Margarethe Grünebaum, geb. Haase

 

Margarethe Grünebaum, Kennkartenfoto 1938/39, © Stadtarchiv München

Geboren am 4. Juni 1884 in Rakwitz, Kreis Posen

Deportiert am 20. November 1941 nach Kaunas

Ermordet am 25. November 1941 in Kaunas

 

Herkunft

Margarethe Haase wurde am 4. Juni 1884 in Rakwitz, einem kleinen Städtchen mit damals 2.200 Einwohnern im Kreis Posen geboren. Die Provinz Posen gehörte zu dieser Zeit innerhalb des Deutschen Reiches zum Königreich Preußen. Ihr Vater Mentheim Haase war Getreidehändler, ihre Mutter Rosalie Haase war eine geborene Basch. Ihr einziger Bruder Richard emigrierte 1936 nach Sydney in Australien.

Königliche Luisen-Schule in Posen, © Wikipedia

Die Eltern legten großen Wert auf die Bildung ihrer Tochter und ermöglichten ihr den Besuch der rund 60 Kilometer entfernten Töchter- und Haushaltsschule in Posen. Der Name dieser Töchterschule ist nicht überliefert, aber es gab nur eine Schule in Posen, die für jüdische Mädchen als erste Adresse galt: die Königliche Luisen-Schule. Sie genoss hohes Ansehen als eine von nur vier Schulen unter mehr als 200 Mädchenschulen in Preußen, die sich offiziell „königlich“ nennen durften. Das Ziel der Töchterschule war die höhere Allgemeinbildung für Mädchen sowie die Vorbereitung auf die Führung eines bürgerlichen Haushalts. Dieses schulische Umfeld hat Margarethe Haase sicher maßgeblich geprägt, so dass sie später an der Seite ihres Mannes als gebildete Geschäftsfrau auftreten konnte.


Heirat

Mit 24 Jahren heiratete sie am 16. Februar 1909 den Kaufmann Leopold Grünebaum, der im Stadtzentrum von Passau ein renommiertes Kaufhaus führte. Wie sich das Paar über die Distanz von mehr als 550 Kilometern zwischen ihren Wohnorten kennengelernt hatte, geht aus den Quellen nicht hervor.

Ihr Mann wurde am 10. Dezember 1876 in Staden in Hessen geboren. Nach einer kaufmännischen Lehre bei Tietz in Bamberg und Schweinfurt stieg er in der Bamberger Filiale vom Commis zum leitenden Angestellten auf. 1903 übernahm er im Stadtzentrum von Passau, in der Ludwigstraße 3, ein Textilwarengeschäft.

 

Passau Ludwigstraße, Postkarte, am Ende der Straße auf der rechten Seite befand sich das Kaufhaus „L. Grünebaum“, © Staatliche Bibliothek Passau

Nach und nach stattete er das Geschäft mit Heizung und Telefon aus und erweiterte es zu einem Kaufhaus mit einem breiten Warenangebot. Bei seiner Heirat gehörte „L. Grünebaum“ zu den angesehensten Kaufhäusern am Ort und war über die Stadt hinaus bekannt.

Das frisch vermählte Paar mietete eine große Wohnung in der Nikolastraße 10, nur wenige Gehminuten vom Geschäft entfernt. Vom ersten Tag an arbeitete Margarethe Grünebaum im Kaufhaus ihres Mannes mit und machte sich mit allen geschäftlichen Abläufen vertraut - was sich nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges als sehr hilfreich erweisen sollte.

Familiengründung

Zunächst aber brachte sie neben ihrer Arbeit im Geschäft in den folgenden drei Jahren drei Töchter zur Welt:

  • Ilse am 7. März 1910

  • Margot am 1. Februar 1911 und

  • Rosa am 7. Juni 1912

Da beide Eltern arbeiteten, beschäftigten sie im Haushalt eine Köchin sowie eine Wasch- und eine Bügelfrau. Für die Betreuung der Töchter hatten sie ein Kinderfräulein, das sich später an ihre Arbeitsstelle erinnerte:

„Die Familie Grünebaum lebte in einer gut eingerichteten 5-Zimmer-Wohnung. Der ganze Zuschnitt des Haushalts war ein großzügiger: die drei Kinder hatten Klavier- und Gymnastikstunden etc. Die Familie machte Reisen …“
(aus: A. Rosmus, Exodus, S. 86)

Nach dem Besuch der protestantischen Volksschule gingen die Töchter anschließend auf die Schule der Englischen Fräulein, die Klosterschule Niedernburg.

1914 übernahm Margarethe Grünebaum die Leitung der neuen Filiale im 25 Kilometer entfernten Vilshofen, mit 10.000 Einwohnern die damals größte Stadt im Landkreis.


Jüdisches Leben in Passau

Um 1910, als Margarethe Haase nach Passau heiratete, lebten unter den knapp 21.000 Einwohnern der Stadt nur 73 Juden. Da sie fast ausschließlich im Handel tätig waren, hatten sie trotz ihrer kleinen Zahl dennoch eine wirtschaftliche Bedeutung für die Stadt. Religiös und politisch traten sie im städtischen Leben nicht in Erscheinung. Sie blieben unter sich, kannten einander gut, pflegten engen Kontakt und ein geselliges Leben:

Passau Stadtansicht, Postkarte, © Staatliche Bibliothek Passau

„Die jüdischen Familien waren sehr gesellig untereinander … Nach Geschäftsschluß gingen meine Eltern mit Freunden spazieren, man traf sich bei Freunden oder im Café. Die Herren spielten Tarock und waren auch sehr interessiert an Tagesereignissen, genannt Politik. Samstag abend gingen wir zusammen aus oder wir besuchten Veranstaltungen. Am Sonntag machten wir Ausflüge … Später, als Freunde bereits Autos hatten, fuhren wir nach Zwiesel, … manchmal sogar nach Salzburg oder an den Chiemsee. Einmal im Jahr gings in die Ferien.“
(aus: A. Rosmus, Exodus, S. 88)

Da es in Passau keine Synagoge gab, hatten sich die Passauer Juden, mit initiiert von Leopold Grünebaum, offiziell der jüdischen Gemeinde Straubing angeschlossen. Straubing, etwa 80 Kilometer von Passau entfernt, hatte seit 1907 eine eigene Synagoge und entwickelte sich zum religiösen Zentrum der niederbayerischen Juden. Ein Lehrer aus Straubing kam jede Woche nach Passau, um die jüdischen Kinder in den religiösen Schriften und Hebräisch zu unterrichten, darunter auch die Töchter der Familie Grünebaum.

Die Tochter Ilse bezeichnete ihre Eltern als religiös, aber jüdisch liberal. Sie hielten den Schabbat nicht ein - was angesichts ihrer geschäftlichen Tätigkeit auch schwer gewesen wäre -, aber Pessach und den Sederabend feierten sie.


Krieg

Beide Kaufhäuser waren gut eingeführt und hatten inzwischen eine treue Stammkundschaft, die Kinder waren geboren und wuchsen heran, Margarethe und Leopold Grünebaum hätten zuversichtlich in die Zukunft schauen können - aber die historischen Zeitläufe brachten immer wieder neue Sorgen und Nöte.

Am 1. August 1914 brach der Erste Weltkrieg aus; die Töchter waren zwei, drei und vier Jahre alt. Gut ein Jahr später, am 2. September 1915, wurde Leopold Grünebaum zum Militärdienst eingezogen. Während seiner Abwesenheit führte Margarethe Grünebaum beide Geschäfte und trug die Verantwortung für ihre Familie mit drei kleinen Kindern.


Inflation

Als das Ehepaar die Bedrängnis des Krieges hinter sich hatte, traf sie die Inflation der Nachkriegszeit. Sie arbeiteten beide hart, gaben 1920 die Filiale in Vilshofen auf und konzentrierten sich ganz auf das Passauer Geschäft. Dieses war inzwischen auf 20 Angestellte angewachsen: Verkäufer, Kassiererinnen, Dekorateur, Hutmacher, Hausmeister, Putzkräfte usw. Trotz der schwierigen wirtschaftlichen Lage gelang es ihnen, das bisher nur gemietete Geschäftshaus samt Grundstück zu kaufen.

Als die Turbulenzen der Inflation durchgestanden waren, beantragte ihr Mann 1923 bei der Stadt eine Genehmigung zum Ausbau seines Kaufhauses. Nachdem ihm der erste Antrag abgelehnt worden war, versuchte er es unbeirrt ein Jahr später erneut - und beim zweiten Anlauf wurde es ihm genehmigt.


Weltwirtschaftskrise

Einige ruhige, gute Jahre waren dem Geschäft und der Familie vergönnt, bis im Zuge der Weltwirtschaftskrise die nächste Talfahrt einsetzte: ein deutlicher Umsatzrückgang.

„Ab 1929 hatte sich die allgemeine Wirtschaftsdepression vor allem in den Grenzgebieten, also auch in Passau, besonders drastisch ausgewirkt. Die Firma Grünebaum blieb nicht verschont.“ (aus: A. Rosmus, Exodus, S. 100)

Dank treuer Stammkundschaft konnten Leopold und Margarethe Grünebaum ihr Kaufhaus halten. Die jüngste Tochter Rosa arbeitete mittlerweile im elterlichen Geschäft mit, während die beiden älteren Töchter inzwischen flügge geworden waren und Passau verlassen hatten: Ilse im Dezember 1928 und Margot im Oktober 1930.

Vor dem Hintergrund der wirtschaftlich desolaten Situation in der Weimarer Republik kam Adolf Hitler Ende Januar 1933 mit seinen radikalen Versprechungen an die Macht.

Max Hartmann, der Sohn einer mit Grünebaums befreundeten Familie, die in die USA emigrieren konnte, erinnert sich an den Tag der „Machtübergabe an die Nazis“ in Passau:

„Wir haben in der Angerstraße gewohnt, da kam der Fackelzug vorbei, da wurde der ‚Sieg‘ der Nazis gefeiert. Und da wurde viel gesungen, es war laut. Passau war damals eine kleine Stadt, man hat genau gewusst, dort lebt der Max Hartmann und seine Familie und das sind Juden, und wie die vorbeigekommen sind, da hat jemand Steine geworfen, es ist kein Fenster dabei gebrochen, und sie haben geschrien: ‚Juda verrecke!‘. Und damit war eigentlich dieses wunderbare Geborgensein, ein Gefühl, das jedes Kind sich mehr als fast alles andere wünscht, das war vorbei.“ (aus: Muggenthaler, Mit dem Leben davongekommen, S. 58)

Auch die Familie Grünebaum wird diesen Tag als tiefen Einschnitt erlebt haben.


Geschäftsboykott

Zwei Monate nach der „Machtergreifung“ machten die Juden deutschlandweit erste unheilvolle Erfahrungen mit der neuen Regierungspartei, der NSDAP. Für den 1. April 1933, einem Samstag, rief sie im ganzen Reich zum Boykott jüdischer Geschäfte auf. In Passau setzte der Boykott bereits am Freitag ein, weil an diesem Tag Wochenmarkt war und viele Bauern aus der Umgebung in die Stadt kamen:

„Diese Gelegenheit sollte wahrgenommen werden, um auf diese Weise auch in die Kreise der gerade anwesenden ländlichen Bevölkerung die Boykottidee hineinzutragen.“ (Donau-Zeitung vom 1./2.4.1933 unter dem Titel „Passau im Abwehrkampf“)

Voller Hohn wurde den jüdischen Kaufleuten in Passau in diesem Artikel bescheinigt, der demütigenden Lage mit vorbildlicher Haltung begegnet zu sein: Sie hätten es

„in begrüßenswerter Besonnenheit vorgezogen, um jegliche Störung zu vermeiden, ihre Lokalitäten geschlossen zu halten.“

Für die jüdischen Einwohner der Stadt kam es allerdings zu einer erheblichen „Störung“ - der grundlosen Verhaftung des Kaufmanns Felix Bernheim:

„Dieser wurde am Abend des 31. März in Schutzhaft genommen, angeblich, um sein Leben vor der von ihm provozierten Menschenmenge in Sicherheit zu bringen. Erst Mitte Mai wurde Bernheim wieder aus der Haft entlassen mit folgender zynischer Bemerkung: ‚Es ist ihm jedoch gegen Unterschrift zu eröffnen, daß er auf eigenen Wunsch aus der Schutzhaft entlassen worden ist und daß er freiwillig in Schutzhaft zurückkehren darf, wenn er glaubt, sich nicht mehr schützen zu können‘.“ (aus: Becker, Passau in der Zeit des Nationalsozialismus, S. 173)

Für Familie Grünebaum und andere jüdische Familien in Passau hatte dieses Ereignis Signalwirkung.


Geschäftsaufgabe

Eine Passauerin, die nach New York emigrieren konnte, schildert die Situation des Kaufhauses „L. Grünebaum“ nach dem Boykott folgendermaßen:

„Im April 1933 wurde allem ein schnelles Ende gesetzt, da die Beamtenschaft das Geschäft nicht mehr betreten durfte und auch die übrige Kundschaft in einer Stadt von damals 25.000 Einwohnern zum größten Teil nicht den Mut aufbrachte, in einem jüdischen Geschäft zu kaufen.“ (aus: Rosmus, Exodus, S. 101)

Alle Untiefen des Geschäftslebens hatten Leopold und Margarethe Grünebaum versiert und souverän auffangen können: Krieg, Inflation und Depression. Gegenüber dieser massiven Hetze aber waren sie ohnmächtig ausgeliefert.

Nach dem Vorfall mit Felix Bernheim machten sie sich keine Illusionen mehr - also handelte Leopold Grünebaum schnell und entschlossen. Im Oktober 1933 verkaufte er das Haus und Grundstück seines Geschäftes unter dem tatsächlichen Wert an die Nachbarin und beantragte bei der Stadt einen viermonatigen Total-Ausverkauf, um das große Warenlager abverkaufen zu können. Nachdem es genehmigt worden war, schalteten sie ein Inserat in der „Donau-Zeitung“.

25 Jahre lang prägte Margarethe Grünebaum als Geschäftsfrau an der Seite ihres Mannes das Kaufhaus „L. Grünebaum“, eines der ersten Kaufhäuser am Ort. Neun Monate nach der „Machtergreifung“ zwang der wirtschaftliche Druck das Ehepaar zur Aufgabe: Nach dem Total-Ausverkauf meldeten sie ihr Geschäft im März 1934 ab.

Anzeige in der Donau-Zeitung vom 10.11.1933


Zuflucht in München

Mit dem erlösten Geld, das sie in Wertpapieren anlegten, zogen die Grünebaums und ihre jüngste Tochter Rosa Anfang April 1934 nach München. In der Jakob-Klar-Straße 5 in Schwabing mieteten sie eine Wohnung.

„Sie dachten, da wären sie sicherer, was viele Juden getan haben“, erinnert sich Tochter Ilse.

In der Anonymität der Großstadt hofften sie offenbar, weniger als Juden erkannt und ausgegrenzt zu werden. Zudem war München für viele jüdische Emigranten aus Bayern eine erste Anlaufstelle, weil es dort noch eine große Israelitische Kultusgemeinde gab, die bei der Organisation der Auswanderung beratend und unterstützend zur Seite stand.

Am 30. August 1934 meldete Leopold Grünebaum in München wieder ein Gewerbe an: als Provisionsvertreter für Textilwaren. Es war sehr schwer für ihn, in München den Lebensunterhalt für sich und seine Frau zu verdienen. „Er hat alle möglichen Jobs annehmen müssen, aber kaum etwas verdient.“ (aus: Rosmus, Exodus, S. 115)

Neben seiner Arbeit suchte er nach einer Auswanderungsmöglichkeit. Doch ohne konkretes Ziel, Fremdsprachenkenntnisse und eine berufliche Perspektive im Ausland verfolgten die Grünebaums ihre Auswanderungspläne nicht mit der Zielstrebigkeit, die ihr geschäftliches Leben ausgezeichnet hatte. Tochter Ilse erinnerte sich: „Wir haben alle nicht fassen wollen oder können, dass es so schlimm werden könnte.“

Am 22. September 1937 zogen sie innerhalb Schwabings in die Tengstraße 35 um. Sie konnten dort eine große Vier-Zimmer-Wohnung mieten, die eine Verwandte genau beschrieb:

„Sie bewohnten eine schöne und gut eingerichtete Wohnung. Dieselbe bestand aus einem neuen Kirschbaumeßzimmer, einem Herrenzimmer, Schlafzimmer und einem Wohn-Schlafzimmer, das von der Tochter bewohnt wurde; bis zu deren Auswanderung im Jahre 1939. Die Familie Grünebaum hat besonderen Wert auf gute Einrichtung gelegt und hat eine Menge Geld in die Umarbeitung von Möbeln gesteckt, die sie dachten mit ins Ausland zu nehmen.“ (aus: Rosmus, Exodus, S. 104)

Ihre Tochter Rosa arbeitete in München als Büroangestellte.


Das Ende eines langen gemeinsamen Weges

Die Schlinge um den Hals wurde immer enger: Im Dezember 1938 musste Leopold Grünebaum sein Gewerbe abmelden. Aufgrund der „Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben“ vom 12. November 1938 war es Juden ab sofort verboten, ein Gewerbe zu betreiben oder sonst wie geschäftlich tätig zu sein. Fortan mussten sie ohne jede Verdienstmöglichkeit überleben. Gleichzeitig erpresste das Regime mit der „Verordnung über eine Sühneleistung der Juden deutscher Staatsangehörigkeit“ auch noch eine „Judenvermögensabgabe“ von ihnen in Höhe von 11.500 RM - das entspricht ungefähr 60.000 € -, die sie in fünf Raten zu zahlen hatten.

1939 mussten die Grünebaums Untermieter in ihre Wohnung aufnehmen und wenig später wurde ihnen mitgeteilt, dass sie in absehbarer Zeit die Wohnung räumen und in ein möbliertes Zimmer ziehen müssten.

Aktenvermerk zur Judenvermögensabgabe,
© Staatsarchiv München, FinA 17498

Die immer neuen Repressalien, denen sie ausgeliefert waren und die täglichen Aufregungen um ihre Auswanderungsbemühungen, die immer wieder ins Leere liefen, setzten ihrem Mann sehr zu: Im November 1939 wurde er wegen Herzbeschwerden zwei Wochen im Israelitischen Kranken- und Schwesternheim behandelt. Margarethe Grünebaum besuchte ihn jeden Tag.

Die Frage der Emigration - wohin, wie, wann - samt den vielen notwendigen Papieren und Dokumenten, die beizubringen waren, beschäftigte sie Tag und Nacht. Sie schwankten zwischen Venezuela, Shanghai, Paraguay und Chile; für die USA, ihr bevorzugtes Emigrationsland, lagen sie in ihrer Quoten-Nummer zu weit hinten. Schließlich entschieden sie sich für Venezuela, weil ihr künftiger Schwiegersohn, der Verlobte ihrer Tochter Rosa, ein Visum für dieses Land erhalten hatte. So hofften sie, den Neuanfang nicht ganz allein bewältigen zu müssen.

Die Visa für das Einwanderungsland trafen ein. Nun wurde es ernst: Ihr Porzellan und ihre Kristallwaren übergaben sie einer Spedition, die „Reichsfluchtsteuer“ in Höhe von 7.223 RM, das entspricht knapp 38.000 €, wurde fällig.

Die Aufregung der bevorstehenden Auswanderung war für Leopold Grünebaum zu viel: Am 12. Januar 1940 - einen Tag vor der Ausreise - erlitt er einen Herzinfarkt und starb. Seine Frau ließ ihn auf dem Neuen Israelitischen Friedhof in München beisetzen.

Leopold Grünebaum hinterließ seiner Frau neben einer Wohnungseinrichtung im Wert von 10.000 RM ein Vermögen von knapp 47.000 RM, das entspricht ungefähr 290.000 €.


Die Katastrophe ist nicht mehr aufzuhalten ...

Der Tod ihres Mannes war für Margarethe Grünebaum nicht nur ein schwerer persönlicher Verlust, er zerstörte zugleich ihre Hoffnung auf Flucht: Da ihr Visum an das ihres Mannes gebunden war, verlor es mit seinem Tod seine Gültigkeit. Die lange geplante und mühsam vorbereitete Emigration war damit unmöglich geworden.

Fortan auf sich allein gestellt - ihr Mann nicht mehr da, ihre Töchter unerreichbar weit weg - gab sie dennoch nicht auf. Mit der Kraft der Verzweiflung bemühte sie sich um eine neue Fluchtmöglichkeit, diesmal in die USA. Dieser Versuch scheiterte an ihrem Geburtsort Rakwitz, der vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges zu Polen gehört hatte. So galt für sie die polnische Quote des US-amerikanischen Einwanderungskontingents. Ihre Quotennummer lag so weit hinten, dass die „Endlösung“ sie noch vor der rettenden Flucht einholte.

Ihre Tochter Ilse erinnert sich: „Sie hat alles versucht, um auswandern zu können, und sie war sehr tatkräftig. Wir haben alles versucht, sie rauszubringen, aber es war nicht mehr möglich.“


Die letzten zwei Lebensjahre

Zwei Monate nach dem Tod ihres Mannes, im März 1940, löste Margarethe Grünebaum ihre Vier-Zimmer-Wohnung in Schwabing auf und zog nach Bogenhausen in die Schneckenburgerstraße 34. Weil sie immer noch auf ihre Auswanderung hoffte, lagerte sie einen Großteil der Wohnungseinrichtung bei einer Spedition ein. Einen kleineren Teil nahm sie mit in ihre neue Ein-Zimmer-Wohnung. Wie sie selbst, bemühten sich auch ihre Töchter aus der Ferne unermüdlich, einen Fluchtweg für die Mutter zu finden.

Immer wieder bekam sie Zahlungsaufforderungen für willkürliche Sonderabgaben: Das Hauptzollamt München erpresste 2.004,90 RM von ihr, eine „Auswandererabgabe“ wurde ihr abverlangt, eine „DEGO-Abgabe“ - eine Zwangsabgabe an die Deutsche Golddiskontbank - für die Mitnahme des Umzugsguts ins Ausland auferlegt, dann folgte eine Bürgersteuer usw. Als sie all diese Forderungen nicht mehr erfüllen konnte, musste sie im Juli 1941 ihre eingelagerten Möbel weit unter Wert versteigern lassen.

Am 16. September 1941 wurde Margarethe Grünebaum gezwungen, in eine Massenunterkunft in der Ismaninger Straße 76 umzuziehen. Es war ein sogenanntes Judenhaus, in dem die Nationalsozialisten die Juden vor ihrer Deportation sammelten, de facto zusammenpferchten. In der Vier-Zimmer-Wohnung im 1. Stock, in die sie eingewiesen wurde, lebten 18 Personen. Sie nahm ihre eigenen hochwertigen Möbel mit. Wie sehr es in dieser Zwangsunterkunft am Lebensnotwendigsten fehlte, zeigte ein Brief, in dem sie Tochter Ilse um Essen und warme Sachen bat.


Ermordung

Sie war nicht lange in dieser notvollen Sammelunterkunft. Im November 1941 erhielt Ilse Grünebaum die letzte Karte von ihrer Mutter mit der Nachricht, sie werde deportiert. „Sie schrieb, sie wollte alles aushalten, um wieder mit uns zusammenzukommen. Aber sie hat doch geahnt, dass es den Tod bedeuten würde.“ (aus: Rosmus, Exodus, S. 108).

In den Arolsen Archives liegt von der Staatspolizeileitstelle München der Geheimen Staatspolizei die Transportliste für die „Evakuierung von Juden“ vom 15. November 1941. 55 Seiten hat diese Liste. 1.000 Juden - Männer, Frauen und Kinder - aus dem Staatspolizeibereich München sind in dieser maschinenschriftlichen Liste fein säuberlich mit Namen, Beruf, Familienstand, Geburtsdatum, Geburtsort, Staatsangehörigkeit und Wohnadresse aufgeführt. Unter der Nummer 568 auf Seite 32 steht „Grünebaum Grete S.“. Zwei Namen wurden wegen Erkrankung aus der Liste wieder gestrichen.

Eintrag Nr. 568 der Deportationsliste: Grünebaum Grete S.
© Statistik und Deportation der jüdischen Bevölkerung aus
dem Deutschen Reich, Arolsen Archives

Dieser erste Deportationstransport der systematischen Verschleppung von Menschen aus der „Hauptstadt der Bewegung München“ in den Osten des Deutschen Reiches

„ging am 20. November 1941 von Milbertshofen ab. Den 998 deportierten Personen … wurde mitgeteilt, sie würden zu einem Arbeitseinsatz gebracht. Sie hatten sich vor dem Transport im Barackenlager in Milbertshofen einzufinden, teilweise bereits einige Tage vor Abfahrt. In den frühen Morgenstunden des 20. November 1941 schließlich mussten sie zum Bahnhof Milbertshofen laufen, wo sie in einen Sonderzug verbracht wurden. In dem viel zu kleinen Zug gab es für die meisten der fast 1.000 Personen keine Sitzmöglichkeit. Die Fahrt nach Kaunas dauerte drei Tage… Gemeinsam mit Menschen aus zwei weiteren Deportationszügen aus Berlin und Frankfurt am Main wurden sie dort in die viel zu kleinen Zellen des Fort IX gesperrt, wo sie noch zwei weitere Tage ausharren mussten.

Am 25. November 1941 wurden die aus München, Berlin und Frankfurt am Main deportierten Menschen [insgesamt 2.934 Menschen, Anm. der Autorin] in den Festungsgräben des Fort IX vom Einsatzkommando 3 der Einsatzgruppe A unter der Leitung des SS-Standartenführers Karl Jäger erschossen.”
(Quelle: Jüdisches Museum München, Blog Orte: 20. November 1941)

Tochter Ilse: „Ich habe schon viele Menschen verloren, aber über den Tod meiner armen Mutter werde ich wohl nie hinwegkommen, obwohl ich jetzt schon 74 Jahre alt bin.“ (aus: Rosmus, Exodus, S. 109).

„Als ‚Entschädigung‘ für die zunächst der Freiheit beraubten und dann ermordeten Mutter wurden Ilse Grünebaum 2 MAL 150,- DM zuerkannt.“ (aus: Rosmus, Exodus, S. 115).


Einziehung des „feindlichen“ Vermögens

Bereits fünf Wochen vor ihrer Deportation in den Tod verfügte die Gestapo die Einziehung von Margarethe Grünebaums gesamtem Vermögen. Im Staatsarchiv München liegt diese auf den 15. Oktober 1941 datierte Verfügung der Geheimen Staatspolizei, dass „das gesamte Vermögen der Jüdin Grete Israel Grünebaum zugunsten des Deutschen Reiches eingezogen wird“.

Mit dem Überschreiten der Reichsgrenze und der damit einhergehenden „Verlegung des gewöhnlichen Aufenthalts ins Ausland“ – was bei der Deportation zwangsläufig der Fall war – fiel das Vermögen der Verschleppten automatisch an das Deutsche Reich. Auf Grundlage der vorab ausgestellten Verfügung konnte die Reichsfinanzverwaltung nach Margarethe Grünebaums Deportation „in den Osten“ sofort auf ihr verbliebenes Vermögen von rund 13.500 RM - das entspricht heutigen 68.000,- € -, auf ihren Schmuck und ihre Möbel zugreifen.

Nachdem sich der Staat all ihres Hab und Guts bemächtigt hatte, war noch ein Guthaben von 9 RM aus einer im Jahr 1940 zu viel gezahlten Bürgersteuer übrig.

Mit diesen 9 RM befassten sich in den folgenden zwei Jahren fünf Behörden – schließlich handelte es sich um „feindliches“ Vermögen:

  • die Stadthauptkasse der Hauptstadt der Bewegung München

  • die Außenstelle des Oberfinanzpräsidenten Berlin-Brandenburg

  • die Staatspolizeileitstelle der Geheimen Staatspolizei München

  • der Chef der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes des Reichsführers SS

  • die Dienststelle für Vermögensverwertung des Oberfinanzpräsidenten München

Am 16. August 1943, knapp zwei Jahre, nachdem Margarethe Grünebaum erschossen worden war, hatten die beteiligten Dienststellen schließlich geklärt, geprüft und entschieden, dass in ihrem Fall die Voraussetzungen für den Vermögensverfall vorlagen und die 9 RM dem Deutschen Reich gutzuschreiben sind.

Verfügung der Geheimen Staatspolizei, © Staatsarchiv München, Oberfinanzdirektion M 7232

 

Stadthauptkasse München, Anmeldung von 9 RM „feindlichem" Vermögen © Staatsarchiv München, Oberfinanzdirektion M 7232


Das Schicksal der Töchter

Tochter Ilse Grünebaum verließ Passau 1928, mit 18 Jahren, nachdem sie einige Zeit im elterlichen Geschäft mitgearbeitet hatte. Sie wollte der kleinstädtischen Enge entkommen und ging nach Berlin. Dort arbeitete sie als Kontoristin im Carl Heymanns Verlag und bildete sich in Abendkursen fort zur Stenotypistin und Buchhalterin. Am 1. April 1933, dem Tag des Judenboykotts, wurde sie entlassen. Sie fand eine neue Stelle bei einem jüdischen Patentanwalt, bis dessen Firma arisiert wurde. Kurz vor Kriegsausbruch, im Juli 1939 konnte sie mit 10 RM in der Tasche nach England auswandern und verdingte sich dort als Hausangestellte. Im Januar 1940 bekam sie ein Visum für die USA - aber keine Schifffahrtspassage. Erst im Januar 1946 konnte sie nach New York fliegen, wohin inzwischen auch ihre Schwester Margot emigriert war. Fünf Jahre später wurde sie amerikanische Staatsbürgerin. Sie arbeitete als Buchhalterin in verschiedenen Büros. Am 20. Januar 2002 starb Ilse Greenbaum mit knapp 92 Jahren in New York.

Tochter Margot Grünebaum ging 1930 mit 19 Jahren für zwei Jahre nach England. 1933 nahm sie eine Stelle als Kindermädchen bei der Familie des jüdischen Warenhausbesitzers Max Wronker in Königstein im Taunus an. 1934 wanderte sie mit der Familie nach Paris aus. Die Arbeit als Dienstmädchen mit fünf Kindern, die erzogen werden sollten und einer großen Villa mit 32 Zimmern, die in Ordnung zu halten war, wurde ihr bald zu viel. Sie kündigte und hielt sich mit wechselnden Stellen über Wasser, bis sie 1940 in das Sammellager Gurs in Südfrankreich interniert wurde. Sie gehörte zu den wenigen Überlebenden, die aus der Gefangenschaft befreit werden konnten. Von Marseille aus gelang es ihr über Portugal nach New York zu emigrieren. Dort fand sie Arbeit in einer Fabrik und heiratete im November 1943 Emanuel Gottesmann, einen Juden aus Wien. Ihr Leben lang hatte sie „Heimweh“ nach Passau und konnte sich in den USA nie beheimaten. Ihre Schwester Ilse Greenbaum berichtet: „Sie hat halb in England und halb in Amerika gelebt. In der Sehnsucht nach Passau, nach „daheim‘.“ Mit 60 Jahren starb sie am 13. Februar 1971 in London.

Tochter Rosa arbeitete im elterlichen Geschäft mit und zog 1934 mit den Eltern nach München, wo sie mit verschiedenen Bürotätigkeiten ihren Lebensunterhalt verdiente. Im Frühjahr 1939 verlobte sie sich mit Albert Grünzeug und emigrierte kurz darauf, im Mai 1939, nach England. Dort nahm sie eine Anstellung als Dienstmädchen an, „für alleinstehende Frauen damals der einzige Weg, von Deutschland wegzukommen und das Leben zu retten“, berichtet ihre Schwester Ilse. Albert Grünzeug, der über drei Monate im Konzentrationslager Dachau gefangen gehalten wurde, gelang Ende 1939 die Flucht nach Venezuela. Seine Verlobte, die gehofft hatte, ihm bald nachfolgen zu können, wurde nach Ausbruch des Krieges zunächst interniert, überlebte dann den Krieg in England und konnte erst 1945 zu ihrem Verlobten nach Venezuela auswandern. In Caracas heirateten sie und lebten dort 34 Jahre. 1979 zogen sie nach Miami Beach in Florida, USA. 1986 starben sie kurz nacheinander: am 12. August 1986 Rosa und am 25. Dezember 1986 Albert Grünzeug.


Gedenken

Am 24. Juli 2015 wurden in der Nikolastraße 10 in Passau, an dem Ort, wo die Familie Grünebaum 25 Jahre gewohnt hatte, fünf Stolpersteine verlegt: für Leopold, Margarethe, Ilse, Margot und Rosa Grünebaum.

 

Stolpersteine für die Familie Grünebaum vor dem Haus Nikolastraße 10 in Passau, © Website Universität Passau


 

Text und Recherche

  • Irmtrud Beer, September 2026

Archiv-Quellen

  • Stadtarchiv München, DE-1992-KKD-1213, Kennkartendoppel.

  • Staatsarchiv München, Oberfinanzdirektion StAM Oberfinanzdirektion M 7232.

  • Stadtarchiv Passau, Mails v. 22.5.2026, 10.6.2026, 28.6.2026.

  • Staatliche Bibliothek Passau, Mails v. 6.8.2026, 7.8.2026 und 10.8.2026.

  • Universität Passau, Mail v. 5.8.2026.

Internetquellen

Literatur

  • Becker, Winfried (Hrsg.): Passau in der Zeit des Nationalsozialismus: ausgewählte Fallstudien, Passau 1999.

  • Mader, Franz: 1000 Passauer. Lexikon zur Stadtgeschichte, Passau 1995.

  • Muggenthaler, Thomas: Mit dem Leben davongekommen, München 2025.

  • Rosmus, Anna Elisabeth: Exodus: im Schatten der Gnade: Aspekte zur Geschichte der Juden im Raum Passau, Tittling 1988, S. 85 – 117.

  • Rosmus, Anna Elisabeth: Out of Passau: von einer, die auszog, die Heimat zu finden, Freiburg 1999.

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