Hugo Mann 1939, Kennkartenfoto,
© Stadtarchiv München

Geboren am 3. Januar 1870 in Ulm

Deportiert am 2. Juli 1942 nach Theresienstadt

Ermordet nach der Deportation am 19. September 1942 in Treblinka

 
 

Herkunft und Werdegang

Hugo Mann war der älteste Sohn von Benjamin und Louise Mann und wuchs in einer großen, kinderreichen Familie mit acht Geschwistern auf. Sein Vater Benjamin Mann, geboren am 5. Februar 1845, war Textilkaufmann in Ulm. Seine Mutter Louise, geborene Moos, stammte aus Schwaben; sie wurde am 17. September 1848 in Kappel geboren, dem heutigen Ortsteil von Bad Buchau südlich von Ulm.

Die Textilindustrie entwickelte sich seit dem 18. Jahrhundert in Baden-Württemberg in den Städten, aber auch im ländlichen Raum, zu einem bedeutenden, erfolgreichen Wirtschaftszweig. Jüdische Unternehmer prägten diese Entwicklung wesentlich mit, was mit den besonderen historischen und religiösen Voraussetzungen zusammenhing. Auch Stoffe unterlagen Reinheitsgeboten. Auf diesen spezifisch jüdischen Bedarf konnten jüdische Hersteller und Händler besonders gut eingehen, da sie mit den halachischen Vorschriften vertraut waren. Und weil den Juden viele Jahrhunderte die Ausübung eines Handwerks verboten war, blieb ihnen nur der Handel. Eines ihrer Betätigungsfelder war der Handel mit Lumpen und Hadern. Von daher war der Weg von den Lumpensammlern, Lumpenhändlern und Sortieranstalten zum Textilkaufmann und -fabrikanten ein naheliegender.

Über mehrere Generationen hinweg entstanden in Baden-Württemberg regelrechte jüdische Textildynastien, deren Familieninteressen häufig durch Heiraten gefestigt und erweitert wurden. In Hugo Manns Eltern, Benjamin Mann und Louise Moos, hatten zwei solcher Textilfamilien zusammengefunden. Benjamin Mann führte in Ulm das Unternehmen „Beny Mann & Comp.: Schürzen- und Hemdenfabrik“.

Benjamin und Louise Mann waren dem religiösen Judentum offenbar eng verbunden, da sie allen ihren Kindern neben dem deutschen Rufnamen einen zweiten Vornamen gaben: den Söhnen einen hebräischen, den Töchtern einen jiddischen oder einen für die damalige Zeit für jüdische Frauen beliebten Vornamen. Zwischen 1870 und 1878 brachte Louise Mann im Abstand von jeweils einem Jahr neun Kinder zur Welt; nur eines überlebte das Kindesalter nicht:

  • Hugo Naphtali, geboren am 3. Januar 1870

  • Heinrich Chajim, geboren am 7. Februar 1871

  • Bertha Beile, geboren am 14. Februar 1872

  • Frieda Feile, geboren am 12. Februar 1873

  • Ludwig Jehuda, geboren am 23. Januar 1874

  • Selma, geboren am 11. September 1875

  • Klara Keile, geboren 1876, gestorben 1877

  • Siegfried Ascher, geboren am 22. Oktober 1877

  • Fanny, geboren am 18. Dezember 1878

Mit 41 Jahren, am 24. Dezember 1886, starb Benjamin Mann und hinterließ seine Frau mit einer Kinderschar im Alter von acht bis 16 Jahren. Als Tochter eines Textilunternehmers aufgewachsen, übernahm sie selbstverständlich das Geschäft ihres Mannes und führte es weiter, um ihre große Familie durchzubringen.

Hugo Mann besuchte das Realgymnasium, das sich 1878 aus der Realschule weiterentwickelt hatte - eine Schule, die als Alternative zum humanistischen Gymnasium den Unterrichtsschwerpunkt auf die Naturwissenschaften und modernen Sprachen legte. Der guten Familientradition folgend wurde auch er Textilkaufmann.


Erste Ehe und Kinder

In Ulm lernte Hugo Mann Wilhelmine Schäfer kennen, die dort als Bedienung arbeitete. Sie war die Tochter eines Musiklehrers, katholischen Glaubens und stammte aus dem Rheinland, aus Köln. Am 14. Januar 1895 brachte sie ihren gemeinsamen Sohn Ludwig Hans in Erbach bei Ulm zur Welt. Die Eltern ließen ihn katholisch taufen. Im Jahr darauf, am 4. Oktober 1896 - sie waren in der Zwischenzeit nach München gezogen und wohnten in der Schwanthalerstraße - wurde ihre Tochter Wilhelmine geboren. Am 13. Juni 1898 heiratete Hugo Mann die Mutter seiner Kinder. Die Ehe wurde aber schon kurze Zeit später, im Jahr 1900, wieder geschieden. Nach der Trennung der Eltern wuchs der Sohn bei seinem Vater auf, die Tochter bei der Mutter.


Zweite Ehe

Im Berufsleben stehend und gleichzeitig für ein Kind sorgend, beschloss Hugo Mann noch einmal zu heiraten. Seine zweite Frau, Rosa Heß, war jüdischen Glaubens und stammte aus Heilbronn, wo sie am 16. Februar 1870 geboren wurde. Ihr Vater Wolf Heß war ein bekannter Ulmer Textilkaufmann, die Mutter Gertrud war eine geborene Nathan. Die Hochzeit fand am 10. April 1905 in Friedrichshafen am Bodensee statt. Ihre Ehe blieb kinderlos, aber Rosa Mann wurde dem zehnjährigen Ludwig Hans eine liebevolle Stiefmutter.

Die Familie zog nach Ulm in die Heimstraße 43, und Hugo Mann gründete dort auf den Namen seiner Frau das Textilunternehmen "Rosa Mann".


Tod des Sohnes

Im Ersten Weltkrieg war Ludwig Hans Mann Soldat. Er wurde zweimal verwundet und mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse und der württembergischen silbernen Militär-Verdienstmedaille ausgezeichnet. Am 10. Mai 1916 fiel er mit 21 Jahren als Leutnant einer Minenwerfer-Kompanie bei Verdun. Auf dem deutschen Militärfriedhof in Cheppy in Lothringen wurde er beigesetzt, neben weiteren 6.000 deutschen Soldaten.

Das Einzige, was Hugo Mann für seinen gefallenen Sohn noch tun konnte, war der „Deutschen Kriegsgräberfürsorge e.V.“ beizutreten, einem neugegründeten überkonfessionellen Verein, der sich bis heute um die Pflege der Soldatengräber und das würdige Andenken der Kriegstoten kümmert. Er übernahm die Aufgabe des Kassiers in der Ulmer Ortsgruppe.


Bürgerliche Existenz in den 1920er Jahren

Nach dem Krieg gründete Hugo Mann die „Laichinger Wäschefabrik AG“, die auf moderne Bettwäsche spezialisiert war. Bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand im Jahr 1935 war er deren Direktor. Hugo und Rosa Mann lebten in soliden wirtschaftlichen Verhältnissen. Im Ulm der 1920er-Jahre zählten sie zum gutbürgerlichen Mittelstand; sie konnten sich eine „Hausgehilfin“ leisten, die Rosa Mann im Haushalt unterstützte. Sie hatten auch ein familiäres Umfeld, weil zwei Schwestern von Hugo Mann und einige Nichten und Neffen in Ulm lebten.

Geschäftspost Laichinger Wäschefabrik AG,
Staatsarchiv München FinA 18414


Hoffnungsort München

Mit 66 Jahren, bereits im Rentenalter, zog Hugo Mann mit seiner Frau nach München. Die Beweggründe für diesen Ortswechsel lassen sich nur vermuten: Suchte er 1936, als die Ausgrenzung in Ulm immer spürbarer wurde, Schutz in der Anonymität der Großstadt? Oder wählte er München als Zufluchtsort, weil ihm die Stadt aus seinen jungen Jahren, in denen er hier gelebt hatte, vertraut war?

Ab September 1936 mietete er eine Wohnung in der Sternwartstraße 5 in Bogenhausen. Kurz darauf, am 17. Oktober 1936, meldete er dort ein Gewerbe für den Vertrieb von Wäsche und Leinenwaren auf Provisionsbasis an.


Von der Diskriminierung zur vollständigen Ausgrenzung

Wie Hugo und Rosa Mann in den folgenden fünf Jahren Schritt für Schritt ihrer bürgerlichen Existenz beraubt und am Ende auch physisch vernichtet wurden, lässt sich anhand der Unterlagen im Staatsarchiv München und den Arolsen Archives genau nachvollziehen.

Als Hugo und Rosa Mann 1936 nach München kamen, erlaubten es ihnen ihre Vermögensverhältnisse und die politische Lage noch, eine Wohnung in Bogenhausen, einem der besten Stadtviertel Münchens, zu mieten und als Textilunternehmer tätig zu sein.

Am 26. April 1938 erließ Hermann Göring eine „Verordnung über die Anmeldung des Vermögens von Juden“. Jüdische Bürger mit einem Vermögen von über 5.000 RM hatten dem Finanzamt ihre gesamte Vermögenssituation offenzulegen. Bis zum 30. Juni 1938 musste diese Erklärung vorliegen.

In immer drastischeren Maßnahmen trieb das NS-Regime von Monat zu Monat die Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung voran. Allein im Sommer 1938 zeigte sich dies im jüdischen Alltag in folgender Weise:

Juli - Bekanntmachung des Kennkartenzwangs mit dem „J“ als Kennzeichnung:
Hugo und Rosa Mann mussten bei der Polizei Kennkarten beantragen
- Umbenennung aller jüdischen Straßennamen im Deutschen Reich

August - Jüdische Bürger durften in München keine öffentlichen Parks und Grünanlagen mehr betreten:
das Isarhochufer, 5 Minuten von der Wohnung von Hugo und Rosa Mann entfernt, wurde für sie zum Sperrgebiet
- Juden mussten einen Zweitnamen annehmen:
Hugo und Rosa Mann mussten in den Geburtenregistern ihrer Geburtsorte die Zwangsnamen Israel und Sara
eintragen lassen und der Polizei in München die Namensänderung anzeigen

September - Jüdischen Rechtsanwälten wurde die Zulassung entzogen
- Jüdische Ärzte verloren ihre Approbation

Oktober - Reisepässe von Juden wurden für ungültig erklärt:
Hugo und Rosa Mann mussten ihre Pässe innerhalb von zwei Wochen bei der Passbehörde abgeben

Die fortlaufenden Einschränkungen und Verbote engten den Lebensraum von Hugo und Rosa Mann immer weiter ein und hinterließen deutliche Spuren. Im September 1938 schrieb Hugo Mann an das Finanzamt München-Ost:

Hiermit erlaube ich mir für die Abschluß-Zahlung in Höhe von RM 186,- um eine Stundung von ca. 4 Wochen zu bitten. Ich begründe diese Bitte damit, daß sowohl meine Frau als auch ich sehr lange krank waren, dadurch hatte ich große Auslagen für die Ärzte und Apotheke. Für Genehmigung meiner Bitte bin ich sehr dankbar.

Hochachtungsvoll! Hugo Mann“


Die Reichspogromnacht mit seinen Folgen

Am Abend des 9. November 1938 tickerte an alle Leitstellen der „Staatspolizei“ im Deutschen Reich folgendes Fernschreiben mit dem Vermerk „geheim“:

„… 3. Es ist vorzubereiten die Festnahme von etwa 20.000 - 30.000 Juden im Reiche. Es sind auszuwählen vor allem vermögende Juden. Nähere Anordnungen ergehen noch im Laufe dieser Nacht…“ (Rosmus, Anna: Out of Passau, S. 71)

Hugo Mann gehörte zu den reichsweit rund 30.000 jüdischen Männern, die in der Pogromnacht in Konzentrationslager verschleppt wurden, ohne jeden rechtmäßigen Grund - allein aus rassenideologischen Gründen, weil er zu den vermögenden Juden zählte, deren Verhaftung in dieser Nacht bevorzugt angeordnet worden war. Im Zugangsbuch des Konzentrationslagers Dachau ist er unter der Häftlings-Nummer 19762 eingetragen. Nach drei Wochen, am 1. Dezember 1938, kam er wieder frei.

Erfassung des „Schutzhäftlings“ Hugo Mann im Zugangsbuch des Konzentrationslagers Dachau,
Arolsen Archives 130429397

Entlassungsschein Konzentrationslager Dachau, Arolsen Archives 10702556

Diese drei Wochen, in denen Tausende unbescholtener jüdischer Männer in Konzentrationslagern drangsaliert und viele von ihnen misshandelt oder gefoltert wurden, nutzte das Regime, um zwei einschneidende, folgenreiche Maßnahmen auf den Weg zu bringen: Zum einen sollte die wirtschaftliche Existenz der Inhaftierten und der jüdischen Bevölkerung im Deutschen Reich endgültig zerstört werden; zum anderen ging es darum, sich ihres Vermögens zu bemächtigen.

Am 12. November 1938 erließ der Reichswirtschaftsminister die „Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben“.

Zur Durchsetzung des zweiten Ziels hatte Göring beschlossen, der jüdischen Bevölkerung eine Milliarde Reichsmark abzupressen. Zynisch wurde diese staatlich organisierte Erpressung als kollektive „Sühneleistung für die feindliche Haltung des Judentums gegenüber dem deutschen Volk“ ausgegeben; gemeint war damit das Attentat auf den Legationsrat Ernst vom Rath. Innerhalb weniger Tage wurde eine entsprechende Verordnung vorbereitet und am 21. November 1938 verabschiedet: Jeder Jude mit einem Vermögen von mehr als 5.000 Reichsmark musste 20 % davon in vier Raten bis zum 15. August 1939 an das Finanzamt abführen.

Nach den grauenhaften Erfahrungen im Konzentrationslager konnte das Regime davon ausgehen, dass die Verfolgten sich Repressalien dieses neuen Ausmaßes kaum widersetzen würden.

Auf der Grundlage der Vermögenserhebung vom 30. Juni 1938 war es für die Finanzämter leicht, die von der Zwangsabgabe betroffenen Personen zu ermitteln und die jeweilige Höhe der Zahlung festzusetzen. Hugo Mann und seine Frau hatten vier Raten zu je 950 RM zu entrichten, insgesamt 3.800 RM – nach heutiger Kaufkraft ungefähr 20.000 Euro.


Berufsverbot

Nach seiner Freilassung war Hugo Manns Leben ein anderes: Aufgrund der am 12. November 1938 erlassenen Verordnung durfte er nicht mehr als Provisionsvertreter für Wäsche und Leinenwaren arbeiten. Um der „Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben“ den Anschein von Rechtmäßigkeit und selbstbestimmtem Handeln zu geben, musste er beim Städtischen Gewerbeamt einen „Antrag auf Gewerbeniederlegung“ ausfüllen. Am 19. Dezember 1938 meldete er sein Gewerbe rückwirkend zum 10. November 1938 ab - dem Tag, an dem er in das Konzentrationslager Dachau verschleppt worden war.

Mit diesem erzwungenen Verwaltungsakt wurde seine wirtschaftliche Existenz zerstört - ebenso wie die Existenz unzähliger jüdischer Gewerbetreibender, selbstständiger Handwerker, Geschäftsleute und Unternehmer im Dritten Reich.

Gewerbeniederlegung der Kommissionsvertretung Hugo Mann,
Staatsarchiv München FinA 18414


Wie lange reichen die Ersparnisse?

Es folgte eine Ungeheuerlichkeit nach der anderen:

  • bisher hatte Hugo Mann von seiner ehemaligen Firma, der Laichinger Wäschefabrik AG,
    eine monatliche Rente von 400,- RM erhalten, die ab 1. Januar 1939 willkürlich um 200,-
    RM gekürzt wurde

  • im August 1939 wurde die Judenvermögensabgabe per Verordnung um eine fünfte Rate
    erhöht: das Finanzamt forderte noch einmal 950,- RM von Hugo und Rosa Mann

  • im Oktober 1939 stellte die Laichinger Wäschefabrik AG die Rentenzahlung an Hugo Mann
    komplett ein.

Fortan mussten sie ihren Lebensunterhalt allein von ihrem Vermögen und ihren Ersparnissen bestreiten.

Sie suchten eine günstigere Wohnung - ein aussichtsloses Unterfangen, da kaum noch ein „Arier“ an Juden vermietete. Im Gegenteil: Seit dem „Judenentmietungsgesetz“ vom 30. April 1939 wurden jüdische Mieter systematisch „entmietet“. Anfang Oktober 1939 fanden sie schließlich einen Platz zur Untermiete in der Isabellastraße 31, wo sie aber nur zwei Wochen wohnen konnten.


Im Judenhaus

Mitte Oktober mussten sie in die „Pension Patria“ in der Goethestraße 54 umziehen, ein „Judenhaus“ besonderer Art: Die aus ihren Wohnungen und Häusern vertriebenen Juden mussten dort für das Zimmer, das ihnen zugewiesen wurde, bezahlen.

Reinhard Heydrich hatte die Unterbringung der Juden in sogenannten „Judenhäusern“ als Alternative zum Ghetto angeregt, weil die Überwachung dort „durch das wachsame Auge der gesamten Bevölkerung“ erfolgen konnte. Um den Hauptbahnhof herum hatte das Münchner NS-Regime viele Pensionen, Herbergen und Wohnhäuser, die zuvor Juden gehört hatten, zu „Judenhäusern“ umfunktioniert, in denen es die Verfolgten zwischen Enteignung und Deportation auf engstem Raum zusammenpferchte.

Da Hugo und Rosa Mann nichts in die Pension Patria mitnehmen durften, wurde ihre Wohnungseinrichtung „arisiert“ - weit unter Wert zwangsveräußert. Zu diesem Zeitpunkt gingen beide auf ihren 70. Geburtstag zu, hatten kein Zuhause, kein einziges eigenes Möbelstück, keine Versorgung mehr; ihr Gesundheitszustand war den Umständen entsprechend angegriffen. Als letzte Möglichkeit verzweifelten Sich-Wehrens blieb ihnen nur noch, immer wieder Bittgesuche an das Finanzamt zu stellen - um Stundung und Erlass der drückenden finanziellen Forderungen.

Im Folgenden ein Auszug aus einem Brief von Rosa Mann an den Herrn Oberfinanzpräsidenten München vom 3. November 1939:

„… Durch meine Krankheit und diejenige meines Mannes, zwei Umzüge allein in diesem Jahr sind uns ungewöhnliche Kosten entstanden. Ärztliche Zeugnisse können wir vorlegen. …

Wir werden demnächst beide 70 Jahre alt. Verdienstmöglichkeiten sind heute für Juden ja ausgeschlossen und so sind wir gezwungen, von unserem kleinen Vermögen herunterzuleben.

Da wir keine geeignete Wohnung gefunden haben, müssen wir zur Zeit in einer Pension leben und wir können ausrechnen, bis wann wir unsere letzten Pfennige aufgezehrt haben und sodann der Wohlfahrt zur Last fallen.

So würde mich die weitere Abgabe ungewöhnlich hart treffen und den vorerwähnten Zeitpunkt noch erheblich näher rücken lassen.

Ich bitte daher auch namens meines Ehemannes, mich von dieser 5. Rate zu verschonen. …

Rosa Sara Mann“

Am 27. Februar 1940 schrieb Hugo Mann an das Finanzamt:

Das Finanz Amt bitte ich höfl. mich wie bisher in die Steuergruppe III einzureihen. Diese Bitte begründe ich wie folgt:

In erster Ehe hatte ich einen Sohn, dessen Mutter katholisch war und mein Sohn Ludwig Hans war auch katholisch getauft. Geburtsschein liegt dem Akt beim Finanz Amt bei.

Mein Sohn ist am 14. Jan. 1895 zu Erbach b. Ulm a. D. geboren und am 10. Mai 1916 als Leutnant für Deutschland gefallen, nachdem er vom ersten Tag des Krieges bis zu seinem Tode in vorderster Front war. Nachweis kann erbracht werden. Durch den frühzeitigen Tod meines Sohnes habe ich keine Unterstützung und als Jude keine Verdienstmöglichkeit.

Ferner bekomme ich seit 1. Okt. 1939 von meiner Firma keine Rente mehr und bin genötigt, von unserm kleinen Vermögen herunterzuleben.

Bei dieser Sachlage bitte ich um Erfüllung meiner Bitte.

Hugo Israel Mann“

Gut zwei Jahre lebten Hugo und Rosa Mann in ihrem Pensionszimmer in der Goethestraße. Ab dem 19. September 1941 mussten sie, sobald sie das Haus verließen, deutlich sichtbar auf der linken Brust einen leuchtend gelben Stern tragen - zur „Kennzeichnung“. Damit war die Ausgrenzung für alle offen sichtbar; für die Betroffenen wurde jeder Gang auf die Straße zur öffentlichen Demütigung.


Im Ghetto

Anfang Dezember 1941 mussten Hugo und Rosa Mann in das Durchgangslager in der Clemens-August-Straße 9 in Berg am Laim ziehen. Das Nazi-Regime hatte das Schwesternheim des Klosters der „Barmherzigen Schwestern“ umfunktioniert zu einem Massenquartier für jüdische Menschen, beschönigend als „Heimanlage für Juden“ bezeichnet. Die Arbeitsfähigen der meist älteren Bewohner des Ghettos wurden zu schweren und schmutzigen Hilfsarbeiten in den umliegenden Industriebetrieben gezwungen. Ob auch Hugo und Rosa Mann als Hilfsarbeitskräfte eingesetzt wurden, darüber gibt es keine Informationen.


Vom Konzentrationslager …

Wann genau sie in das Barackenlager in der Knorrstraße 148 in Milbertshofen weitertransportiert wurden, lässt sich aus den vorhandenen Unterlagen nicht mehr feststellen. Das Lager diente dem NS-Regime als Sammellager für die Deportationen „in den Osten“. Am 2. Juli 1942 wurden Hugo Mann und seine Frau mit 48 weiteren, vorwiegend älteren jüdischen Menschen in einen separaten Personenwaggon verladen und an den regulären Zug nach Prag angekoppelt.

In der Einwohnermeldekarte von Hugo Mann wurde bürokratisch nüchtern vermerkt: „2.7.42 nach Theresienstadt deportiert, lt. Dep.-Liste der isr. Kultusgemeinde.“

Dann folgt der Eintrag: „Beide Eheleute am 2.7.1942 mit unbekanntem Ziel abgewandert.“

 

Dem Einwohnermeldeamt war das Ziel nicht unbekannt, wohl aber den Deportierten: es hieß Bauschowitz. Am 3. Juli kamen sie dort an. Für die älteren Menschen folgte ein drei Kilometer langer Fußmarsch unter Bewachung bei hochsommerlichen Temperaturen, bis sie das „unbekannte Ziel“ der Deportation erreichten: das Konzentrationslager Theresienstadt.

Einwohnermeldekarte Hugo Mann,
© Stadtarchiv München DE-1992-EWK-NS-M


… ins Vernichtungslager

Zweieinhalb Monate waren sie menschenunwürdigsten Zuständen, permanentem Hunger und Durst sowie katastrophalen hygienischen Verhältnissen ausgeliefert - in diesem hoffnungslos überfüllten, von den Nationalsozialisten großspurig als „Altersghetto“ bezeichneten Lager, das de facto ein Todeslager war.

Am 19. September 1942 standen Hugo und Rosa Mann erneut auf einer Transportliste. Der Bestimmungsort dieses Transports war das Vernichtungslager Treblinka, nordöstlich von Warschau. Nach einer Zugfahrt, die jede Vorstellungskraft übersteigt, wurden Hugo und Rosa Mann nach der Ankunft von SS-Männern von der Rampe aus in die Gaskammer getrieben und ermordet.

 

Transportkarte Hugo Mann ins Vernichtungslager Treblinka,
Arolsen Archives 5009204


Das Schicksal der Geschwister

Von den acht Geschwistern Hugo Manns war eine Schwester bereits im ersten Lebensjahr gestorben; seine Schwester Bertha, verheiratete Einstein, starb 1916 mit 34 Jahren; sein Bruder Heinrich, der Trauzeuge seiner Hochzeit mit Rosa Heß, starb 1922.

Sein Bruder Siegfried Mann hatte in Ulm geheiratet und konnte sich, seine Frau und die beiden Kinder durch Emigration in die Vereinigten Staaten rechtzeitig in Sicherheit bringen. Er starb hochbetagt mit 95 Jahren in New York.

Alle anderen Geschwister gerieten in den Strudel der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie:

Seine Schwester Frieda Silberstein, geb. Mann, zog nach dem Tod ihres Ehemannes zu ihrer Schwester Fanny Mann nach Ludwigshafen. Im Oktober 1940 wurden sie zusammen mit ihrem Bruder Ludwig nach Südfrankreich in das Lager Gurs verschleppt. Jahrelange Gefangenschaft, Hunger, Seuchen, Krankheiten und katastrophale hygienische Bedingungen hatten ihre Kräfte aufgezehrt. Wenige Monate nach der Befreiung starb Frieda Silberstein in einem Altersheim in Toulouse.

Seine Schwester Selma Schulmann, geb. Mann, hatte den Kaufmann Albert Schulmann geheiratet und mit ihm zwei Kinder bekommen. 1917 starb ihr Mann. Nach der Emigration ihres Sohnes lebte sie in Ulm mit ihrer kranken Tochter, die 1941 nach Riga deportiert wurde. Selma Schulmann wurde am 22. August 1942 wie ihr ältester Bruder Hugo - der sieben Wochen zuvor dorthin verschleppt worden war - nach Theresienstadt deportiert. Dass sie sich in dem völlig überfüllten Lager noch einmal begegneten, hätte vom zeitlichen Rahmen her möglich sein können. Genau sieben Tage nach der Deportation ihres Bruders, am 26. September 1942, wurde Selma Schulmann im Viehwaggon nach Treblinka transportiert und dort ermordet.

Sein Bruder Ludwig Mann hatte in Mannheim und Freiburg Medizin studiert und sich auf Nervenkrankheiten spezialisiert. Die drei Kinder aus seiner Ehe mit Anna Lindmann konnten sich alle im Ausland in Sicherheit bringen. Er und seine Frau wurden im Oktober 1940 in das Lager Gurs verschleppt. Beide haben überlebt. Als Chefarzt der internierten jüdischen Lagerärzte wurde Ludwig Mann Zeuge dessen, was er später als eine der „erschütterndsten Tragödien der Menschheit in den Jahren der nationalsozialistischen Verbrecherherrschaft in Europa“ bezeichnete - einer Tragödie, „die sich vor der ganzen Welt abgespielt hat“. Nach seiner Befreiung schrieb er unter dem Titel „Heldentum in Gurs“ einen Bericht, in dem er seine Erlebnisse des „schauerlichen Wahnsinns der deutschen politischen Pubertäts-Psychose“ festhielt. Die Erinnerung an das im Lager Erlebte und dass vier seiner Geschwister im Dritten Reich umgekommen waren, quälte ihn sehr. Nach der Katastrophe zählte er sich zu den „Heimatlosen, die herumziehen müssen und nicht wissen, wohin sie gehören“. Im März 1949 starb Ludwig Mann in Beaumont de Lomagne in der Nähe von Toulouse. Seine Frau überlebte ihn um 23 Jahre, sie starb 1972 in London, wohin ihre Tochter emigriert war.

Seine jüngste Schwester Fanny Mann blieb unverheiratet. Sie lebte nach dem Tod der Mutter bei ihrem Onkel in Ludwigshafen. Zusammen mit ihrer Schwester Frieda Silberstein und ihrem Bruder Ludwig Mann und seiner Frau wurde sie am 22. Oktober 1940 in das südfranzösische Lager Gurs verschleppt. Im Sommer 1942 wurde Fanny Mann in das Sammellager Drancy nördlich von Paris und am 10. August 1942 nach Auschwitz deportiert. In dem Zug, der am 12. August 1942 das Vernichtungslager erreichte, befanden sich über 1.000 Juden. Bis auf einige Wenige, die aussortiert wurden, wurden alle anderen Deportierten unmittelbar nach ihrer Ankunft vergast.


 

Text und Recherche

  • Irmtrud Beer, Juni 2026

Quellen

  • Stadtarchiv München, DE-1992-KKD-2609 (Kennkartendoppel); DE-1992-VKK-2609 (Volkskarteikarte).

  • Stadtarchiv München, Einwohnermeldekarte DE-1992-EWK-NS-M.

  • Staatsarchiv München, Oberfinanzdirektion StAM OFD 4258, StAM FinA 18414.

  • Stadtarchiv Ulm, Archivsignatur: Stadtarchiv Ulm, H Bergmann Ingo, Nr. 311.

  • Stadtarchiv Friedrichshafen, Heiratsurkunde, Mail v. 19.11.2025.

Internetquellen

Literatur

  • Berger, Joel: „Jüdischkeit“ in der Textilindustrie. In: Blickle, Karl-Hermann / Högerle, Heinz, Hrsg.: Juden in der Textilindustrie. Barbara Staudacher Verlag, Horb 2013, S. 11-18.

  • Bergmann, Ingo (Hg.): Und erinnere dich immer an mich. Gedenkbuch für die Ulmer Opfer des Holocaust, Ulm 2009.

  • Keil, Heinz: Dokumentation über die Verfolgung der jüdischen Bürger von Ulm, Ulm 1961.

  • Handbuch der Deutschen Aktiengesellschaften 1936, Hoppenstedt & Co., Berlin 1936

  • Rosmus, Anna Elisabeth: Out of Passau: von einer, die auszog, die Heimat zu finden, Freiburg 1999.

  • Toury, Jacob: Jüdische Textilunternehmer in Baden-Württemberg 1683-1938, Tübingen 1984.

Sonstige Quellen

  • Text über Hugo Mann aus der Eröffnungsausstellung des Interimsquartiers der Villa Stuck im Mai 2024 in der Goethestraße 54.

  • Dr. Mann, Ludwig: Heldentum in Gurs, maschinenschriftlicher Bericht vom Internierungslager Camp de Gurs, Wiener Library Archives, London, PIII h. N. 57.

 
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Max Mandl

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Rosa Mann, geb. Heß