Leopold Grünebaum
Leopold Grünebaum, Kennkartenfoto 1938/39, © Stadtarchiv München
Geboren am 10. Dezember 1876 in Staden in Hessen
Gestorben am 12. Januar 1940 in München
Herkunft
Leopold Grünebaum wurde am 10. Dezember 1876 in Staden, einem kleinen ländlichen Ort in der Nähe von Friedberg in Hessen geboren. Von den damals 380 Einwohnern waren ungefähr 85 jüdischen Glaubens. Die Familien lebten vom Vieh- und Pferdehandel oder betrieben Geschäfte im Ort. Staden besaß einen jüdischen Friedhof, eine Religionsschule, ein rituelles Bad und seit 1862 eine eigene Synagoge.
Staden, 1849, Stahlstich auf Papier, © Wikipedia
Sein Vater Mejer Grünebaum, 1819 in Rohrbach in der Hallertau geboren, verdiente seinen Lebensunterhalt als Viehhändler. In erster Ehe war er mit Adelheid Stern verheiratet, mit der er vier Kinder hatte. Seine Frau starb 1874. Damit die vier Halbwaisen versorgt waren, hat er bald wieder geheiratet. Seine zweite Frau Karolina Rothschild, geboren 1850, war mehr als dreißig Jahre jünger als er. Im Dezember 1876 kam ihr Sohn Leopold zur Welt. Er wuchs mit vier Halbgeschwistern auf und verlor beide Eltern früh. Seine Mutter starb, als er noch ein Kind war. Sein Vater, der bei seiner Geburt bereits 57 Jahre alt war, starb am 21. August 1890, als Leopold 13 Jahre alt war.
Ausbildung
Nach dem Tod seiner Eltern musste er früh lernen, auf eigenen Füßen zu stehen. Die Suche nach einer Lehrstelle führte ihn von seiner hessischen Heimat nach Franken. In Bamberg hatte Oscar Tietz 1889 ein Warenhaus eröffnet; dort begann Leopold im April 1891, mit 14 Jahren, eine kaufmännische Lehre.
“Es waren harte Jahre”, erzählte Leopold Grünebaum später seinen Kindern. Die wöchentliche Arbeitszeit für Lehrlinge betrug damals 60 bis 66 Stunden an sechs Tagen in der Woche. Von seinem geringen Entgelt musste er eine schlichte Unterkunft bezahlen. Parallel zur praktischen Ausbildung im Kaufhaus besuchte er abends, oft auch sonntags, die kaufmännische Fortbildungsschule, um Buchführung, kaufmännisches Rechnen und Korrespondenz zu lernen.
Warenhaus Tietz, Bamberg, Postkarte von 1908
© Stadtarchiv Bamberg
Nach zwei Jahren, im April 1893, wechselte Leopold Grünebaum in die Tietz-Filiale nach Schweinfurt, die Leonhard Tietz 1884 in der Spitalstraße eröffnet hatte. Im Zuge der Industrialisierung, Massenproduktion und Verstädterung veränderten sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Lebensbedingungen vieler Menschen. An die Stelle der Selbstversorgung trat zunehmend der Einkauf im Geschäft. Die Brüder Leonhard und Oscar Tietz erkannten diese Entwicklung früh und bauten ein deutschlandweites Warenhausunternehmen mit mehr als 30 Filialen auf. Ihr Erfolg beruhte auf einem breiten, preiswerten und zugleich qualitativ guten Angebot. Neu war, dass die Ware zu festen Preisen angeboten wurde, Barzahlung statt Anschreibenlassen sowie ein Umtauschrecht für die Kunden.
Das Schweinfurter Tietz-Kaufhaus war eine der ersten Filialen des Unternehmens. Es war mit einem Personen-Aufzug ausgestattet, der in der Anzeige besonders hervorgehoben wird, ebenso wie die kostenlose Lieferung der Ware nach Hause bei einem Mindestbestellwert.
Werbe-Inserat Kaufhaus Tietz Schweinfurt
© Schweinfurtführer Peter Hofmann
Auch für die Angestellten sorgte Tietz: Er stellte ihnen ein großzügiges Haus zum Wohnen in unmittelbarer Nähe des Arbeitsplatzes zur Verfügung. Im „Haus-Bogen“ Spitalstraße 34 ist auch der „kaufmännische Lehrling“ Leopold Grünebaum als „Miethbewohner“ eingetragen.
Im Oktober 1895 schloss er seine Ausbildung ab. Am 1. November kehrte er nach Bamberg zurück und arbeitete nun bei Tietz als „Commis“ oder Handlungsgehilfe. Der Commis war ein gelernter Angestellter, der Büroarbeiten übernahm, Kunden betreute und sich um die Lehrlinge kümmerte. Seine Arbeit wurde so geschätzt, dass er in den folgenden sechs Jahren zum leitenden Angestellten aufstieg.
Spitalstraße Schweinfurt um 1904, hinten das Kaufhaus Tietz, in dem Erkerhaus in der Mitte wohnte Leopold Grünebaum
© Schweinfurtführer Peter Hofmann
Der Weg zum erfolgreichen Kaufmann
Mit 25 Jahren wagte Leopold Grünebaum den Schritt in die Selbständigkeit. Sechs Jahre Erfahrung im Warenhaus Tietz, seine Ersparnisse und eine offenbar günstige Gelegenheit bestärkten ihn darin, nach Passau zu gehen und dort das „Kurz-, Weiss-, Woll- und Manufakturwarengeschäft“ von Robert Bermann in der zentral gelegenen Ludwigstraße 3 zu übernehmen. „Ich nehme an, daß Tietz ihm halfen, in Passau ein Geschäft zu eröffnen. Er hat viel und gut dort gelernt“, erinnerte sich später seine Tochter Ilse.
Als junger, tatkräftiger Unternehmer modernisierte er zunächst das Geschäft: Er ließ eine Heizungsanlage einbauen und installierte ein Telefon - eine für die damalige Zeit modernste Ausstattung. Im „Adreßbuch 1905/1906“ inserierte er als Inhaber noch unter dem Namen seines Vorgängers.
Nach und nach baute er das Manufakturwarengeschäft zu einem Kaufhaus aus und erweiterte das Sortiment erheblich: neben Kurz-, Weiß- und Wollwaren bot er noch dazu an:
Damen- und Kinder-Konfektion
Damen- und Mädchen-Hüte
Herrenwäsche, Krawatten
Kleiderstoffe, Seidenstoffe
Portieren, Teppiche, Linoleum
Schirme und Spielwaren.
Um auch die gehobene Kundschaft anzusprechen, führte er erstklassige „Luxuswaren“. Im „Adreßbuch 1907“ inserierte er selbstbewusst erstmals unter seinem eigenen Namen:
Binnen kurzer Zeit entwickelte sich das Kaufhaus „L. Grünebaum“ zu einer gefragten Adresse in Passau und darüber hinaus. Ein Lieferant, der ihn 25 Jahre lang mit Wollstoffen belieferte, hatte seinen langjährigen Kunden in bester Erinnerung:
„Der Inhaber dieses Warenhauses L. Grünebaum, Herr Leopold Grünebaum, war mir stets nicht nur ein guter Freund, sondern auch ein jahrelanger regelmäßiger Abnehmer. Dieses Geschäft, das immer auf reellster Basis geführt wurde, erfreute sich eines sehr guten Rufes und gehörte zu den bedeutendsten am dortigen Platze. Herr Leopold Grünebaum war nicht nur ein sehr fähiger Kaufmann und von allen seinen Lieferanten sehr geschätzt, sondern auch ein hervorragend fähiger Textilfachmann.“
Auch seinen Mitarbeitern gegenüber zeigte sich Leopold Grünebaum als großzügiger, fürsorglicher Arbeitgeber. Als seine Tochter Ilse 1987, über 40 Jahre nach dem Krieg, ihre ehemalige Heimatstadt besuchte, stand am Bahnhof ein Mann mit einem Blumenstrauß in der Hand, um ihr „für die vielen Wohltaten ihrer Familie“ zu danken. Eine ehemalige Verkäuferin war ebenfalls zum Empfang gekommen und erzählte Ilse, dass ihr Vater ihr zur Hochzeit das Brautkleid geschenkt hatte.
Passau Ludwigstraße, Postkarte, am Ende der Straße auf der rechten Seite befand sich das Kaufhaus „L. Grünebaum“
© Staatliche Bibliothek Passau
Inserat im Adreßbuch 1905/06
Anzeige im Passauer Adressbuch 1907
Heirat und Familiengründung
Jahr um Jahr hatte Leopold Grünebaum seine Zeit, Kraft und Aufmerksamkeit ganz in das Geschäft investiert. Mit Anfang dreißig rückte nun der Wunsch nach einer eigenen Familie stärker in den Vordergrund.
Am 16. Februar 1909 heiratete er die acht Jahre jüngere Margarethe Haase, die Tochter von Mentheim und Rosalie Haase. Sie stammte aus Rakwitz, im damaligen Deutschen Reich in der Provinz Posen gelegen, wo sie am 4. Juni 1884 geboren wurde. Ihr Vater war Getreidehändler. Sie hatte die Töchter- und Haushaltsschule in Posen besucht.
Das frisch vermählte Paar mietete eine Wohnung in der Nikolastraße 10, einer Seitenstraße der Ludwigstraße, nur 400 Meter vom Geschäft entfernt. Margarethe Grünebaum ging ihrem Mann vom ersten Tag an zur Hand und arbeitete sich in alle Geschäftsabläufe ein - was sich nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges als sehr hilfreich erweisen sollte. Zunächst aber brachte sie neben ihrer Arbeit im Geschäft in den folgenden drei Jahren drei Töchter zur Welt:
Ilse am 7. März 1910
Margot am 1. Februar 1911 und
Rosa am 7. Juni 1912
Da beide Eltern im Geschäft arbeiteten - inzwischen war noch eine Filiale in Vilshofen, etwa 25 Kilometer von Passau entfernt, hinzugekommen -, beschäftigten sie im Haushalt eine Köchin sowie eine Wasch- und eine Bügelfrau. Für die Betreuung der Töchter hatten sie ein Kinderfräulein, das sich später an ihre Arbeitsstelle erinnerte:
„Die Familie Grünebaum lebte in einer gut eingerichteten 5-Zimmer-Wohnung. Der ganze Zuschnitt des Haushalts war ein großzügiger: die drei Kinder hatten Klavier- und Gymnastikstunden etc. Die Familie machte Reisen …“ (aus: A. Rosmus, Exodus, S. 86)
Jüdisches Leben in Passau
Als Leopold Grünebaum 1902 nach Passau zog, lebten dort 34 Juden. 1933 gab es 43 gemeldete Juden in Passau: 14 selbständige Kaufleute und ihre Familienangehörigen. Da sie fast ausschließlich im kaufmännischen Bereich tätig waren, hatten die Passauer Juden eine gewisse wirtschaftliche Bedeutung für die Stadt. Religiös und politisch traten sie im städtischen Leben nicht in Erscheinung. Sie blieben unter sich:
Passau Stadtansicht, Postkarte, © Staatliche Bibliothek Passau
„Die jüdischen Familien waren sehr gesellig untereinander … Nach Geschäftsschluß gingen meine Eltern mit Freunden spazieren, man traf sich bei Freunden oder im Café. Die Herren spielten Tarock und waren auch sehr interessiert an Tagesereignissen, genannt Politik. Samstag abend gingen wir zusammen aus oder wir besuchten Veranstaltungen. Am Sonntag machten wir Ausflüge … Später,
als Freunde bereits Autos hatten, fuhren wir nach Zwiesel, … manchmal sogar nach Salzburg oder
an den Chiemsee. Einmal im Jahr gings in die Ferien.“ (aus: A. Rosmus, Exodus, S. 88)
Da Passau keine Synagoge hatte, schlossen sich die Passauer Juden 1903 offiziell der jüdischen Gemeinde Straubing an. Vier jüdische Bürger, darunter Leopold Grünebaum, hatten diese Entscheidung initiiert. Straubing, etwa 80 Kilometer von Passau entfernt, hatte seit 1907 eine eigene Synagoge und entwickelte sich zum religiösen Zentrum der niederbayerischen Juden. Ein Lehrer aus Straubing kam jede Woche nach Passau, um die jüdischen Kinder in den religiösen Schriften und in Hebräisch zu unterrichten, darunter auch die Töchter der Familie Grünebaum.
Die Tocher Ilse bezeichnete ihre Eltern als religiös, aber jüdisch liberal. Sie hielten den Schabbat nicht ein - was angesichts ihrer geschäftlichen Tätigkeit auch schwer gewesen wäre -, aber Pessach und den Sederabend feierten sie.
Krieg
Beide Kaufhäuser waren gut eingeführt und hatten inzwischen eine treue Stammkundschaft, die Kinder waren geboren und wuchsen heran, die Eltern hätten zuversichtlich in die Zukunft schauen können - aber die historischen Zeitläufe brachten immer wieder neue Sorgen und Nöte.
Am 1. August 1914 brach der Erste Weltkrieg aus; die Kinder waren zwei, drei und vier Jahre alt. Ein Jahr später, am 2. September 1915, wurde Leopold Grünebaum zum Militärdienst eingezogen. Er kam zum „ungedienten Landsturm“. Dieser umfasste alle wehrpflichtigen Männer im Alter von 17 bis 45 Jahren, die keine militärische Ausbildung hatten und direkt aus dem Zivilleben für den Kriegshilfsdienst eingezogen wurden. Laut „Kriegsstammrolle“, dem amtlichen Verzeichnis des Militärs, kam er sieben Wochen später, am 22. Oktober 1915, ins Lazarett. Nach dem Lazarettaufenthalt wurde er in den Reservedienst versetzt, das heißt, die vorderste Frontlinie blieb ihm fortan erspart.
Die Verantwortung, die in dieser Zeit der Abwesenheit ihres Mannes auf Margarethe Grünebaums Schultern lag, war sehr groß - neben ihrer Familie mit drei kleinen Kindern führte sie beide Geschäfte selbstverständlich weiter.
Inflation
Als das Ehepaar die Bedrängnis des Krieges hinter sich hatte, traf sie die Inflation der Nachkriegszeit. Sie arbeiteten beide hart, gaben 1920 die Filiale in Vilshofen auf und konzentrierten sich ganz auf das Passauer Geschäft. Dieses war inzwischen auf 20 Angestellte angewachsen: Verkäufer, Kassiererinnen, Zugehfrauen, Dekorateur, Hutmacher, Hausmeister, usw. Trotz der schwierigen wirtschaftlichen Lage gelang es ihnen, das bisher gemietete Geschäftshaus samt Grundstück zu kaufen.
Als die Turbulenzen der Inflation hinter ihnen lagen, beantragte Leopold Grünebaum 1923 bei der Stadt eine Genehmigung zum Ausbau seines Geschäftes. Nachdem ihm der erste Antrag abgelehnt worden war, versuchte er es unbeirrt ein Jahr später erneut und - beim zweiten Anlauf wurde es ihm genehmigt.
Weltwirtschaftskrise
Einige ruhige, gute Jahre waren dem Geschäft und der Familie vergönnt, bis im Zuge der Weltwirtschaftskrise die nächste Talfahrt einsetzte: ein deutlicher Umsatzrückgang. „Ab 1929 hatte sich die allgemeine Wirtschaftsdepression vor allem in den Grenzgebieten, also auch in Passau, besonders drastisch ausgewirkt. Die Firma Grünebaum blieb nicht verschont.“ (aus: A. Rosmus, Exodus, S. 100)
Dank treuer Stammkundschaft konnten Leopold Grünebaum und seine Frau ihr Kaufhaus halten. Die jüngste Tochter Rosa arbeitete mittlerweile im elterlichen Geschäft mit, während die beiden älteren Töchter inzwischen flügge geworden waren und Passau verlassen hatten: Ilse im Dezember 1928 und Margot im Oktober 1930.
Vor dem Hintergrund der wirtschaftlich desolaten Situation in der Weimarer Republik kam Adolf Hitler Ende Januar 1933 mit seinen radikalen Versprechungen an die Macht.
Max Hartmann, der Sohn der mit Grünebaums befreundeten Familie, die in die USA emigrieren konnte, erinnert sich an den Tag der „Machtübergabe an die Nazis“ in Passau:
„Wir haben in der Angerstraße gewohnt, da kam der Fackelzug vorbei, da wurde der ‚Sieg‘ der Nazis gefeiert. Und da wurde viel gesungen, es war laut. Passau war damals eine kleine Stadt, man hat genau gewusst, dort lebt der Max Hartmann und seine Familie und das sind Juden, und wie die vorbeigekommen sind, da hat jemand Steine geworfen, es ist kein Fenster dabei gebrochen, und sie haben geschrien: ‚Juda verrecke!‘. Und damit war eigentlich dieses wunderbare Geborgensein, ein Gefühl, das jedes Kind sich mehr als fast alles andere wünscht, das war vorbei.“ (aus: Muggenthaler, Mit dem Leben davongekommen, S. 58)
Auch Familie Grünebaum wird diesen Tag als tiefen Einschnitt erlebt haben.
Geschäftsboykott
Zwei Monate nach der „Machtergreifung“ machten die Juden deutschlandweit erste unheilvolle Erfahrungen mit der neuen Regierungspartei, der NSDAP. Für den 1. April 1933, einem Samstag, rief sie im ganzen Reich zum Boykott jüdischer Geschäfte auf, der in Passau aber bereits am Freitag einsetzte, weil an diesem Tag Wochenmarkt war und viele Bauern aus der Umgebung in die Stadt kamen:
„Diese Gelegenheit sollte wahrgenommen werden, um auf diese Weise auch in die Kreise der gerade anwesenden ländlichen Bevölkerung die Boykottidee hineinzutragen.“ (Donau-Zeitung vom 1./2.4.1933 unter dem Titel „Passau im Abwehrkampf“).
Voller Hohn wurde den jüdischen Kaufleuten in Passau in diesem Artikel bescheinigt, der demütigenden Lage mit vorbildlicher Haltung begegnet zu sein: Sie hätten es
„in begrüßenswerter Besonnenheit vorgezogen, um jegliche Störung zu vermeiden, ihre Lokalitäten geschlossen zu halten.“
Für die jüdischen Einwohner der Stadt kam es allerdings zu einer erheblichen „Störung“ - der grundlosen Verhaftung des Kaufmanns Felix Bernheim:
„Dieser wurde am Abend des 31. März in Schutzhaft genommen, angeblich, um sein Leben vor der von ihm provozierten Menschenmenge in Sicherheit zu bringen. Erst Mitte Mai wurde Bernheim wieder aus der Haft entlassen mit folgender zynischer Bemerkung: ‚Es ist ihm jedoch gegen Unterschrift zu eröffnen, daß er auf eigenen Wunsch aus der Schutzhaft entlassen worden ist und daß er freiwillig in Schutzhaft zurückkehren darf, wenn er glaubt, sich nicht mehr schützen zu können‘.“ (aus: Becker, Passau in der Zeit des Nationalsozialismus, S. 173).
Drei Tage nach seiner Entlassung kehrte Felix Bernheim Passau für immer den Rücken: über eine Zwischenstation bei seiner Schwester in Saarbrücken gelang ihm die Emigration nach Kapstadt.
Für Leopold Grünebaum und andere jüdische Familien in Passau hatte dieses Ereignis Signalwirkung.
Geschäftsaufgabe
Eine Passauer Geschäftsinhaberin, die nach New York emigrieren konnte, schildert Leopold Grünebaums Situation nach dem Boykott folgendermaßen:
„Im April 1933 wurde allem ein schnelles Ende gesetzt, da die Beamtenschaft das Geschäft nicht mehr betreten durfte und auch die übrige Kundschaft in einer Stadt von damals 25.000 Einwohnern zum größten Teil nicht den Mut aufbrachte, in einem jüdischen Geschäft zu kaufen.“ (aus: Rosmus, Exodus, S. 101).
Alle Untiefen seines Geschäftslebens hatte Leopold Grünebaum als versierter und souveräner Kaufmann auffangen können: Krieg, Inflation und Depression. Gegenüber dieser massiven Hetze aber war er ohnmächtig, ausgeliefert …
Und nach dem Vorfall mit Felix Bernheim machte er sich erst recht keine Illusionen mehr - also handelte er schnell und entschlossen. Im Oktober 1933 verkaufte er das Haus und Grundstück seines Geschäftes unter dem tatsächlichen Wert an die Nachbarin und beantragte bei der Stadt einen viermonatigen Totalausverkauf, um das große Warenlager abverkaufen zu können. Nachdem es ihm genehmigt worden war, inserierte er in der „Donau-Zeitung“:
Nach über 30 Jahren endete Leopold Grünebaums Leben als Geschäftsinhaber: Anfang Februar 1934 fand der Schlussverkauf statt, im März meldete er sein Geschäft bei der Stadt gewerberechtlich ab.
Anzeige in der Donau-Zeitung vom 10.11.1933
Zuflucht in München
Mit dem erlösten Geld, das er in Wertpapieren angelegt hatte, zog er mit seiner Frau und der jüngsten Tochter Rosa Anfang April 1934 nach München. In der Jakob-Klar-Straße 5 in Schwabing mietete er eine Wohnung.
„Sie dachten, da wären sie sicherer, was viele Juden getan haben“, erinnert sich Tochter Ilse. In der Anonymität der Großstadt hofften sie offenbar, weniger als Juden erkannt und ausgegrenzt zu werden. Zudem war München für viele jüdische Emigranten aus Bayern eine erste Anlaufstelle, weil es dort noch eine große Israelitische Kultusgemeinde gab, die bei der Organisation der Auswanderung beratend und unterstützend zur Seite stand.
Am 30. August 1934 meldete Leopold Grünebaum in München ein Gewerbe als Provisionsvertreter in Textilwaren an. Als ehemaliger Kaufhausbesitzer vermittelte er nun Aufträge zwischen Textilhäusern und Herstellern. Doch es war schwer für ihn, sich in München den Lebensunterhalt zu verdienen. „Er hat alle möglichen Jobs annehmen müssen, aber kaum etwas verdient.“ (aus: Rosmus, Exodus, S. 115)
Neben seiner beruflichen Tätigkeit suchte er nach einer Auswanderungsmöglichkeit für sich und seine Frau. Da sie jedoch kein festes Ziel hatten, keine Fremdsprachen beherrschten und nicht wussten, wovon sie im Ausland leben sollten, verfolgten sie ihre Auswanderungspläne zunächst nicht mit der ihnen sonst eigenen Zielstrebigkeit. Tochter Ilse erinnerte sich später: „Wir haben alle nicht fassen wollen oder können, daß es so schlimm werden könnte.“
Am 22. September 1937 zogen sie innerhalb Schwabings eine Straße weiter in die Tengstraße 35. Sie konnten dort eine große Vier-Zimmer-Wohnung mieten, die eine Verwandte genauer beschrieb:
„Sie bewohnten eine schöne und gut eingerichtete Wohnung. Dieselbe bestand aus einem neuen Kirschbaumeßzimmer, einem Herrenzimmer, Schlafzimmer und einem Wohn-Schlafzimmer, das von der Tochter bewohnt wurde; bis zu deren Auswanderung im Jahre 1939. Die Familie Grünebaum hat besonderen Wert auf gute Einrichtung gelegt und hat eine Menge Geld in die Umarbeitung von Möbeln gesteckt, die sie dachten mit ins Ausland zu nehmen.“ (aus: Rosmus, Exodus, S. 104).
Das Ende eines langen gemeinsamen Weges
Die Schlinge um den Hals wurde immer enger: Im Dezember 1938 musste Leopold Grünebaum sein Gewerbe abmelden, da es aufgrund der „Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben“ vom 12. November 1938 Juden nun verboten war, ein Gewerbe zu betreiben oder sonst wie geschäftlich tätig zu sein. Fortan mussten sie ohne jede Verdienstmöglichkeit überleben. Gleichzeitig erpresste das Regime mit der „Verordnung über eine Sühneleistung der Juden deutscher Staatsangehörigkeit“ auch noch eine „Judenvermögensabgabe“ von ihnen in Höhe von 11.500 RM, die sie in fünf Raten zu zahlen hatten.
1939 mussten die Grünebaums Untermieter in ihrer Wohnung aufnehmen und wenig später wurde ihnen mitgeteilt, dass sie in absehbarer Zeit die Wohnung räumen und in ein möbliertes Zimmer ziehen müssten.
Die immer neuen Repressalien, denen sie ausgeliefert waren, und die täglichen Aufregungen um ihre Auswanderungsbemühungen, die immer wieder ins Leere liefen, setzten Leopold Grünebaum sehr zu: Im November 1939 wurde er wegen Herzbeschwerden zwei Wochen lang im Israelitischen Kranken- und Schwesternheim behandelt. Seine Frau besuchte ihn jeden Tag.
Die Frage der Emigration - wohin, wie, wann - samt den vielen notwendigen Papieren und Dokumenten, die beizubringen waren, beschäftigte sie Tag und Nacht. Sie schwankten zwischen Venezuela, Shanghai, Paraguay und Chile; für die USA, ihr bevorzugtes Emigrationsland, lagen sie in ihrer Quoten-Nummer zu weit hinten. Schließlich entschieden sie sich für Venezuela, weil ihr künftiger Schwiegersohn, der Verlobte ihrer Tochter Rosa, ein Visum für dieses Land erhalten hatte. So hofften sie, den Neuanfang nicht ganz allein meistern zu müssen. Als die Visa für das Einwanderungsland eintrafen, wurde es ernst: Ihr Porzellan und ihre Kristallwaren übergaben sie einer Spedition, die „Reichsfluchtsteuer“ in Höhe von 7.223,- RM wurde fällig.
Am 5. Januar 1940 - eine Woche vor seinem Tod - schrieb Leopold Grünebaum an seine Tochter Margot, die sich ebenso wie ihre beiden Schwestern ins Ausland hatte retten können:
„Wenn wir es noch erleben, könnten wir vielleicht später nach USA, wenn wir drankommen.“
Er sollte es nicht mehr erleben: Am 12. Januar 1940 - einen Tag vor der Ausreise - erlitt Leopold Grünebaum einen Herzinfarkt.
Sein Tod nur Stunden vor der so sehnlich erhofften Rettung - eine Tragödie für ihn, für seine Frau wurde dieser plötzliche Tod zur Katastrophe: Die Gültigkeit ihres Visums war an die ihres Mannes geknüpft.
Am 20. November 1941 wurde Margarethe Grünebaum mit 997 weiteren Gefangenen nach Kaunas in Litauen verschleppt. Fünf Tage später, am 25. November 1941, wurden alle - Männer, Frauen und Kinder - in Fort IX der Festung erschossen.
Das Schicksal der Töchter
Tochter Ilse Grünebaum verließ Passau 1928, mit 18 Jahren, nachdem sie einige Zeit im elterlichen Geschäft mitgearbeitet hatte. Sie wollte der kleinstädtischen Enge entkommen und ging nach Berlin. Dort arbeitete sie als Kontoristin im Carl Heymanns Verlag und bildete sich in Abendkursen fort zur Stenotypistin und Buchhalterin. Am 1. April 1933, dem Tag des Judenboykotts, wurde sie entlassen. Sie fand eine neue Stelle bei einem jüdischen Patentanwalt, bis dessen Firma arisiert wurde. Kurz vor Kriegsausbruch, im Juli 1939 konnte sie mit 10 RM in der Tasche nach England auswandern und verdingte sich dort als Hausangestellte. Im Januar 1940 bekam sie ein Visum für die USA - aber keine Schifffahrtspassage. Erst im Januar 1946 konnte sie nach New York fliegen, wohin ihre Schwester Margot inzwischen auch emigriert war. Fünf Jahre später wurde sie amerikanische Staatsbürgerin. Sie arbeitete als Buchhalterin in verschiedenen Büros. Am 20. Januar 2002 starb Ilse Greenbaum mit knapp 92 Jahren in New York.
Tochter Margot Grünebaum ging 1930 mit 19 Jahren für zwei Jahre nach England. 1933 nahm sie eine Stelle als Kindermädchen bei der Familie des jüdischen Warenhausbesitzers Max Wronker in Königstein im Taunus an. 1934 wanderte sie mit der Familie nach Paris aus. Die Arbeit als Dienstmädchen mit fünf Kindern, die erzogen werden sollten und einer großen Villa mit 32 Zimmern, die in Ordnung zu halten war, wurde ihr bald zu viel. Mit wechselnden Stellen hielt sie sich über Wasser, bis sie 1940 in das Sammellager Gurs in Südfrankreich interniert wurde. Sie gehörte zu den wenigen Gefangenen, die im Sommer 1944 befreit werden konnten. Von Marseille aus gelang ihr über Portugal die Emigration nach New York. Dort fand sie Arbeit in einer Fabrik und heiratete Emanuel Gottesmann, einen Juden aus Wien. Sie hatte ihr Leben lang „Heimweh“ nach Passau und konnte sich nie in den USA beheimaten. Ihre Schwester Ilse Greenbaum berichtet: „Sie hat halb in England und halb in Amerika gelebt. In der Sehnsucht nach Passau, nach „daheim‘.“ Am 13. Februar 1971 starb sie in London.
Tochter Rosa Grünebaum arbeitete im elterlichen Geschäft mit und zog 1934 mit den Eltern nach München, wo sie mit verschiedenen Büroanstellungen ihren Lebensunterhalt verdiente. Im Frühjahr 1939 verlobte sie sich mit Albert Grünzeug und emigrierte kurz darauf, im Mai 1939, nach England. Dort nahm sie eine Anstellung als Dienstmädchen an, „für alleinstehende Frauen damals der einzige Weg, von Deutschland wegzukommen und das Leben zu retten“, berichtet ihre Schwester Ilse. Albert Grünzeug, der über drei Monate im Konzentrationslager Dachau gefangen gehalten wurde, gelang Ende 1939 die Flucht nach Venezuela. Seine Verlobte, die gehofft hatte, ihm bald nachfolgen zu können, wurde nach Ausbruch des Krieges zunächst interniert, überlebte dann den Krieg in England und konnte erst 1945 zu ihrem Verlobten nach Venezuela auswandern. In Caracas heirateten sie und lebten dort 34 Jahre. 1979 zogen sie nach Miami Beach in Florida, USA. 1986 starben sie kurz nacheinander: am 12. August 1986 Rosa und am 25. Dezember 1986 Albert Grünzeug.
Gedenken
Leopold Grünebaum wurde auf dem Neuen Israelitischen Friedhof in München beerdigt. Sein Grabstein, der nach über 85 Jahren völlig verwittert ist, wird im Zusammenhang mit dem Gräberprojekt der ErinnerungsWerkstatt München e. V. im Laufe des Jahres 2026 restauriert.
Am 24. Juli 2015 wurden in der Nikolastraße 10 in Passau, an dem Ort, wo die Familie Grünebaum 25 Jahre gewohnt hatte, fünf Stolpersteine verlegt: für Leopold, Margarethe, Ilse, Margot und Rosa Grünebaum.
Grabstein Leopold Grünebaum, Neuer Israelitischer Friedhof Sektion 18, Reihe 14, Grab 1, © Foto privat
Stolpersteine für die Familie Grünebaum vor dem Haus Nikolastraße 10
© Website Universität Passau
Text und Recherche
Irmtrud Beer, August 2026
Archiv-Quellen
Stadtarchiv München, DE-1992-KKD-1212, Kennkartendoppel.
Stadtarchiv Passau, Mails v. 22.5.2026, 10.6.2026, 28.6.2026.
Staatliche Bibliothek Passau, Mails v. 6.8.2026, 7.8.2026 und 10.8.2026.
Universität Passau, Mail v. 5.8.2026.
Stadtarchiv Bamberg, Mail vom 2.6.2026, Brief vom 15.6.2026.
Staatsarchiv Landshut, Brief vom 2.6.2026.
Stadtarchiv Schweinfurt, Mail vom 9.6.2026.
Bayerisches Hauptstaatsarchiv, Kriegsarchiv, Briefe vom 16.6.2026 und 25.6.2026 mit Kriegsstammrollen.
Internetquellen
Biographisches Gedenkbuch der Münchner Juden 1933-1945: Leopold und Margarethe Grünebaum, aufgerufen am 15.5.2026,
https://gedenkbuch.muenchen.de/index.php?id=gedenkbuch_link&gid=4033.
https://gedenkbuch.muenchen.de/index.php?id=gedenkbuch_link&gid=4032.Alemannia Judaica, https://www.alemannia-judaica.de/staden_synagoge.htm, aufgerufen am 18.8.2026.
RegioWiki Niederbayern, aufgerufen am 15.5.2026,
https://www.niederbayern-wiki.de/wiki/Leopold_Gr%C3%BCnebaum.
https://www.niederbayern-wiki.de/wiki/Juden_in_Passau, aufgerufen am 30.7.2026.Lebendiges Museum Online: LeMOZeitstrahl - Kaiserreich - Alltagsleben - Warenhäuser, aufgerufen 3.7.2026.
Wikipedia: Staden (Florstadt) – Wikipedia, aufgerufen 24.7.2026.
Wikipedia: Hermann Tietz (Kaufmann) – Wikipedia, aufgerufen 28.7.2026.
Wikipedia: Hertie Waren- und Kaufhaus – Wikipedia, aufgerufen 28.7.2026.
Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Passau, aufgerufen 30.6.2026.
Mein Schweinfurt: https://www.schweinfurtfuehrer.de/alte-stadtansichten-und-infos/spitalstra%C3%9Fe/, aufgerufen am 15.6.2026.
Deutsche Postautomation: https://www.postautomation.de/freimachung-mit-freistempel/tietz-warenhaus-einleitung/konzernaufbau-der-familie-tietz/,
aufgerufen am 15.6.2026.Universität Passau: https://www.uni-passau.de/denkmaldigital/karte-der-denkmaeler/passau-niedernburg, aufgerufen 31.7.2026.
Literatur
Becker, Winfried (Hrsg.): Passau in der Zeit des Nationalsozialismus: ausgewählte Fallstudien, Passau 1999.
Mader, Franz: 1000 Passauer. Lexikon zur Stadtgeschichte, Passau 1995.
Muggenthaler, Thomas: Mit dem Leben davongekommen, München 2025.
Plumpe, Werner / Banken, Ralf: Die wunderbare Welt von HERmann TIEtz, München 2026.
Rosmus, Anna Elisabeth: Exodus: im Schatten der Gnade: Aspekte zur Geschichte der Juden im Raum Passau, Tittling 1988, S. 85 – 117.
Rosmus, Anna Elisabeth: Out of Passau: von einer, die auszog, die Heimat zu finden, Freiburg 1999.