Rosa Mann 1939, Kennkartenfoto,
© Stadtarchiv München

Geboren am 16. Februar 1870 in Heilbronn

Deportiert am 2. Juli 1942 nach Theresienstadt

Ermordet nach der Deportation am 19. September 1942 in Treblinka

 
 

Herkunft

Rosa (Rosel) Heß wurde am 16. Februar 1870 als Tochter von Wolf und Gertrud Heß, geb. Nathan, in Heilbronn geboren. Ihr Vater Wolf Heß, geboren am 7. September 1839, kam aus dem fränkischen Ravenstein; ihre Mutter Gertrud Heß, geboren am 7. April 1840, stammte aus Laupheim, das zur damaligen Zeit die größte jüdische Gemeinde Württembergs beheimatete. In Heilbronn ließ sich das Ehepaar nieder, ein Städtchen, das sich im Zuge der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts rasch zu einem wirtschaftlichen Zentrum entwickelt hatte.

Von Rosa Heß’ sechs Geschwistern starben fünf im Kindesalter; ihr einziger Bruder, der das Kindesalter überlebte, wurde nur 20 Jahre alt. Ihr Vater, von Beruf Textilkaufmann, zog mit der Familie - in welchem Jahr, ist nicht bekannt - in das jüdische Textilzentrum Ulm. Über Rosa Heß’ Schulzeit und ihren Lebensweg vor der Ehe ist nichts bekannt; in der Heiratsurkunde steht nur, dass „heute zum Zwecke der Eheschließung die ledige Rosa Heß, ohne Beruf, erschien“.


Heirat

Mit 35 Jahren heiratete Rosa Heß den gleichaltrigen jüdischen Textilkaufmann Hugo Mann aus Ulm. Die Hochzeit fand zwei Tage vor dem Pessachfest, am 10. April 1905, in Friedrichshafen am Bodensee statt. Sie zog in die Heimatstadt ihres Mannes, wo Hugo Mann ein Textilgeschäft auf ihren Namen eröffnete. Die Ehe blieb kinderlos, aber Rosa Mann wurde dem zehnjährigen Sohn aus der ersten Ehe ihres Mannes eine fürsorgliche Mutter. Darüber hinaus engagierte sie sich im jüdischen Vereinsleben der Stadt sowie in der Ulmer Ortsgruppe des „Jüdischen Kulturbundes“.


Tod des Sohnes und Leben in Ulm

Rosa und Hugo Mann waren 46 Jahre alt, als sie ihren Sohn verloren: Er ist im Ersten Weltkrieg am 10. Mai 1916 bei Verdun als Leutnant einer Minenwerfer-Kompanie gefallen - im Alter von 21 Jahren.

Nach dem Krieg gründete Hugo Mann die „Laichinger Wäschefabrik AG“, die auf moderne Bettwäsche spezialisiert war. Bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand im Jahr 1935 war er deren Direktor.
Hugo und Rosa Mann lebten in soliden wirtschaftlichen Verhältnissen. Im Ulm der 1920er Jahre gehörten sie zum gutbürgerlichen Mittelstand; sie konnten sich eine „Hausgehilfin“ leisten, die die Kaufmannsehefrau im Haushalt unterstützte. Sie hatten auch ein familiäres Umfeld, weil zwei ihrer Schwägerinnen und einige Nichten und Neffen in der Stadt lebten.


Hoffnungsort München

Mit 66 Jahren zog Rosa Mann mit ihrem Mann nach München. Die Beweggründe für diesen Ortswechsel lassen sich nur vermuten: Suchten sie 1936, als die Ausgrenzung in Ulm immer spürbarer wurde, Schutz in der Anonymität der Großstadt? Oder entschieden sie sich für München, weil ihrem Mann die Stadt aus seinen jungen Jahren vertraut war? Dass sie von München aus ihre Auswanderung betreiben wollten und sich konkret mit dem Gedanken an Emigration beschäftigten, darüber finden sich in den eingesehenen Unterlagen keine Hinweise. Wahrscheinlich war für sie angesichts ihres fortgeschrittenen Alters eine Emigration keine ernsthaft erwogene Option mehr.

Ab September 1936 mieteten sie eine Wohnung in der Sternwartstraße 5 in Bogenhausen. Kurz darauf, am 17. Oktober 1936, meldete ihr Mann dort auch ein Gewerbe für den Vertrieb von Wäsche und Leinenwaren auf Provisionsbasis an.


Chronologie der Verfolgung

Schrittweise und systematisch verloren Hugo und Rosa Mann in den folgenden Jahren ihre bürgerliche Zugehörigkeit und wirtschaftliche Existenz. Die Verfolgung endete in der industriell organisierten Vernichtung. Anhand der Unterlagen aus dem Stadt- und Staatsarchiv München sowie den Arolsen Archives lässt sich dieser Weg nachverfolgen.

Im Juni 1938 musste das Ehepaar seine gesamten Vermögensverhältnisse vor dem Finanzamt München offenlegen. Diese „Offenlegung“ machte ihren Mann zum Opfer der Pogromnacht am 9. November 1938. Auch er gehörte zu den vermögenden Juden, deren vornehmliche Inhaftierung zum Programm dieser Nacht erklärt worden war.

Im Zuge der „Verordnung über eine Sühneleistung der Juden deutscher Staatsangehörigkeit“ vom 12. November 1938 wurde den Eheleuten Mann eine Judenvermögensabgabe von 3.800 RM aufgezwungen, die in vier Raten abzuzahlen war.

Im Herbst 1938 mussten sie ihre Reisepässe abgeben, eine jüdische Kennkarte beantragen und die Zwangsnamen “Israel” und “Sara” annehmen.

Im Dezember 1938 wurde ihr Mann aufgrund der „Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben“ vom 12. November 1938 gezwungen, seine Kommissionsvertretung für Wäsche- und Leinenwaren zu beenden.

Ab dem 1. Januar 1939 wurde die Rente ihres Mannes, die er von seiner früheren Firma, der Laichinger Wäschefabrik, bezog, von 400,- auf 200,- RM gekürzt.

Um ihre Ausgaben zu reduzieren, suchten sie eine günstigere Wohnung. Da die jüdischen Mitbürger seit dem „Judenentmietungsgesetz“ vom 30. April 1939 vom Wohnungsmarkt völlig ausgegrenzt worden waren, fanden sie lediglich ein Zimmer zur Untermiete in der Isabellastraße 31, wo sie jedoch nur 14 Tage, vom 3. bis zum 18. Oktober 1939, wohnten. Dort erreichte sie eine neue Schreckensnachricht: Die Rentenzahlung ihres Mannes war zum 1. Oktober 1939 ganz eingestellt worden.

Wenige Tage später die nächste Ausgrenzung: Sie bekamen ein Zimmer in der „Pension Patria“ in der Goethestraße 54 zugewiesen, einem sogenannten „Judenhaus“. Am 18. Oktober 1939 bezogen sie das Zimmer. Da sie keine Möbel dorthin mitnehmen durften, wurde ihre Wohnungseinrichtung „arisiert“, das heißt weit unter Wert verkauft.

Sozial isoliert, ihrer Versorgung, ihres Zuhauses, ihres Vermögens und ihrer Freiheit beraubt, unter dem Druck der Verfolgung erkrankt…

In dieser Verfassung erreichte sie Anfang November 1939 der „Bescheid über einen weiteren Teilbetrag der Judenvermögensabgabe“:

Daraufhin schrieb Rosa Mann an den Herrn Oberfinanzpräsidenten München folgenden Brief:

Brief von Rosa Mann vom 3. November 1939, © Staatsarchiv München StAM FinA 18414

Die Intervention war erfolgreich: Nach einem zweiten Bittgesuch vom 1. Februar 1940 wurde ihr der weitere Teilbetrag erlassen.

 

Gut zwei Jahre lebten Rosa und Hugo Mann in ihrem Pensionszimmer in der Goethestraße.
Ab dem 19. September 1941 mussten sie, sobald sie das Haus verließen, deutlich sichtbar auf der linken Brust einen leuchtend gelben Stern tragen - zur „Kennzeichnung“. Damit war die Ausgrenzung für alle offen sichtbar; für die Betroffenen wurde jeder Gang auf die Straße zur öffentlichen Demütigung.

Schreiben Oberfinanzpräsident München vom 14. Februar 1940, © Staatsarchiv München StAM FinA 18414


Im Ghetto

Anfang Dezember 1941 mussten Rosa und Hugo Mann in das Durchgangslager in der Clemens-August-Straße 9 in Berg am Laim ziehen. Das Nazi-Regime hatte das Schwesternheim des Klosters der „Barmherzigen Schwestern“ umfunktioniert zu einem Massenquartier für jüdische Menschen, beschönigend als „Heimanlage für Juden“ bezeichnet. Die Arbeitsfähigen der meist älteren Bewohner des Ghettos wurden zu schweren und schmutzigen Hilfsarbeiten in den umliegenden Industriebetrieben gezwungen. Ob auch Rosa und Hugo Mann als Hilfsarbeitskräfte eingesetzt wurden, darüber finden sich keine Informationen.


Deportation

Wann genau sie in das Barackenlager in der Knorrstraße 148 in Milbertshofen weitertransportiert wurden, lässt sich aus den vorhandenen Unterlagen nicht mehr feststellen. Das Lager diente dem NS-Regime als Sammellager für die Deportationen „in den Osten“. Am 2. Juli 1942 wurden Rosa und Hugo Mann mit 48 weiteren, vorwiegend älteren jüdischen Menschen in einen separaten Personenwaggon verladen und an den regulären Zug nach Prag angekoppelt.

In der Einwohnermeldekarte ihres Mannes wurde bürokratisch nüchtern vermerkt: „2.7.42 nach Theresienstadt deportiert, lt. Dep.-Liste der isr. Kultusgemeinde.“

Dann folgt der Eintrag: „Beide Eheleute am 2.7.1942 mit unbekanntem Ziel abgewandert.“

Einwohnermeldekarte Hugo Mann, © Stadtarchiv München DE-1992-EWK-NSM

Dem Einwohnermeldeamt war das Ziel nicht unbekannt - wohl aber den Deportierten: Es hieß Bauschowitz. Am 3. Juli kamen sie dort an. Für die älteren Menschen folgte ein drei Kilometer langer Fußmarsch unter Bewachung bei hochsommerlichen Temperaturen, bis sie das „unbekannte Ziel“ der Deportation erreichten: das Konzentrationslager Theresienstadt.

So chaotisch die Zustände in den Lagern auch waren - die Listen wurden mit akribischer Genauigkeit geführt, wie die Eingangsliste der aus München Deportierten vom 3. Juli 1942 belegt:

Eingangsliste des Münchner Transports II/12 vom 3.7.1942 in Theresienstadt, © Yad Vashem Archives, O.64/227


Vernichtung

Zweieinhalb Monate waren sie menschenunwürdigsten Zuständen, permanentem Hunger und Durst sowie katastrophalen hygienischen Verhältnissen ausgeliefert - in diesem hoffnungslos überfüllten, von den Nationalsozialisten großspurig als „Altersghetto“ bezeichneten Lager, das de facto ein Todeslager war.

Am 19. September 1942 standen Rosa und Hugo Mann erneut auf einer Transportliste. Der Bestimmungsort dieses Transports war das Vernichtungslager Treblinka, nordöstlich von Warschau. Nach einer Zugfahrt, die jede Vorstellungskraft übersteigt, wurden Rosa und Hugo Mann nach der Ankunft von SS-Männern von der Rampe aus in die Gaskammer getrieben und ermordet.

 

Transportkarte Rosa Mann ins Vernichtungslager Treblinka, © Arolsen Archives 5009231


 

Text und Recherche

  • Irmtrud Beer, Juni 2026

Quellen

  • Stadtarchiv München, DE-1992-KKD-2615; DE-1992-VKK-2615.

  • Stadtarchiv München, Einwohnermeldekarte DE-1992-EWK-NS-M.

  • Staatsarchiv München, Oberfinanzdirektion StAM OFD 4258, StAM FinA 18414.

  • Stadtarchiv Ulm: Archivsignatur, Stadtarchiv Ulm, H Bergmann Ingo, Nr. 311.

  • Kreisarchiv Alb-Donau-Kreis, Oberamt Ulm, Nr. 355.

  • Stadtarchiv Friedrichshafen, Heiratsurkunde, Mail v. 19.11.2025.

Internetquellen

Literatur

  • Bergmann, Ingo (Hg.): Und erinnere dich immer an mich. Gedenkbuch für die Ulmer Opfer des Holocaust, Ulm 2009, S. 107 f.

Sonstige Quellen

  • Text über Rosa Mann aus der Eröffnungsausstellung des Interimsquartiers der Villa Stuck im Mai 2024 in der Goethestraße 54.

 
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