Ferdinand van Wien

Geboren am 7. Dezember 1872 in Winschoten, Holland

Ermordet am 14. November 1938 im Konzentrationslager Dachau

 

Herkunft und familiärer Hintergrund

Die Großeltern von Ferdinand, Benjamin Samuel van Wien, geboren 1809, und Antje Hartog Groe, geboren 1810, stammten aus Amsterdam. Der Großvater war Kaufmann, Porzellanhändler und Regenschirmmacher.

Sie ließen sich in Winschoten nieder und gründeten eine große jüdische und traditionsreiche, holländische Kaufmannsfamilie. Das Paar bekam acht Kinder, darunter David und Samuel.

Der am 5. September 1835 geborene Samuel heiratete am 25. Juli 1866 Rebecca, geb. Leda, in Winschoten. Ferdinand van Wien wurde als viertes von zehn Geschwistern am 7. Dezember 1872 geboren. Er wuchs zusammen mit ihnen in Winschoten auf.

Ferdinand war gerade 25 Jahre alt, als er nach Würzburg zog. Sein Onkel David führte dort mit seiner Frau Babette die Tuchwarengroßhandlung David van Wien & Mayer.


Heirat, Familien- und Geschäftsgründung

Ferdinand hatte die deutsche Staatsangehörigkeit während seines Aufenthalts in Würzburg erhalten und zog von dort weiter. Er begab sich auf Reisen durch Süddeutschland und lebte ein paar Jahre in Stuttgart. Dort lernte er Mathilde Ambrunn, die am 15. Juli 1886 geborene Tochter der Kaufmannseheleute Markus Ambrunn und Sophie, geborene Reichold, aus Gunzenhausen, kennen und lieben. Mathilde und Ferdinand heirateten 1905 und das frisch vermählte Paar zog von Stuttgart nach München in die Marsstraße 5/II.

Eine freundliche Frau und Mutter: Mathilde van Wien auf einem Passfoto um 1930, © Staatsarchiv München, Polizeidirektion München 15377

Bald wuchs die Familie: Sohn Stephan wurde am 25. Januar 1907 geboren und am 3. April 1910 Tochter Johanna. Als am 5. Juli 1912 auch noch Sohn Bertrand als drittes Kind geboren wurde, schien das Familienglück vollkommen. Ausdruck dafür war der Auftrag an den renommierten Medailleur Karl Goetz: gemäß den Vorgaben der Eltern gestaltete er sehr künstlerisch zwei Medaillen, auf denen liebevoll und mit Glückwünschen belegt, die Geburten der Kinder Johanna und Bertrand gefeiert wurden. Leider starb Bertrand schon am 12. Dezember 1914. Die Kinder Stephan und Johanna wuchsen gesund in der Familie auf und besuchten höhere Schulen.

Ferdinand van Wien hatte sich als Inhaber der Tuchhandlung „Gebr. van Wien München“ im November 1905 angemeldet und zusammen mit seinem älteren Bruder Benjamin die Tuchhandlung in München etabliert. Das Tuchgeschäft Gebrüder van Wien lief sehr gut. Sie konnten 1919 Geschäftsräume in der Prielmayerstraße 10 beziehen, eine Adresse im Herzen der Stadt.


Opfer der Boykottaufrufe der NSDAP: Tuchgeschäft Gebr. van Wien

Tuchwarengeschäft Gebrüder van Wien in der Prielmayerstraße 10, © Stadtarchiv München

Am 30. Januar 1933 kamen die Nationalsozialisten in Deutschland an die Macht. Seit der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler hatte die NSDAP schon verstärkt Angriffe auf Juden und ihre Geschäfte unternommen, und so sahen sich am 1. April 1933 jüdische Gewerbetreibende, Ärzte und Rechtsanwälte einem reichsweiten Boykott ausgesetzt. „Kauft nicht in den jüdischen Geschäften und Warenhäusern, geht nicht zu jüdischen Rechtsanwälten, meidet jüdische Ärzte“, lauteten die Parolen. In München blockierten Angehörige von SA, Hitlerjugend und Stahlhelm die Zugänge zu Läden, Kanzleien, Gerichten und Praxen, zertrümmerten das Inventar, drangsalierten und misshandelten sowohl die Eigentümer als auch die Kundschaft.

Auch das Tuchwarengeschäft Gebrüder van Wien war Ziel dieser Angriffe. Der Bruder und Geschäftspartner Benjamin verließ Deutschland unmittelbar unter dem Eindruck der Ausschreitungen. Ferdinand van Wien gab das weitgehend demolierte Ladengeschäft in der Prielmayerstraße 10 im Juli 1933 auf und verlegte das Gewerbe, nunmehr Tuchkleinhandel genannt, in die Marsstraße 23. Fortan entfiel der Verkauf im Laden. Anfangs konnte er Bestellungen bei seinen Kundenbesuchen aufnehmen, denen er dann die Ware gegen Rechnung zusandte. Mit zwei Angestellten sorgte er für genaue Buchhaltung, Wareneingangs- und Ausgangsbücher, korrekte Steuervorauszahlungen und Steuererklärungen.


Der Kampf Ferdinand van Wiens gegen die Vernichtung seiner beruflichen Existenz

Geschäftspapier-Briefkopf, © Staatsarchiv München, Foto privat

Ferdinand van Wien geriet im Sommer 1937 ins Visier des Gewerbeamtes. Er hatte im Juli 1935 seine Verkaufsstelle für Tuche von der Marsstraße 23 in die Herzog-Heinrich-Straße 22 verlegt und war mit Mathilde auch dort eingezogen. Ihren neuen Wohnsitz meldeten sie ordnungsgemäß, sämtliche Korrespondenzen, unter anderen auch die der Steuerbehörden, erreichten die neue Adresse.

Das Gewerbeamt teilte ihm aber am 20. August 1937 mit, dass eine Verlegung seiner Verkaufsstelle in einen anderen Münchner Gemeindebezirk genehmigungspflichtig gewesen und deshalb widerrechtlich sei. Er habe erst auf Veranlassung des Gewerbeamtes eine Genehmigung beantragt und deshalb sei im Zuge des Einzelhandelsschutzgesetzes der Verkauf sofort einzustellen. Das Gewerbeamt drohte ihm mit einer Strafanzeige, polizeilicher Schließung der Verkaufsstelle und Beschlagnahmung der Warenvorräte bei Zuwiderhandlung.

Ferdinand wehrte sich mit schriftlichem Widerspruch. Er war auf den Umsatz vor Ort angewiesen. Oft wies er in den Schreiben auf seinen sich verschlechternden Gesundheitszustand hin. Er hatte Diabetes und konnte deshalb nicht ungehindert reisen. Die chronische Krankheit verursachte große finanzielle Belastungen durch Arztkosten und Medikamente.

Das Einziehungsamt meldete hingegen eine bestehende Gewerbesteuerschuld, deshalb bestünden erhebliche Bedenken über seine steuerliche Zuverlässigkeit: „Die steuerlichen Säumnisse seien zwar nicht erheblich, aber vom kaufmännischen Standpunkt als standeswidrig zu bewerten.“

Das darauffolgende Verkaufsverbot war das Ende seiner beruflichen Existenz.


Steuernachforderungen des Finanzamtes verhindern seine Auswanderung

Im November 1937 führte das Finanzamt München Süd eine Betriebsprüfung durch. Das war in München eine oft zu beobachtende Praxis, bei der Gewerbeamt und Steuerbehörden Hand in Hand jüdische Geschäftsleute weiter ausraubten, wenn Ausreisewünsche schon bekannt und Anträge auf Auslandspässe gestellt waren.

Die Betriebsprüfung stellte die Korrektheit der Buchführung nachträglich in Abrede, obwohl sie in früheren Jahren bei den Steuererklärungen anerkannt wurde. Umsätze der letzten Jahre wurden wesentlich höher geschätzt und auch die Gewinne willkürlich als höher eingestuft. Steuerreduzierende Angaben wie Rücklagen, Arbeitszimmer und Sonderausgaben für Medikamente und begleitende Pflege wurden abgelehnt.

Ferdinand van Wien unterstützte seine Schwester Johanna und seinen langjährigen schwer erkrankten Buchhalter mit monatlichen Zuwendungen. Auch diese Ausgaben wurden rückwirkend nicht mehr als Sonderausgaben anerkannt. Ferdinand van Wien widersprach in allen Punkten. Erklärte ausführlich Zusammenhänge, erläuterte Umstände, lud zu nochmaliger Prüfung von Aufzeichnungen ein und wies auf die sich zu seinen Ungunsten veränderten Geschäftsbedingungen seit der erzwungenen Schließung seines Ladengeschäfts hin. Er hatte sein Gewerbe zum 25. April 1938 abgemeldet.

Schreiben vom 26.10.1938 Ferdinand van Wien an das Finanzamt München Süd, © Staatsarchiv München,
Foto privat

Das Berufsverbot und die Steuernachforderungen zermürbten ihn. Im September versuchte er durch Zahlung der Steuerbescheide der vergangenen Jahre die Behörde zur Ausstellung der Unbedenklichkeitserklärung zu bewegen. Die Vorbereitungen für die Auswanderung in die USA liefen bereits. Es mussten die Auslandspässe und eine Vielzahl an Dokumenten dem amerikanischen Generalkonsulat in Stuttgart vorgelegt werden. Im Ersuchen um die erforderliche Unbedenklichkeitsbescheinigung bei den Steuerbehörden schilderte Ferdinand van Wien nochmals deutlich seine sich laufend verschlechternde Lage. Dieses am 26. Oktober 1938 erstellte ist sein letztes archiviertes Schreiben an die Behörden:

Schreiben vom 26.10.1938 Ferdinand van Wien an das Finanzamt München Süd, © Staatsarchiv München,
Foto privat


Ermordung

Am 10. November 1938 wurde Ferdinand van Wien, schwer erkrankt und geschwächt, verhaftet und in das Konzentrationslager Dachau verschleppt. Er bekommt die Häftlingsnummer 20268.

Es ist davon auszugehen, dass er wie viele der Häftlinge misshandelt wurde. Es war bereits Winter, die Außentemperaturen betrugen 0 bis 5°C, zeitweise schneite es. Die Häftlinge mussten stehend in der Kälte ausharren. Sie wurden geschlagen und gedemütigt.

Ferdinand van Wien überlebte als schwer kranker Mann die Torturen nur wenige Tage. Als sicher gilt, dass er kein lebenserhaltendes Insulin bei sich hatte. Am 14. November 1938 starb er. Ermordet nach Misshandlungen, Demütigungen und Verweigerung einer medizinischen Versorgung.


Mathilde van Wien gelingt die Ausreise

Mathilde van Wien füllte am 21. November 1938 den Fragebogen für Auswanderer aus, deklarierte ihr Vermögen und listete ihr Umzugsgut auf. Sie legte am Passamt Passbilder, Unbedenklichkeitsbescheinigung des Finanzamts, eine ebensolche vom Steueramt vor, sie teilte mit, dass die Bescheinigung des Devisenamts beantragt sei und bat um schnelle Erledigung, da sie am 9. Dezember 1938 einen Termin beim amerikanischen Generalkonsulat in Stuttgart habe. Die Bayerische Vereinsbank lieferte am 22. November 1938 die Depotbewertung, die die wesentliche Grundlage für die Berechnung der Judenvermögensabgabe und Reichsfluchtsteuer war.

Wahrscheinlich hatte sie schon eine sogenannte Wartenummer. Jedoch war der Ansturm am Konsulat enorm. Eine immer restriktivere Einwanderungspolitik der USA und erpresserisches Verhalten bei der Ausstellung des Auslandspasses seitens der deutschen Passämter verzögerte die ersehnte Ausreise.

Es dauerte dann tatsächlich noch knapp ein Jahr, bis Mathilde van Wien in Rotterdam an Bord der Statendam gehen konnte. Sie erreichte New York im September 1939 und zog zu ihrem Sohn Stefan nach Chicago, Illinois und lebte dort im Kreis der Familie. Ihre 90-jährige Enkelin beschrieb sie als „My wonderful, lovely grandmother Tilde“.

Mathilde van Wien verstarb 1945 im Alter von 59 Jahren.

Kennkartenfoto von 1938 Kennkartendoppel,
© Stadtarchiv München


Gedenken

Ferdinand van Wien ist auf dem Neuen Israelitischen Friedhof begraben. Der Grabstein befindet sich in Sektion 18, Reihe 15, Grab 9. Seine Grabstätte wurde im Rahmen des Grabsteinprojektes der ErinnerungsWerkstatt München e. V. instandgesetzt.

Grabstein Ferdinand van Wien vom 14.6.2026, Foto: privat

Grabstein Ferdinand van Wien vom 26.8.2026, Foto: privat


Schicksal der Familienangehörigen

Sohn Stefan van Wien hatte in München Medizin studiert und 1932 die Approbation erhalten. Er heiratete 1934 Frau Marianne. Beide entschieden auf ihrer Hochzeitsreise nicht mehr nach Deutschland zurückzukehren und ließen sich 1934 in den USA einbürgern. Stefan eröffnete in Chicago eine Arztpraxis und war zeitlebens als Mediziner tätig. Er hatte sich immer für die Ausreise seiner Eltern eingesetzt. Er starb am 21. Juni 1962. Seine 90-jährige Tochter lebt in den USA.

Tochter Johanna van Wien war in erster Ehe verheiratet mit Dr. Willi Bauer, der später deutscher Kulturattaché in Mexiko war. Sie zogen nach der Heirat nach Stuttgart, emigrierten 1935 nach Italien und im Juli 1938 nach Shanghai. Johanna van Wien zog nach ihrer Scheidung 1946 nach Australien und heiratete zum zweiten Mal. 1953/54 wanderte sie in die USA aus und lebte in Kalifornien. Hier war sie als Johanna Sears zum dritten Mal verheiratet. Sie blieb kinderlos. Johanna starb am 5. Januar 1990 in Phoenix, Arizona.

Benjamin van Wien, der älteste Bruder und Geschäftspartner von Ferdinand van Wien beschloss gleich nach den Ausschreitungen am 1. April 1933 Deutschland zu verlassen und emigrierte mit der Familie nach Holland. Dort wohnte er zunächst in Amsterdam. Nach dem Einmarsch der Deutschen setzte er die Flucht fort und lebte für einige Jahre in England. Sein Sohn Max, der zusammen mit Stefan van Wien an der Universität München studiert hatte, blieb in Amsterdam. Seine Freunde versteckten ihn auf einem Speicher und versorgten ihn dort mit Lebensmitteln. So überlebte die Familie Benjamin van Wien den Holocaust.


Text und Recherche

  • Helmut Baumgartner, August 2026

Archiv-Quellen

  • Stadtarchiv München, Gewerbekarte von Ferdinand van Wien, Signatur: DE-1992-GEW-GK-W.

  • Staatsarchiv München, NR 1938/4045 Wien, Ferdinand van, Kfm, München 1938 Erbschein.

  • Oberfinanzdirektion München 11053, Wien, Ferdinand van, Finanzämter 19713, Wien, Mathilde, van, geb. Ambrunn, Tuchversand, München, Marsstraße 23, Einkommensteuer, Vermögenssteuer, Umsatzsteuer, Gewerbesteuer, Judenvermögensabgabe, Reichsfluchtsteuer.

  • Polizeidirektion München 15377, Wien van geb. Ambrunn, Mathilde, Jude, geb. 15.07.1876 in Gunzenhausen; verheiratet mit Ferdinand v. W., geb. 07.12.1872 in Winschoten/Niederlande, Laufzeit: 1936 – 1962, Pass Seite, Fotos

Internetquellen

Literatur

  • Bergmann, Katharina: Jüdische Emigration aus München, Entscheidungsfindung und Auswanderungswege 1933 - 1941, Berlin 2022.

  • Heusler, Andreas: „Kristallnacht“: Gewalt gegen Münchner Juden im November 1938, Veröffentlichung des Stadtarchivs München, 1998.

  • Selig, Wolfram: Arisierung in München, Die Vernichtung jüdischer Existenz 1937 – 1939, Metropol Verlag, Berlin 2004.

  • Walk, Joseph (Hrsg.): Das Sonderrecht für die Juden im NS-Staat, Eine Sammlung der gesetzlichen Maßnahmen und Richtlinien-Inhalt und Bedeutung, 2. Auflage 1996, Reprint C. F. Müller, Heidelberg.

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