Endstation Hollywood. Das Leben des Paul »Hulle« Huldschinsky (1889-1947)
Cover (Bild: Hentrich & Hentrich Verlag)
Das Verfassen einer Biografie erfordert viel Zeit, Geduld und manchmal auch etwas Glück. Bei unserer Arbeit in der ErinnerungsWerkstatt dauert das Schreiben einer Lebensgeschichte nicht nur Tage oder Wochen, sondern manchmal ein Jahr oder mehr. Das kann sich auch in der Länge einer Biografie auswirken – je nachdem was für Unterlagen und Quellen man findet und was diese für die Recherche hergeben. Eva-Maria Herbertz, die Verfasserin des Buches „Endstation Hollywood. Das Leben des Paul »Hulle« Huldschinsky (1889-1947)“ hat viel Geduld bewiesen, noch mehr Zeit investiert – mehr als zwanzig Jahre –, und unglaubliches Glück gehabt. War bisher nicht viel bekannt von Paul Huldschinsky, so hatte Frau Herbertz das Glück, 23 Briefe von ihm zu finden. Viele Jahre später konnte sie glücklicherweise auch Kontakt zu seiner Tochter aufnehmen, die einen reichlichen Nachlass mit vielen Fotos besaß. Nun war es endlich möglich, die Lebensgeschichte zu erzählen.
Frau Herbertz schildert ausführlich das Leben von Paul Huldschinsky als Sohn eines sehr reichen, jüdischen Industriellen und Kunstsammlers. So kann ein hoch interessanter Einblick in das Leben im Berliner Großbürgertum gewonnen werden. Der evangelisch getaufte Paul Huldschinsky genoss den Luxus, den ihm sein Vater bot und studierte Architektur. Von 1912 bis 1918 wohnte er in München im Herzogpark. In dieser Zeit fertigte er Illustrationen an und nach seiner Rückkehr nach Berlin war er als Innenarchitekt tätig. Schon bald jedoch endete das süße Leben und es wurde unter der NS-Herrschaft immer unerträglicher, so dass er sich um eine Ausreise bemühte. Dies war jedoch nur mit vielen ausgefüllten Dokumenten und der Überwindung weiterer Schikanen des NS-Regimes möglich, was Paul Huldschinsky aber gelang, so dass die Emigration für Ende November 1938 vorgesehen war. Allerdings überschlugen sich die Ereignisse in Deutschland nach dem Attentat von Herschel Grynszpan am 7. November 1938. In der Pogromnacht oder unmittelbar danach wurde Paul Huldschinsky, wie zehntausende andere jüdische Einwohner, in „Schutzhaft“ genommen. Im Konzentrationslager Sachsenhausen erhielt er die Häftlingsnummer 9393 und war in Baracke 39 untergebracht. Am 22. November wurde er wieder aus dem Lager entlassen und nur einen Tag später legte die SS President Roosevelt von Le Havre ab in Richtung New York. An Bord waren u.a. Paul Huldschinsky, seine zweite Frau Nini mit ihrer Tochter aus erster Ehe und die gemeinsame Tochter Juliana!
Paul Huldschinsky mit Tochter Juliana 1939, © Eva-Maria Herbertz
Am 5. Dezember 1938 legte das Schiff in den USA an und für die Familie begann ein neues Leben. Es war jedoch nicht leicht für Paul Huldschinsky, für den Familienunterhalt aufzukommen. Auch seine vielen Kontakte nützten ihm nicht viel. Mit dem Verkauf von Mobiliar und Antiquitäten konnte er sich und seine Familie über Wasser halten. Letztlich gelang ihm mit seinen Aufträgen für Inneneinrichtungen der Sprung nach Hollywood. Hier fand er eine feste Anstellung, zunächst bei MGM (Metro-Goldwyn-Mayer) und später bei Paramount Pictures. So wurde ihm als einem der ersten Deutschen der Oscar verliehen. Für den Film „Gaslight“ (deutsch: „Das Haus der Lady Alquist“) mit Charles Boyer, Ingrid Bergman und Joseph Cotten wurde Paul Huldschinsky für die beste „Interior Decoration“ ausgezeichnet. Außerdem entwarf er die Innenausstattung für die legendäre zweigeschossige Villa mit ca. 400 m² von Thomas-Mann in Los Angeles.
Am 1. Februar 1947 starb Paul Huldschinsky in Santa Monica. Thomas Mann erinnerte sich an ihn in seinem Kondolenzbrief: „… in tiefer Wehmut und herzlicher Trauer um einen lieben, guten Freund…“ und bezeichnete ihn als einen „… der feinsten, liebenswürdigsten, nobelsten Menschen, die ich gekannt habe…“.
Aus dem Briefkonvolut in einem Privatnachlass, den Gästebüchern aus der Münchner Zeit, handgeschriebenen Erinnerungen und zahlreichen Briefwechseln konnte Eva-Maria Herbertz mit ungeheuerlicher Ausdauer und Beharrlichkeit das faszinierende, schillernde Leben des Paul Huldschinsky wieder ins Licht der Öffentlichkeit rücken. Ihr gelang ein Spiegelbild jener Zeit, die gleichzeitig Faszination und Schrecken eines Jahrhunderts verdeutlicht.
Herbertz, Eva-Maria: Endstation Hollywood. Das Leben des Paul »Hulle« Huldschinsky (1889-1947), Leipzig: Hentrich&Hentrich 2024, ISBN 978-3-95565-678-2
Autor: Klaus-Peter Münch, August 2026