Alois Federl

 

Alois Federl, Staatsarchiv München, Polizeidirektion München 12222

Geboren am 28. November 1894 in München

Inhaftiert am 18. März 1943 im Konzentrationslager Dachau

Vermisst, zuletzt gesehen Ende April 1945 von einem Mithäftling

Die Familie von Alois Federl

Alois Federl wurde am 21. November 1894 in München geboren. Seine Eltern waren Franz Xaver Federl, Stellwerksmeister, und Barbara Federl, geborene Reiser. Er hatte fünf Geschwister, namentlich bekannt sind Josef Federl und seine Schwestern Anna Hofstetter und Babette/Betty Leibinger, geborene Federl. Über seine Kindheit und Jugendzeit ist nichts bekannt.

Tätigkeit als Friseur und Kriegsteilnehmer 1914-1918

Alois Federl war ab Dezember 1912 in der Maximilianstraße 34 in Neu-Ulm, bei Friseur Allmann gemeldet. Vermutlich hat er auch dort gearbeitet.

Vom 30. Oktober 1913 bis 21. Januar 1914 lebte er dann wieder in München, Lindwurmstraße 108 bei Baumer.

Ab dem 7. November 1914 war er Infanterist bei der Infanterie, 2. Regiment, 1. Abteilung. Im Mai 1916 wurde er verwundet und verlor dabei sein rechtes Ohr, nur das Ohrläppchen blieb erhalten. Am 14. Dezember 1918 wurde er entlassen, es wird angegeben, er sei dort zuletzt Fernsprecher gewesen.

Ab dem 16. Februar 1919 bis zu seiner Verhaftung im Jahr 1938 wohnte er bei seinen Eltern in der Lothringer Straße 32. Seine Mutter verstarb am 4. Januar 1921.

Eröffnung eines eigenen Friseurgeschäfts

Im Dezember 1921 machte sich Alois Federl selbständig und eröffnete in Neuhausen in der Horemansstraße 30 einen Friseursalon. Es gibt eine Eintragung im Strafregister durch das Finanzamt München-West, datiert auf den 12. September 1929. Dort wird eine Geldstrafe von 350 Reichsmark genannt, aufgrund von Steuerhinterziehung. Sonst sind keinerlei Vorstrafen registriert.

Wie er in seiner polizeilichen Vernehmung 1938 berichtete, hatte er in seinem Friseurgeschäft zwei Angestellte, eine Friseurin und einen Gehilfen. Als Reinverdienst gab er damals zweihundert Reichsmark pro Monat an.


Verhaftung im August 1938

Durch die Kripo München wurde Alois Federl am 12. August 1938 verhaftet aufgrund des Verdachts von sexuellen Handlungen mit Knaben und Männern sowie der Verbreitung pornografischer Schriften. In seiner polizeilichen Vernehmung beschrieb Alois Federl seine sexuellen Handlungen mit fünf jungen Männern. Er kam ab dem 13. August 1938 in Untersuchungshaft.

Das anschließende Gerichtsverfahren behandelte seine sexuellen Handlungen in seinem Friseurgeschäft nach Ladenschluss mit fünf Minderjährigen. Alle Kontakte seien von ihm ausgegangen, so Alois Federl, er habe den jungen Männern Geld, kostenlose Haarschnitte, Seife und Parfüm als Gegenleistung gegeben. Er sagte aus, alle fünf seien ausschließlich an diesen materiellen Dingen, vor allem am Geld interessiert gewesen. Er benannte bei jedem die geschätzte Gesamtsumme an Geld- und Sachwerten, die die einzelnen von ihm erhalten hatten, das waren zwischen 50 und 500 Reichsmark.

Er habe den Jungen auch pornografische Bilder gezeigt. Diese Bilder gab Federl freiwillig bei der Polizei ab. Er gab an, dass er seine Verfehlungen einsehe und sich in Zukunft vollkommen zurückhalten wolle. Er bat um Haftentlassung, da er der Alleininhaber des Friseurgeschäfts sei.

Das Urteil des Landgerichts München II vom 28. Oktober 1938 lautete: 4,5 Jahre Gefängnis und 5 Jahre Ehrverlust aufgrund von Vergehen nach § 175, 176 und 184.

Als Haftort wird das Gefängnis in Amberg genannt.

Die nächste Akteneintragung ist seine Einlieferung am 25. Februar 1943 im Schubgefängnis in Nürnberg. Dort ist notiert, dass er vorher in Zweibrücken in Rheinland-Pfalz inhaftiert war. Vermutlich wurde er am 26. Februar 1943 nach München überstellt.


Nach dem Ende seiner Strafe: Inhaftierung im Konzentrationslager Dachau 1943

Alois Federl hatte seine Gefängnisstrafe vollständig abgesessen. Gemessen an rechtsstaatlichen Maßstäben war er damit rehabilitiert.

Die Leitstelle der Kriminalpolizei in München ordnete trotzdem am 1. März 1943 für ihn eine polizeiliche Sicherungsverwahrung an. Denn er wurde der Kategorie “Berufsverbrecher” zugeordnet. Bei der polizeilichen Sicherungsverwahrung war der Freiheitsentzug nicht durch ein Gericht entschieden, und sie war zeitlich unbefristet möglich. Diese war nicht durch Rechtsmittel anfechtbar und auch nicht an das Begehen einer konkreten Straftat gebunden, also an Kriterien, die heute für einen Rechtsstaat verbindlich sind.

Alois Federl kam in das Konzentrationslager Dachau. Er erhielt dort die Häftlingsnummer 46488 und wurde vermutlich mit einem grünen Winkel gekennzeichnet. Auf seiner Häftlingskarte stand außerdem „Homo“, was ihn zusätzlich als Homosexuellen auswies.

Seine Schwester Betty Leibinger reichte umgehend ein Gesuch ein, dass die polizeiliche Sicherungsverwahrung bei ihrem Bruder nicht angewendet werden sollte. Dieses Gesuch wurde am 8. April 1943 abgelehnt.

Auch sein Vater stellte Anfang 1944 ein Gesuch auf Entlassung seines Sohnes, welches am 8. Februar 1944 abgelehnt wurde.

Im KZ-Außenlager Augsburg-Haunstetten

Alois Federl wurde zu einem unbekannten Zeitpunkt in das KZ-Außenlager Augsburg-Haunstetten gebracht. Es gibt einen Auszahlungsbeleg über 10 Reichsmark an Alois Federl vom 4. April 1944. Mit dem Geld konnten die Häftlinge in der Kantine einkaufen.

Das Außenlager in Haunstetten war mit einem drei Meter hohen Stacheldrahtzaun umgeben und durch vier Wachtürme gesichert. Seit Februar 1943 waren dort ca. 2700 Häftlinge untergebracht, die für verschiedene Standorte der Messerschmitt-Werke in Haunstetten und in Augsburg arbeiten mussten. Diese waren damals das Zentrum der deutschen Produktion von modernsten Düsenjägern. Daher waren sie das Ziel von zwei Bombenangriffen der Alliierten im Februar und März 1944, dabei wurden 292 Häftlinge getötet. Die werkseigenen Luftschutzräume standen den Häftlingen aus dem Konzentrationslager nicht zur Verfügung. Beim dritten Luftangriff der Alliierten am 13. April 1944 wurden die Messerschmitt-Werke in Haunstetten, das KZ-Außenlager und auch Wohngebiete dort zerstört. Es gab auch viele Todesopfer unter den Zwangsarbeiter*innen und in der Zivilbevölkerung. Im Außenlager wurden nach Stanislav Zamecnik 107 Häftlinge getötet, nur 11 blieben unverletzt.

Alois Federl überlebte. Die KZ-Häftlinge schliefen die ersten Nächte nach diesem Luftangriff auf dem Schießplatz in der Nähe, danach übergangsweise auf dem Flugplatz Gablingen. Das Lager in Haunstetten wurde nicht wieder aufgebaut.

Im KZ-Außenlager Augsburg-Pfersee

Alois Federl wurde im Mai 1944 nach Augsburg-Pfersee gebracht.

Die Häftlinge wurden dort in dreistöckigen Bettstellen in einer großen Halle untergebracht, die vorher als Garage für Flugabwehrgeschütze diente. Das Gelände wurde Anfang Mai 1944 zum KZ-Außenlager mit einer Kommandantur, Krankenrevier und Quartier für Wachmannschaften umgebaut, mit Stacheldraht vom restlichen Kasernengelände abgetrennt und im Inneren in Blöcke aufgeteilt. Dort wurden dann bis zu 2000 männliche KZ-Häftlinge untergebracht, die Zwangsarbeit in der Rüstungsindustrie und bei der Reichsbahn leisten mussten. Die KZ-Häftlinge wurden auch zu Aufräumarbeiten oder bei der Bombenentschärfung in Augsburg eingesetzt.

Es gibt eine persönliche Nachricht von Alois Federl aus Pfersee. Er schrieb am 8. April 1945 an seine Schwester Betty Leibinger, dass er sich sehr auf seine Entlassung freue und dass die schlimme Zeit nun bald vorbei sei.

Seit Ende April 1945 wurde er vermisst. Ein österreichischer Mithäftling hatte gehört, wie Alois Federl sagte, er wolle zu Fuß nach München gehen. Dort kam er nie an. Seine Häftlingskarte zeigt den Stempel „Befreit durch die Amerikaner“. In den Akten wurde notiert, er sei am 29. April 1945 in Augsburg befreit worden.


Die erfolglose Suche nach Alois Federl nach der Befreiung

1947 bestätigte die Kripo Augsburg, dass Federl nicht mit den dort als unbekannt geführten Toten in Verbindung gebracht werden kann.

Am 15. November 1949 vernahm die Kriminaluntersuchungsabteilung des Polizeipräsidiums München seine Schwester Betty Leibinger. Sie gab an, dass sie in die Konzentrationslager-Betreuungsstelle Goethestraße 64 in München gefahren sei. Dort habe sie von zwei ehemaligen Mithäftlingen erfahren, dass es ihrem Bruder im KZ Außenlager Augsburg-Pfersee nicht schlecht gegangen sei, obwohl er den grünen Winkel trug. Sie denke, dass andere Häftlinge auf ihn neidisch waren, da ihr Bruder vermutlich viele Privilegien gehabt habe. Er habe als Friseur für die Wachmannschaften gearbeitet. Er sei dadurch vielen bekannt gewesen. Betty Leibinger hatte ein Gesuch mit Bild von ihm in der Konzentrationslager-Betreuungsstelle Goethestraße 64 aufgehängt, niemand meldete sich.

Am 29. März 1950 gab die Kriminaluntersuchungsabteilung des Polizeipräsidiums München bekannt, dass alle Ermittlungen bezüglich der Suche von Alois Federl kein Ergebnis gebracht haben. Auch der Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes konnte keinerlei Hinweise geben.


Text und Recherche

  • Bettina Gütschow

Quellen

  • Staatsarchiv München: StAM Polizeidirektion München 12222.

  • Stadtarchiv München: DE-1992-PMB-F-28 und DE-1992-EWK65-F-76.

Literatur

  • Zamecnik, Stanislav: Das war Dachau, Dachau 2010.

  • Wachsmann, Nikolaus: KL - Die Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, 3. Auflage 2018.

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