Oskar Bodenheimer

 

Oskar Bodenheimer, Kennkartendoppel 1938/39, © Stadtarchiv München

Geboren am 15. September 1878 in Rastatt

Gestorben am 24. Januar 1940 in München


Kindheit und Jugend

Oskar Bodenheimer wurde am 15. September 1878 in Rastatt geboren. Seine Eltern waren David Meier Bodenheimer, Kaufmann in Straßburg und Babette Bodenheimer, geb. Edelschild.

Oskar Bodenheimer leistete von 1900 bis 1902 Militärdienst. Er nahm als Sergeant im 8. Infanterie-Regiment am Ersten Weltkrieg teil. Von Beruf war er Kaufmann.


Familiengründung

Im August 1905 zog Oskar Bodenheimer von Straßburg nach München. Er heiratete am 3. März 1910 dort Hanna Goldina Bodenheimer, geb. Deutschmann, Buchhalterin, geboren am 1. Oktober 1878 in Berlin, gestorben am 14. März 1930 in München.

Ihre Kinder waren:

  • Gertrud Liane Bettina Bodenheimer, geboren am 7. September 1912 in München, verstorben am 19. September 2012 in den USA

  • Werner Rudolf Bodenheimer, geboren am 11. April 1920 in München

Im April 1913 zog die nun dreiköpfige Familie in eine Fünf-Zimmer-Wohnung in der Georgenstraße 35. Ab Dezember 1913 lebte seine Schwiegermutter Rosalie/Rosa Deutschmann ebenfalls in der Georgenstraße 35. Im Juli 1915 zog Rosalie Deutschmann dann schräg gegenüber in die Kurfürstenstraße 17. Bodenheimers Wohnung war sehr schön eingerichtet mit wertvollen Original Empire Mahagoni- und Jugendstil-Möbeln, orientalischen Teppichen, Originalbildern und Grafiken und einer Bibliothek mit ca. 200 Büchern. Das bezeugten im Wiedergutmachungsverfahren die beiden Kinder, zwei Freundinnen und die Haushälterin. Seine Ehefrau Hanna Bodenheimer habe auch Brillantringe und -broschen gehabt.

Im April 1920 wurde dann ihr Sohn Werner Rudolf geboren.


Tod der Ehefrau

Hanna Bodenheimer verstarb im Alter von 51 Jahren am 14. März 1930. Ihre Tochter war damals 17 Jahre, ihr Sohn war erst neun Jahre alt. Die Tochter Gertrud beendete 1931 das Luisengymnasium mit dem Abitur, danach machte sie eine Schneiderlehre. Oskar Bodenheimer nahm sich als Haushaltshilfe Josefa Paschke, welche bis zu seinem Tod bei ihm arbeitete.

Er vermietete von Mai 1930 bis Juni 1931 ein Zimmer an Amalie Friediger.


Das Jahr 1933

Am 11. März 1933 fand durch die SA eine Verhaftungsaktion von SPD-Mitgliedern und anderen NS-Gegnern im Münchner Arbeitsamt statt. Oskar Bodenheimer, der SPD- Mitglied war und seit 1925 beim Arbeitsamt arbeitete, wurde verhaftet und kam ins Gefängnis der Polizeidirektion München in der Ettstraße und dann ins Gefängnis München-Stadelheim. Bis zum 18. März 1933 musste er dort in sogenannter Schutzhaft bleiben. Sein Sohn Werner Bodenheimer gab im Wiedergutmachungsverfahren nach 1945 an, dass sein Vater danach vier bis sechs Wochen im Konzentrationslager Dachau inhaftiert und im April 1933 frei gelassen worden sei. Am 30. Juni 1933 verlor Oskar Bodenheimer nach dem „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ als Jude seinen Arbeitsplatz beim Arbeitsamt.

Ab 1. Juli 1933 lebte seine Schwiegermutter Rosalie Deutschmann wieder bei ihm in der Wohnung.


Emigration seiner beiden Kinder

Werner Bodenheimer, Kennkartendoppel 1938/39, © Stadtarchiv München

Gertrud Bodenheimer

Gertrud Bodenheimer hätte gerne die Meisterschule für Mode besucht, doch das war nach 1933 für sie als Jüdin nicht mehr möglich, daher arbeitete sie als Schneiderin bis zur Emigration. Sie heiratete 1935 Moses Aron Rück, geboren am 19. August 1914 in Gunzenhausen. Das Ehepaar emigrierte im Oktober 1935 zunächst nach Haifa, Palästina. Ungefähr 1948 emigrierten die beiden in die USA.

Werner Bodenheimer

Werner Bodenheimer emigrierte zunächst im März 1936 nach Argentinien, wo sein Onkel lebte. Er kehrte zurück nach Deutschland und emigrierte 1939 dann nach Palästina. Im Dezember 1949 kehrte er nach München-Giesing in die Edelweißstraße 10 zurück. Als Beruf wurde Buchhändler angegeben. Im Internet finden sich einige Veröffentlichungen aus den 80-er Jahren zu den Themen Antiquariate allgemein, Antiquariatsgeschichte und -kataloge von ihm.


Leben ohne Arbeit

Oskar Bodenheimer konnte keine neue Arbeit mehr finden. Nach Aussage seines Sohnes habe er von der Unterstützung durch Verwandte gelebt. Er hatte außerdem Zimmer in seiner Fünf-Zimmer-Wohnung vermietet. Ab Juli 1936 wurde auch seine Haushälterin Josefa Paschke seine Untermieterin, sie hatte sich von ihrem Ehemann scheiden lassen.

Im September 1937 zog seine Schwiegermutter Rosalie Deutschmann 85jährig in das jüdische Altenheim in der Mathildenstraße 8/9.

Ab Oktober 1938 erhielt Oskar Bodenheimer Rente. Und er vermietete jetzt Zimmer an das Ehepaar Benedikt (79) und Florentine Kullmann (71) sowie an Joseph Kullmann, den 85-jährigen Bruder von Benedikt Kullmann, die aus Busenberg in der Pfalz nach München zugezogen waren. Während der NS-Zeit sind die meisten Juden in größere Städte verzogen oder ins Ausland emigriert. 1932 lebten noch 28, 1936 nur noch 17 Juden in Busenberg. Im Sommer 1938 wird der jüdische Friedhof geschändet. Das Ehepaar Kullmann und der Bruder von Joseph Kullmann entschieden sich, Busenberg zu verlassen.

Nach einem Sturz im Oktober 1938 kam seine Schwiegermutter Rosa Deutschmann ins Krankenhaus. Wegen Verwirrtheit wurde sie am 31. Oktober 1938 in die Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar verlegt. Dort verstarb sie am 4. November 1938 im Alter von 86 Jahren an einer doppelseitigen Lungenembolie. Sie wurde auf dem Neuen Israelitischen Friedhof in München begraben.


Tod durch eine Krebserkrankung

Sein Sohn Werner Bodenheimer wohnte bis Dezember 1939 in der Wohnung seines Vaters. Er gab an, sein Vater sei sehr schwer krank gewesen und im November 1939 in das jüdische Krankenhaus gekommen.

Oskar Bodenheimer starb am 24. Januar 1940 im Alter von 61 Jahren in München an den Folgen einer Darmkrebs-Erkrankung. Begraben wurde er im Doppelgrab zusammen mit seiner Ehefrau Hanna Bodenheimer auf dem Neuen Israelitischer Friedhof, Sektion 15, Reihe 10, Platz 14.


Alle jüdischen Untermieter*innen wurden Opfer der Shoa

Franziska Braun wurde im April 1942 von München nach Piaski deportiert und dort ermordet. Joseph, Benedikt und Florentine Kullmann wurden im Juni 1942 von München nach Theresienstadt deportiert. Sie verstarben dort.

Amalie Friediger wanderte 1933 nach Paris aus. Sie wurde 1943 über Drancy nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Josef und Emma Großmeyer wanderten 1939 nach Amsterdam aus. Sie wurden im Mai 1943 nach Sobibor deportiert und dort ermordet.


Oskar Bodenheimers Nachlass und Wiedergutmachungsverfahren nach 1945

Mitte April 1940 wurde Oskar Bodenheimers Wohnung durch die NS-Behörden geräumt. In seiner Wohnung waren bei seinem Tod das Ehepaar Kullmann, Franziska Braun und seine Haushälterin Josepha Paschke gemeldet. Alle Untermieter*innen mussten die Wohnung verlassen. Die gesamte Wohnungseinrichtung wurde vermutlich beschlagnahmt. Oskar Bodenheimers Kinder wurden als mögliche Erben nicht benachrichtigt, denn der Nachlass sei nach Aussage seiner Haushälterin gerade mal 100 Reichsmark wert gewesen. So ist in den Akten von 1940 zu lesen.

Oskar Bodenheimers Tochter und Sohn beantragten nach dem Krieg in einem Wiedergutmachungsverfahren eine Entschädigung.

Sein Sohn hatte bis kurz vor seinem Tod in dieser Wohnung gelebt. Er erstellte 1958 aus dem Gedächtnis ein Inventarverzeichnis und bezifferte den Wert der Einrichtung auf ca. 29.000 Reichsmark, 1 Reichsmark war ungefähr zehnmal so viel wert wie 1 DM. Auch die ehemalige Haushälterin und eine seit langem eng befreundete Familie von Oskar Bodenheimer bestätigten eidesstattlich, dass die Wohnungseinrichtung einen sehr hohen Wert hatte. 1962 erhielten die beiden Kinder eine Summe von 3.500 DM als Entschädigung. Außerdem erhielten sie 4000,- DM als Entschädigung an Eigentum und Vermögen, da ihr Vater als Jude nach dem „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ ab dem 1. Juli 1933 unrechtmäßig von seinem Arbeitsplatz entlassen worden war und damit kein Einkommen mehr hatte.


 

Text und Recherche

  • Bettina Gütschow, Juni 2026

Quellen

  • Arolsen Archives, Dok-ID 103191196, Korrespondenzakte.

  • Bayerisches Hauptstaatsarchiv, Landesentschädigungsamt LEA 7064.

  • Stadtarchiv München, DE-1992-KKD-0423-02.

  • Stadtarchiv München, DE-1992-KKD-0424-02.

  • Stadtarchiv München, DE-1992-PMB-B317.

  • Staatsarchiv München, Amtsgericht München AG München NR 1940/842.

  • Staatsarchiv München, Wiedergutmachungsbehörde Oberbayern WB I N 1987.

Internetquellen

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