Wilhelm Lechner

L-R
 

Geboren am 2. April 1909 in München

Inhaftiert am 24. Oktober 1942 im Konzentrationslager Dachau

Gestorben am 16. September 1944 in Warschau 

 

Kindheit und Jugend

Wilhelm Lechner wurde am 2. April 1909 in München geboren. Sein Vater war der Metalldreher Matthias Lechner, geboren am 4. Oktober 1882 in München. Seine Mutter war Maria Lechner, geb. Boiger, geboren am 4. September 1884 in Abensberg. Seine Eltern heirateten am 24. August 1907 in München.

Wilhelm war das zweite Kind von vier Kindern. Unehelich kam am 30. Dezember 1905 sein älterer Bruder Mathias Boiger zur Welt. Es folgten seine jüngeren Geschwister Matthias Lechner, geboren am 9. November 1912 und Rosa Lechner, geboren am 19. Juni 1915.

Sein Vater Matthias Lechner wurde im Ersten Weltkrieg als Soldat eingezogen, er kehrte nach dem Krieg nicht zur Familie zurück. Maria Lechner musste alleinerziehend die Familie durchbringen, indem sie mehrere Putzstellen bei besser gestellten Familien hatte. Die Familie wohnte in der Ickstattstraße 1a im Glockenbachviertel.

Wilhelm besuchte die Volksschule in München von 1915 bis 1923. Mit 14 Jahren begann er im März 1923 eine vierjährige Lehre mit begleitender Berufsschule als Metalldrücker. Der Beruf Metalldrücker nennt sich heute Metallbildner. Typische Produkte der damaligen - weniger industriellen - Zeit waren Haushaltswaren, Uhren- und andere Metallgehäuse, Lampen, Hauben von Straßenlaternen, Beschläge und weitere Metallgegenstände.

Wilhelm war sportlich aktiv, er fuhr Rennrad und boxte. Mit 16 Jahren wurde er südbayerischer Jugendmeister im Boxen. Nach dem Ende seiner Lehre wurde er im Frühjahr 1927 von seinem Ausbildungsbetrieb übernommen.


Familiengründung

Es ist nicht genau bekannt, wie Wilhelm Lechner Franziska Schachtner, genannt Fanny, kennen lernte. Sie wurde am 1. April 1910 in Triftern im Landkreis Rottal-Inn geboren. Ihre Mutter lebte auch in der Ickstattstraße. Franziska Schachtner arbeitete als Büglerin und mietete sich ein Zimmer in der Hochstraße 47, nachdem ihre Mutter einen neuen Freund hatte und ihre Tochter aufforderte, die mütterliche Wohnung zu verlassen.

Am 10. Dezember 1929 zog Wilhelm Lechner zu Franziska Schachtner und am 27. Dezember 1929 wurde ihr erstes Kind geboren: Wilhelm Matthias Schachtner, genannt Buali oder Buly.

Am 29. November 1930 - kurz vor der Geburt ihres zweiten Kindes - heirateten die beiden in München standesamtlich.

Ihre Kinder waren:

  • Wilhelm Matthias Schachtner, geboren am 27. Dezember 1929

  • Robert Lechner, geboren am 9. Dezember 1930

  • Erna-Lotte Lechner, geboren und gestorben 1932

  • Eduard Lechner, geboren am 10. März 1933

  • Erna Lechner, geboren am 18. Februar 1936

  • Lotte Lechner, geboren am 1. September 1939

  • Herbert Lechner, geboren am 26. April 1942


Leben in Armut

Aufgrund der Weltwirtschaftskrise stieg ab 1929 die Zahl der arbeitslosen Menschen. Auch Wilhelm Lechner verlor seine Arbeit, er erhielt daraufhin 30 Reichsmark Arbeitslosenunterstützung. Seine Frau verdiente zusätzlich Geld durch Bügeln. Eine vierköpfige Familie hatte aber 1931 einen Bedarf von ungefähr 66 Reichsmark monatlich, d. h. das Geld reichte nicht aus. Wilhelm Lechner besorgte sich illegal eine Waffe und ging auf die Jagd, um die Ernährungssituation seiner Familie zu verbessern. Er wurde bei der illegalen Jagd erwischt und erhielt 1932 sechs Wochen Gefängnis. An einem unbekannten Datum im Jahr 1932 wurde sein drittes Kind Erna-Lotte geboren. Das Mädchen verstarb als Baby im selben Jahr, die Todesursache ist nicht bekannt. Im Januar 1933 verbesserte sich die Situation: Sechs Wochen vor der Geburt des dritten Sohnes Eduard konnte die Familie in eine etwas größere Wohnung gegenüber in der Hochstraße 46 umziehen.


Mehr als drei Jahre im Gefängnis von 1934-1937

Drei Verurteilungen wegen Diebstählen, Körperverletzung und Widerstand gegen die Staatsgewalt sowie weiterer Jagdvergehen und Meuterei brachten Wilhelm Lechner eine Inhaftierung vom 3. März 1934 bis zum 15. Mai 1937. In der Untersuchungshaft im Gefängnis Neudeck machte er in der Nacht vom 28. auf den 29. April 1934 einen Ausbruchsversuch. Wilhelm Lechner versuchte gemeinsam mit einem anderen Häftling nachts die Gitterstäbe durchzusägen, dieser Fluchtversuch gelang nicht. Seine Frau hatte ihn zuvor im Gefängnis besucht und unbemerkt eine Stahlsäge mitgebracht. Sie erhielt dafür fünf Monate Gefängnis wegen versuchter Gefangenenbefreiung.

Nach der Untersuchungshaft im Gefängnis Neudeck wurde er bis Juli 1936 im Gefängnis Ebrach untergebracht und dann bis Mai 1937 im Gefängnis St. Georgen in Bayreuth.

Wilhelm Lechner bekam oft Besuch von seiner Frau, manchmal auch von seiner Mutter. Mit seiner Frau schrieb er jeden Monat oder alle zwei Monate, je nachdem, was erlaubt war. Auch mit seiner Mutter stand er im Briefkontakt.

Seine Frau beantragte immer wieder eine vorzeitige Entlassung aus dem Gefängnis, diese wurde jedes Mal abgelehnt. Währenddessen kündigte der Vermieter die Familienwohnung. Franziska Lechner konnte mit ihren Kindern bei ihrem früheren Vermieter-Ehepaar auf der anderen Straßenseite zwei Zimmer bekommen. Nun lebten sie wieder in engeren räumlichen Verhältnissen.


Nach der Entlassung aus dem Gefängnis

Wilhelm Lechner wurde im Juli 1937 entlassen und kehrte zu seiner Familie zurück. Seine Frau hatte am 18. Februar 1936 die Tochter Erna geboren. Wilhelm war nicht der Vater. Nach Aussagen seines Sohnes Robert sei es ihm nicht leichtgefallen, mit dieser für ihn neuen Situation umzugehen. Letztendlich habe er aber Erna wie ein eigenes Kind geliebt. Mit sechs Personen lebte die Familie nun in zwei Zimmern. Wilhelm Lechner bat deshalb seine Mutter, seinen ältesten Sohn Wilhelm bei sich aufzunehmen. Nach den drei Jahren Haft fand er sofort Arbeit als Dreher. Allerdings besorgte er sich wieder Waffen und ging illegal auf die Jagd.


Erneute Gefängnisstrafe von 1940-1942

Am 30. Mai 1940 wurde Wilhelm Lechner vom Strafgericht München wieder zu einer Gefängnisstrafe von zwei Jahren und drei Monaten wegen Jagdwilderei verurteilt. Er wurde im Gefängnis Bernau untergebracht und im Juli 1941 nach St. Georgen Bayreuth verlegt.

Ende 1940 erlitt seine Frau eine Fehlgeburt und musste ins Krankenhaus. Die Kinder waren währenddessen unversorgt allein zuhause. Das Jugendamt brachte sie daraufhin im Heim unter. Franziska Lechner bekam ihre Kinder nicht zurück. Das Jugendamt entschied - vermutlich aufgrund der Vorstrafen der Eltern und des erneuten Gefängnisaufenthaltes des Vaters - die Kinder zur Erziehung im Heim zu belassen. Franziska Lechner lebte nun allein.

Ab Januar 1942 war Wilhelm Lechner im Gefängnis München-Stadelheim in der Außenstelle Hohenbrunn. In einem Waldstück zwischen Hohenbrunn und Höhenkirchen-Siegertsbrunn war ab 1938 eine Munitionsfabrik, Bunker, Verwaltungsgebäude und Baracken zur Unterbringung der Zwangsarbeiter*innen und Gefängnisinsassen errichtet worden. Wilhelm Lechner musste dort in der Rüstungsproduktion arbeiten.

Währenddessen hatte seine Frau am 26. April 1942 ihren Sohn Herbert geboren, der bei ihr aufwuchs. Wilhelm erkannte auch Herbert als sein Kind an, obwohl er nicht der Vater war.

Das Ende seiner Strafe war am 7. September 1942. Wilhelm Lechner wurde aber nicht in die Freiheit entlassen, sondern weiterhin inhaftiert. So erging es damals sehr vielen straffällig gewordenen Menschen. Die Sicherungsverwahrung war ein Freiheitsentzug, welche in Gefängnissen, Straf- oder Konzentrationslagern vollzogen wurde. Sie wurde durch das „Gesetz gegen gefährliche Gewohnheitsverbrecher“ vom 24. November 1933 eingeführt und war gedacht als eine Präventivmaßnahme zur Verhinderung von weiteren Straftaten. Es gab dagegen keinen Rechtsschutz und keine gerichtliche Haftprüfung.


Inhaftierung im Konzentrationslager Dachau

Am 24. Oktober 1942 kam Wilhelm Lechner in das Konzentrationslager Dachau zur polizeilichen Sicherungsverwahrung. Er erhielt die Häftlingsnummer 37754 und wurde als „Berufsverbrecher“ mit dem grünen Winkel gekennzeichnet.


Überstellung in das Außenlager Augsburg-Haunstetten

Im April 1943 kam Wilhelm Lechner in das Außenlager Haunstetten, dort musste er in den Messerschmitt-Werken als Dreher arbeiten. Das Außenlager war mit einem drei Meter hohen Stacheldrahtzaun umgeben und durch vier Wachtürme gesichert. Seit Februar 1943 waren dort ca. 2700 Häftlinge untergebracht, die für verschiedene Standorte der Messerschmitt-Werke arbeiten mussten. Diese waren damals das Zentrum der deutschen Produktion von modernsten Düsenjägern. Daher waren sie das Ziel von zwei Bombenangriffen der Alliierten im Februar und März 1944, dabei wurden 292 Häftlinge getötet. Die werkseigenen Luftschutzräume standen den Häftlingen nicht zur Verfügung. Beim dritten Luftangriff der Alliierten, am 13. April 1944, wurden die Messerschmitt-Werke, das Außenlager und auch Wohngebiete in Haunstetten zerstört. Es gab auch viele Todesopfer unter den Zwangsarbeiter*innen und in der Zivilbevölkerung. Im Außenlager wurden nach Stanislav Zamecnik 107 Häftlinge getötet, nur elf blieben unverletzt. Wilhelm Lechner überlebte.

Die Häftlinge schliefen die ersten Nächte nach diesem Luftangriff auf dem Schießplatz in der Nähe, danach übergangsweise auf dem Flugplatz Gablingen. Das Lager in Haunstetten wurde nicht wieder aufgebaut.


Überstellung in das Außenlager Leonberg

Am 25. April 1944 wurde Wilhelm Lechner in das Außenlager Leonberg überstellt. Dieses Außenlager gehörte zum Konzentrationslager Natzweiler-Struthof.

Nach den Angriffen der Alliierten wurde im Frühjahr 1944 in Leonberg ein Autobahntunnel für die Rüstungsproduktion umgebaut, um die Herstellung von Flugzeugteilen sicherer zu machen. Dort mussten ca. 5000 Häftlinge aus 24 Nationen in 12-Stunden-Schichten Tragflächen für den Messerschmidt Düsenjäger Me 262 fertigen.

Ebenfalls am 25. April 1944 wurde das Haus von Franziska Lechner in der Hochstraße 47 in München durch einen Bombenangriff der Briten fast völlig zerstört. Dabei verlor sie auch ihre Nähmaschine und hatte von da an keine Möglichkeit mehr, mit Nähen Geld zu verdienen. Franziska Lechner konnte mit ihrem kleinen Sohn Herbert bei ihrer Schwester in der Quellenstraße 35 unterkommen.


Entlassung aus dem Konzentrationslager in die Brigade Dirlewanger

Im Frühsommer 1944 entschied sich Wilhelm Lechner, nachdem er bei der Wehrmacht abgelehnt worden war, in die Brigade Dirlewanger einzutreten. Er schrieb an seine Frau, ihm sei ein Beitritt zur Waffen-SS sehr unangenehm, er könne aber nur so in Freiheit kommen. Außerdem bekomme seine Familie dadurch höhere Fürsorgezahlungen sowie eine bessere soziale Absicherung auch nach seinem Tod. Die SS-Sondereinheit Dirlewanger wurde ab 1940 von Heinrich Himmler zunächst aus rechtskräftig verurteilten Wilderern als „Wilddiebkommando Oranienburg“ gebildet.

Sie veränderte im Laufe der Jahre ihren Status und ihre Größe von einem Sonderkommando über eine Bataillons- und Regimentsstärke hin zu einer Brigade. Diese Brigade Dirlewanger war sehr gefürchtet, denn sie zeichnete sich durch eine - selbst für SS-Einheiten außerordentliche - Grausamkeit und Brutalität aus.

Häftlingen aus Konzentrationslagern - vor allem mit grünen und schwarzen Winkeln - wurde ihre Entlassung gegen den Eintritt in diese Brigade angeboten. Wilhelm Lechner verließ am 8. August 1944 Leonberg, er kam ins Konzentrationslager Sachsenhausen, vermutlich zu Schulungszwecken, und Anfang September dann nach Warschau.


Tod in Warschau

Wilhelm Lechner wurde bei der Niederschlagung des Warschauer Aufstands im Häuserkampf eingesetzt. Der Warschauer Aufstand war die militärische Erhebung der Polnischen Heimatarmee gegen die deutsche Besatzung vom 1. August bis zum 2. Oktober 1944. Ihr Ziel war die Befreiung Warschaus vor dem Eintreffen der Roten Armee. Der Aufstand endete mit der Kapitulation der Polen, über 150.000 zivilen Opfern und der fast vollständigen Zerstörung Warschaus durch die deutschen Truppen.

Am 8. September schrieb Wilhelm Lechner seinen letzten Feldpost-Brief an seine Frau. Am 1. Oktober 1944 erhielt sie vom Kompanieführer die Nachricht, dass Wilhelm Lechner am 16. September 1944, im Alter von 35 Jahren, in Warschau gefallen ist.


Text und Recherche

  • Bettina Gütschow, April 2026

Quellen

  • Staatsarchiv München: JVA München 14163 und JVA München 8563.

  • Stadtarchiv München: DE-1992-EWK-78-L-29-Lechner-Wilhelm.

  • Stadtarchiv München: DE-1992-PMB-L-61-Lechner-Matthias.

  • Stadtarchiv München: DE-1992-Standesamt-Muenchen-III-Nr-780-1909-Geburtenbucheintrag-Lechner-Wilhelm.

  • Stadtarchiv München: DE-1992-Standesamt-Muenchen-III-Nr-1466-1930-Aufgebotsunterlagen-Lechner-Wilhelm.

  • Stadtarchiv München: DE-1992-Standesamt-Muenchen-III-Nr-1466-1930-Heiratsbucheintrag-Lechner-Wilhelm.

  • Stadtarchiv München: DE-1992-Standesamt-Muenchen-II-Nr-438-1948-Sterbebucheintrag-Lechner-Wilhelm.

Literatur

  • Eberle, Annette: „Asoziale“ und „Berufsverbrecher“. Dachau als Ort der „Vorbeugehaft“. In: Benz, Wolfgang / Königseder, Angelika (Hrsg.): Das Konzentrationslager Dachau. Geschichte und Wirkung nationalsozialistischer Repression. Metropol-Verlag, Berlin 2008, Seite 253–268.

  • Korsten, Holger: „Also Herzl…“ - Wilhelm Lechner: Wilddieb, KZ-Häftling, SS-Schütze. In: Eberhard Röhm (Hrsg.): Die Schicksale von sieben Häftlingen des KZ Leonberg. Biographien Leonberger KZ-Häftlinge Band 2, KZ-Gedenkstätteninitiative Leonberg e. V., Leonberg 2017, Seite 227-328.

  • Zamecnik, Stanislav: Das war Dachau, Dachau 2010.

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Martin Laupheimer

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Karoline Lehmann, geb. Freund