht. Am 25. November 1938 wurde er wieder frei gelassen. Er war einer der mindestens 27 000 jüdischen Männer, die nach der Pogromnacht am 9./10. November 1938 verhaftet und in Konzentrationslager verschleppt wurden. Oskar Bodenheimer starb am 24. Januar 1940 in München an den Folgen einer Darmkrebs- Erkrankung. Begraben wurde er im Doppelgrab zusammen mit seiner Ehefrau Hanna Bodenheimer auf dem Neuen Israelitischer Friedhof, Sektion 15, Reihe 10, Platz 14.
Text und Recherche
Bettina Gütschow, Juni 2026
Quellen
Archiv des Bezirks Oberbayern, EH 6621 Krankenakte Deutschmann, Rosa.
Stadtarchiv München, Signatur: DE-1992-PMB-D59, Polizeiliche Meldebögen zu Moritz, Nathan und Hanna Deutschmann.
Stadtarchiv München, Signatur: DE-1992-EWK65-D783, Meldekarte Nathan Deutschmann.
Internetquellen
https://gedenkbuch.muenchen.de/index.php?id=gedenkbuch_link&gid=13459, aufgerufen am 27.5.2026.
https://gedenkbuch.muenchen.de/index.php?id=gedenkbuch_link&gid=929 Oskar Bodenheimer, aufgerufen am 27.5.2026.
https://gedenkbuch.muenchen.de/index.php?id=altenheim_mathildenstrasse, aufgerufen am 27.5.2026.