Beger & Röckel sowie die Graphia Kunstanstalt & Druckereien Wilhelm Marx

 

Briefbogen (Bild: Bayerisches Wirtschaftsarchiv S009/1216)

Die Firma Beger und Röckel wurde 1893 gegründet, wie einer kurzen Notiz in den Münchner Neueste Nachrichten vom 13. Mai 1903 anlässlich der Feier des 10-jährigen Jubiläums zu entnehmen ist.  Alleiniger Inhaber war zu dieser Zeit Albin Beger. Die Firma befand sich damals in der Hans-Sachs-Straße 14 im Rückgebäude. Schon damals wurden Luxuspapier und Grußkarten hergestellt. Zum 1. Januar 1905 wurde die Firma in eine Offene Handelsgesellschaft umgewandelt. Neben Albin Beger wurden Siegfried Lauchheimer und Siegfried Sternglanz Gesellschafter. Die weiteren Änderungen der Firma sind aus den alten Ausgaben des Münchner Adressbuches abzulesen. In der Ausgabe 1908 wird Albin Beger nicht mehr genannt. Die Firma war ab 1909 dann in der Angertorstraße 23 zu finden.  

Unter dieser Anschrift gab es auch die Firma Gebrüder Marx Hopfenhandlung. Inhaber waren Wilhelm und Siegfried Marx, die beide später Gesellschafter bei Beger und Röckel wurden. Im  Münchner Adressbuch von 1910 wird auch Siegfried Sternglanz nicht mehr als Gesellschafter bei Beger & Röckel genannt, sondern erstmals Siegmund und Wilhelm Marx. Neben der familiären Verbindung, Siegfried Lauchheimer hatte 1905 eine Schwester der Brüder Marx geheiratet, waren sie nun auch über die Firma eng verbunden.

Bild: Stadtarchiv München, Lokalbaukommission 1565 

Den Hopfenhandel gaben die Brüder vermutlich zugunsten der Druckerei auf, da dieser in den Münchner Adressbüchern nicht mehr genannt wurde. Ab 1915 sind ihre Namen bei der Graphia Kunstanstalt und Druckerei Wilh. Marx in der Nymphenburger Str. 125 angegeben. Die Firma Graphia ist aus der im November 1902 gegründeten „Kunstanstalt Graphia GmbH“ hervorgegangen, deren Geschäftsführer Rudolf Mayer war.

Die Firma hatte ihren Sitz im Rückgebäude der Nymphenburger Str. 125. 1913 wurden die Rückgebäude Nymphenburger 125/127 an Wilhelm & Sigmund Marx sowie Ida Lauchheimer verkauft. Diese führten die Druckerei als OHG „Graphia Kunstanstalt und Druckerei Wilhelm Marx & Co.“ weiter. In Unterlagen aus 1938 wird als weiterer Gesellschafter Dr. Josef Cramer genannt. Wann er als Gesellschafter eintrat, ist unbekannt.

Nymphenburger Straße 125 Rgb. im März 2023 (Bild: Privat)

Das Geschäft mit den Grußkarten und anderen Druckereierzeugnissen scheint sich prächtig entwickelt zu haben. 1924/25 errichtet man in der Boschetsrieder Straße 59 einen imposanten Industriebau (siehe Bild). Bauherr und Eigentümer waren sowohl „Beger & Röckel“ als auch die „Graphia Kunstanstalt u. Druckereien Wilhelm Marx & Cie.“ Beger & Röckel produzierte und vertrieb Glückwunschkarten aller Art, Kondolenzkarten, Ansichtskarten, Postkarten usw.,

Um 1917 verkauft Rudolf Mayer die restlichen Grundstücksanteile der Nymphenburger Str. 125/127 an die „Marx-Familie“. Das Gebäude steht heute unter Denkmalschutz.Die Graphia Kunstanstalt war eine Offsetdruckerei, die lithographische Erzeugnisse, insbesondere Plakate und Postkarten hergestellt hat. Einige Plakate sind erhalten geblieben und begehrte Sammlerstücke, da sie von Ludwig Hohlwein gestaltete Reklamemotive zeigen. Hohlwein (1874-1949) war ein bekannter deutscher Plakatkünstler, der allerdings auch für die NSDAP arbeitete und deren visuelles Erscheinungsbild mitgestaltet hatte.

Bild: Firmengebäude Boschetsrieder Straße 59 (Quelle: Bay. Wirtschaftsarchiv K1 III A 108b Akt 14 Fall 6)  

während die Graphia als Offsetdruckerei lithographische Erzeugnisse, insbesondere Plakate und Postkarten, herstellte. Die Firmen hatten inzwischen eine Größenordnung erreicht, die nicht mehr „handwerklich“ zu nennen war wie eine Entscheidung der Regierung von Oberbayern aus dem Jahr 1925 zeigt. Demnach solltens die Betriebe nicht dem Handwerk, sondern der Industrie zuzuordnen sein, da sie über 1 Mio. Goldmark Umsatz tätigten und rund 120 Mitarbeiter beschäftigten.  

1932 erstellte die Industrie- und Handelskammer eine Wirtschaftsauskunft über die Graphia Kunstanstalt. Zum Ruf des Unternehmens und der leitenden Personen schrieb man: „Gilt in Fachkreisen als durchaus leistungsfähig, zuverlässig und vertrauenswürdig.“ „Das gleiche gilt für den technischen Betrieb, der in den letzten Jahren alle den modernen Erfordernissen entsprechende Einrichtungen erhalten hat.“ „Bei der Rührigkeit der Leitung des Unternehmens ist anzunehmen, dass, auch wenn die Erschwerungen im Auslandsgeschäft andauern, trotzdem immer wieder Möglichkeiten für den Export gefunden werden. […] Sie wird in Branchenkreisen als wohl das beste Unternehmen dieser Art bezeichnet.“

Im März 1937 schrieb die Industrie- und Handelskammer zu München die Mitgliedsbetriebe an und bat „zur Aufnahme in das Firmenarchiv der Kammer […] um Abgabe einer Erklärung über 1. die Staatsangehörigkeit und 2. die Abstammungsverhältnisse (insbesondere ob deutschen oder artverwandten Blutes“ der Inhaber, Gesellschafter, Vorstände. In einem Schreiben vom 31. März 1937 an den Landesleiter München-Oberbayern der Reichskammer der bildenden Künste beklagte sich die IHK, dass die Firma Graphia Schwierigkeiten bei der Aufklärung über die Verhältnisse der Gesellschafter bereitet habe. Man habe festgestellt, dass es sich um ein „rein jüdisches“ Unternehmen handele.

Einblick in die Mitarbeiterzahl und Umsätze gibt der Bericht eines Wirtschaftsprüfers, den dieser nach dem Novemberpogrom 1938 erstellt hatte. Mit Stand 31. Dezember 1938 beschäftigte die Firma insgesamt 351 Arbeitnehmer, davon 236 bei Beger & Röckel und 115 bei Graphia. 76% der Arbeitnehmer waren Frauen. Die Umsätze lagen in dieser Zeit bei:

Beger & Röckel

Jahr                       Inland                                  Ausland

1934                      762.800 RM                       271.500 RM

1935                      754.400 RM                       292.500 RM

1936                      753.500 RM                       253.700 RM

1937                      826.900 RM                       306.700 RM

1938                      850.100 RM                       279.400 RM       24%                       1.129.000 RM Gesamt

Graphia

Jahr                       Inland                                  Ausland

1934                      535.700 RM                         71.500 RM

1935                      495.000 RM                       123.400 RM

1936                      387.600 RM                       272.700 RM

1937                      369.700 RM                       380.500 RM

1938                      382.350 RM                       412.750 RM       51,9%                    795.100 RM Gesamt

RM = Reichsmark

1938 erzielten die beiden Unternehmen einen Umsatz von 1.924.100 Reichsmark, was einer heutigen Kaufkraftäquivalenz von ungefähr 9,2 Mio. EUR entspräche. Die Umsatzrentabilität lag 1938 für Beger & Röckel bei 9,6% und die von Graphia bei 6,1%.

Die Unternehmen erzielten hohe Umsätze im Ausland. Exportiert wurde u.a. nach Großbritannien, in die Niederlanden, in die Schweiz, in die nordischen Staaten und nach Frankreich. Die Grußkarten wurden in die jeweilige Sprache übersetzt, wie z.B. mit „Hartelijk Gefeliciteerd“ oder „Joyeux Noel“. Diese Auslandsumsätze waren auch für das NS-Regime von Interesse, das an notorischer Devisenknappheit litt.

Ab Februar 1938 erschwerte München das Tagesgeschäft jüdischer Unternehmen erheblich, indem man ihnen pauschal mit dem Argument der „Unzuverlässigkeit“ die Neuausstellung von Gewerbelegitimationskarten verweigerte. Das erschwerte auch Beger & Röckel bzw. der Graphia das Tagesgeschäft. Beide Firmen waren sehr stark im Export tätig und die Reisemöglichkeiten des im Vertrieb tätigen Personals waren existenziell für die Unternehmen. 

Aus den Akten ist ersichtlich, dass es einige Kaufinteressenten mit durchaus sehr unterschiedlicher Motivation gab. Um ihre Position zu verbessern, schlossen sich verschiedene Interessenten zu Gruppen zusammen. Man versuchte, sich aus einer Kombination von „treuen Nationalsozialisten“, „fachlicher Eignung“ und ausreichender „Kapitalkraft“ in eine gute Verhandlungsposition zu bringen. Die Interessen der Eigentümer spielten keine Rolle, galt es doch den Gau-Wirtschaftsberater zu überzeugen.

Unter den Interessenten sind die Süddeutsche Zähler Gesellschaft mbH, deren Hauptinteresse die Fabrikationsräumlichkeiten waren, oder ein Berliner Konkurrent, die E.A.Schwerdtfeger & Co. AG. Aber auch der Parteigenosse Rudolf Frühtrunk, Träger des Blutordens und damit Nationalsozialist der ersten Stunde, sieht die Gelegenheit gekommen, für seine Treue entlohnt zu werden. Er beschwerte sich bei der zuständigen Gau-Wirtschaftsstelle, warum „so viel Umstände gemacht werden, während die Abwicklung anderer Fälle im Handumdrehen erledigt wird“. Er fügte zur Unterstreichung seiner „berechtigten Ansprüche“ einen Artikel aus der Zeitung „Der-SA-Mann“ bei und unterstrich darin den Satz: „Und denkt denn heute niemand mehr an unsere alten Parteigenossen“.

Um die Unternehmen bemühten sich auch lokale Konkurrenten wie Fritz Haering (Haering & Co. KG) und Theodor Dietz (Inhaber der Mandruck), die am Ende das Rennen machten. Haering kannte die Betriebe wohl gut, da er vor seiner Selbständigkeit 27 Jahre für Beger & Röckel gearbeitet hatte. Die Käufer bekamen aber u.a. die Auflage, den „Blutorden- und Ehrenzeichenträger Pg. Fruhtrunk“ mit einem angemessenen Vertretervertrag zu versehen.

Allen vier Gesellschaftern gelang die Emigration. Wilhelm und Siegmund Marx sowie Ida Lauchheimer konnten in die USA und Dr. Josef Cramer nach England auswandern.

Begro Karte Nr. 8624 (Bilder: Privat)

Die Postkarten aus dem Hause Beger & Röckel sind  entweder am oben abgebildeten Logo „B & R”, manchmal auch umrahmt vom Schriftzug „BEGRO“ oder dem Aufdruck „BEGRO Spezial“ zu erkennen. Das Logo kann der Firma zugeordnet werden, da es sich auch auf den Briefbögen der Firma befindet.

Autor:

Stefan Dickas

Quellen:

  • Bay. Wirtschaftsarchiv, K1 I 58 a Akt 3a Fall 21.

  • Bay. Wirtschaftsarchiv, K1, XXI 5, 28. Akt. Fall 60.

  • Bay. Wirtschaftsarchiv, K1 XXI 16, 38. Akt, Fall 60.

  • Bay. Wirtschaftsarchiv, K1, XXI 16a, 3. Akt.

  • Bay. Wirtschaftsarchiv, K1, XXI 16b, 17. Akt. a.

  • Bay. Wirtschaftsarchiv, F 3501 Artikel „Sammelbilder auf Ansichtskarten“ erschienen in AK Express, Juli 2005, Nr. 116

Internetquellen:

Literatur:

  • Selig Wolfram, „Arisierung“ in München – Die Vernichtung jüdischer Existenz 1937-1939, Metropol Verlag Berlin, 2004.

 
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