„Wenn wir das nicht weitertragen, gerät es irgendwann in Vergessenheit“
Einblicke in die Verfolgungsgeschichte von Sinti und Roma
Bericht zur Veranstaltung „Zwischen Trauma und Verantwortung –
Die NS-Verfolgung der Sinti und Roma und ihre Auswirkungen bis heute“
am 16. März 2026
Wie kann die Erinnerung an die Verfolgung der Sinti und Roma während des Nationalsozialismus nach dem sogenannten Ende der Zeitzeugenschaft wachgehalten werden? Wie haben diese Erfahrungen die Betroffenen für ihr Leben geprägt, und mit welchen Vorurteilen hat die Minderheit noch heute im 21. Jahrhundert zu kämpfen? Diese und weitere Themen waren Bestandteil der Veranstaltung „Zwischen Trauma und Verantwortung – Die NS-Verfolgung der Sinti und Roma und ihre Auswirkungen bis heute“, zu der die ErinnerungsWerkstatt München e. V. in Kooperation mit der Evangelischen Stadtakademie München am 16. März 2026 eingeladen hatte, um dieses bislang kaum aufgearbeitete Kapitel des nationalsozialistischen Unrechts stärker ins öffentliche Bewusstsein zu rücken.
In eineinhalb Stunden erhielten die Interessierten im Vortragssaal der Stadtakademie von dem Referenten Rainer Burger einen historischen Einblick in die Dimensionen der Verfolgung, die dieser mit den Erlebnissen der Münchner Familie Höllenreiner verknüpfte und durch Fotografien veranschaulichte. Im Anschluss daran sprach Burger mit Hugo Höllenreiner, dem Enkel des gleichnamigen Überlebenden über dessen Familiengeschichte.
Verfolgung und Ausgrenzung nicht erst seit der Nazi-Diktatur
Die Verfolgung und Diskriminierung von Sinti und Roma, einer seit Anfang des 15. Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum nachgewiesenen Volksgruppe, die sich über eine gemeinsame Sprache, die Nähe zum indischen Sanskrit aufweist, auszeichnet, begann nicht erst mit der Nazi-Diktatur, sondern bereits damit, dass man Sinti und Roma seit dem Spätmittelalter vom öffentlichen Leben ausschloss und ihnen Sesshaftigkeit verweigerte. Nach Burger markierte die Einrichtung der sogenannten „Reichszentrale zur Bekämpfung des Zigeunerunwesens“* im Jahr 1899 den bürokratischen Beginn der staatlichen und systematischen Verfolgung von Sinti und Roma in München. Diese Reichszentrale wird rund vier Jahrzehnte später noch eine entscheidende Rolle bei der Deportation und Vernichtung der Sinti und Roma spielen. Der 1933 geborene Hugo Höllenreiner erfuhr schon früh, was es bedeutete, diskriminiert zu werden. Ab März 1941 durfte er beispielsweise nicht mehr zur Schule gehen. Zuvor hatte er miterlebt, wie sein Vater Josef wegen „Nichteignung“ aus der Wehrmacht ausgeschlossen wurde.
„Weil wir Sinti sind“
Am 8. März 1943 wurden in München systematisch Sinti und Roma verhaftet und in das Polizeipräsidium in der Ettstraße gebracht, darunter auch die Familie Höllenreiner. Wenige Tage später wurde sie mit über hundert anderen in das „Zigeunerlager“* Auschwitz-Birkenau deportiert. Bereits bei der Verhaftung gingen viele Sinti und Roma davon aus, irrtümlich festgenommen worden zu sein, da sie sich als Deutsche fühlten, erklärte Burger. Auch der kleine Hugo, der zum damaligen Zeitpunkt gerade einmal neun Jahre alt war, erfuhr von seinem Vater den Grund der Festnahme: „Weil wir Sinti sind“. Was Hugo Höllenreiner, der mehrere Konzentrationslager überlebte, in dieser Zeit widerfahren ist – er war unter anderem den grausamen Menschenversuchen des KZ-Arztes Josef Mengele ausgesetzt – wurde den Zuhörenden nicht nur durch Zitate, die von Höllenreiners Enkel vorgelesen wurden, näher gebracht, sondern auch durch einen Film, der im Rahmen eines Projektes der Organisation RomAnity mit dem Ziel der Aufarbeitung des Völkermordes an den Sinti und Roma entstanden ist.
Die „zweite Verfolgung“ – Kontinuität im Nachkriegsdeutschland
Im Nachkriegsdeutschland endete die Diskriminierung von Sinti und Roma, die nach der Befreiung der Konzentrationslager oft an ihre früheren Wohnorte zurückkehrten, keineswegs, sondern blieb weiterhin fester Bestandteil ihres Alltages. Diese fand, so Burger, jedoch oftmals verschleiert statt. So hieß die „Zigeunerpolizeidienststelle“* in München fortan „Landfahrerzentrale“. Auch wurde eine Entschädigung der Sinti und Roma lange Zeit abgelehnt, weil deren Verfolgung während des Nationalsozialismus bis Anfang der 1980er Jahre nicht als rassistischer Völkermord eingestuft wurde. Hugo Höllenreiner erlebte diese feindlich gesinnte Haltung ihm gegenüber im Deutschland der 1950er Jahre am eigenen Leib. In der Schule musste er beispielsweise in der letzten Reihe sitzen und wurde vom Lehrer nie aufgerufen. Dennoch hätten die Betroffenen nach all dem, was ihnen widerfahren ist, „weitermachen“ müssen, so Burger. „Sie gingen ins Tanzlokal in Schwabing und gründeten Familien.“
„Das waren für mich solche starken Persönlichkeiten“
Im zweiten Teil der Veranstaltung erfuhr das Publikum vom Enkel des 2015 verstorbenen Hugo Höllenreiner, wie sein Großvater mit seiner Verfolgungsgeschichte umgegangen ist. Dieser habe erst spät, genauer gesagt in den 1990er Jahren, darüber gesprochen. Das meiste hätten seine Enkel erst erfahren, als ein Buch zur Lebensgeschichte ihres Großvaters erschienen sei. Sein Opa und dessen Brüder waren für Hugo starke Persönlichkeiten, vor allem weil sie nicht verbittert waren und wussten, dass im Leben nichts Schlimmeres mehr kommen könne. Er habe von seinem Großvater sehr viele Weisheiten mit auf seinen Weg bekommen. „So viele weiße Haare, wie er auf dem Kopf gehabt hat, so weise war er auch“, meinte Höllenreiner. Sein Opa sei stets versöhnlich gewesen und habe sich in der Erinnerungsarbeit mit dem Motto: „Verzeihen kann man, vergessen nicht“ engagiert.
Nicht aufhören, zu erinnern und zu mahnen
Für den 1992 geborenen Hugo Höllenreiner ist es wichtig, da anzuknüpfen, wo sein Opa aufgehört hat. Diesem lag es am Herzen, dass die Jugend davon erfährt, damit so etwas nie wieder passiere. Daher erzählt er nun vom Schicksal seines Opas und setzt sich gegen Diskriminierung ein. Dennoch gibt er offen zu: „Wenn ich gefragt werde, woher ich komme, dann sage ich ungern, ich bin ein Sinto.“
* = Das Wort „Zigeuner” wurde durchgestrichen, um zu zeigen, dass wir den Begriff im historischen Kontext nicht löschen können, seine heutige Verwendung jedoch ablehnen.
Autorin: Carolin Pfeuffer
Weitere Informationen:
Rainer Burger ist Dipl. Sozialpädagoge (FH) und seit über 15 Jahren in der diskriminierungssensiblen Sozialen Arbeit tätig. Er ist Mitgründer von D.A.S. - Diskriminierungssensible Antiziganismuskritische Soziale Arbeit e. V. (i. G.) und arbeitet mit von Antiziganismus betroffenen Communities sowie Fachkräften im sozialen Bereich.
Die Lebensgeschichte von Hugo Höllenreiner wurde von Anja Tuckermann unter dem Titel „Denk nicht, wir bleiben hier!“ niedergeschrieben. Das Buch erschien 2005 im Carl Hanser Verlag. Zu einigen Familienmitgliedern liegen auf unserer Website bereits Biografien vor.