Karl Nehm

 

Geboren am 4. Oktober 1862 in Wassertrüdingen
Gestorben am 3. September 1938 in München

 

Herkunft

Karl Nehm wurde als zweites Kind der Eheleute Nathan und Adelheid Nehm, geb. Badmann, in Wassertrüdingen geboren. Sein Vater war einer der Viehhändler des Ortes. Er hatte noch drei Geschwister: eine ältere Schwester, Nanette, geboren am 3. Juni 1860, eine jüngere Schwester, Amalie Miriam, geboren am 4. Januar 1864 und einen jüngeren Bruder Salomon, geboren am 20. Februar 1872.

Der mittelfränkische Ort Wassertrüdingen, 65 km südlich von Nürnberg, hatte bei der Volkszählung im Jahr 1925 gut 1600 Einwohner, von denen die überwiegende Mehrheit evangelisch war, ca. 120 waren katholischen und 28 Einwohner jüdischen Glaubens. Zu der Zeit, in der Karl Nehm geboren wurde, war die jüdische Gemeinde in Wassertrüdingen eine blühende Kultusgemeinde mit 145 Mitgliedern, die sich zwischen 1859 und 1861 „eine neue, in sehr gefälligem Style erbaute, zweckmäßig eingerichtete Synagoge“ im Zentrum des Ortes errichtet hatte (zitiert nach https://hdbg.eu/juedisches_leben/gemeinde/wassertruedingen/968#).

Marktplatz Wassertrüdingen, Postkarte von 1905

In der Reichspogromnacht, am 10. November 1938, lebten nur noch sieben Juden in Wassertrüdingen, die nach dieser Nacht und der daraus folgenden erzwungenen Abgabe ihres Vermögens ausgewiesen wurden. Am 2. Januar 1939 konnte der NS-Landrat die traurige „Erfolgsmeldung“ an den Regierungspräsidenten von Mittel- und Oberfranken machen, dass Wassertrüdingen „nun judenfrei“ sei.


Vita

Über das Leben von Karl Nehm ist sehr wenig bekannt. Wir wissen nicht einmal, welchen Beruf er ausgeübt hatte und womit er seinen Lebensunterhalt verdiente, ob er der Familientradition folgend wie sein Vater und jüngerer Bruder ebenfalls Viehhändler war. Geheiratet und eine eigene Familie gegründet hatte er nicht. Er blieb ledig.

Im Januar 1930 - im für die damalige Zeit schon höheren Alter von 67 Jahren, im Rentenalter also – kam er nach München. Der Grund für diesen Ortswechsel lässt sich nicht mehr herausfinden. Möglicherweise hatten rechtsextreme Bewegungen, die bereits in den 1920er Jahren große Erfolge in Wassertrüdingen feierten, den Juden das Leben schon vor der „Machtergreifung“ schwer bis unerträglich gemacht.

Seine damals schon verwitwete ältere Schwester Nanette war 1923 nach München gezogen. Vielleicht lebte Karl Nehm die erste Zeit bei ihr, um das Leben in der Großstadt kennenzulernen. Er meldete sich jedenfalls erst fünf Monate nach seiner Ankunft in München, am 1. Juni 1930, mit einer eigenen Adresse in der Lindwurmstraße 45 polizeilich an.

Nicht nur in Wassertrüdingen, auch in seiner Münchner Zeit hat Karl Nehm außer in den Eintragungen auf der Einwohnermeldekarte kaum Spuren hinterlassen. Im Staatsarchiv München finden sich keine Archivalien über ihn. Er war Kleinrentner, das heißt, dass dort keine Unterlagen zu Einkommensteuer-Erklärungen, Rückerstattungsakten oder sonstige Dokumente von ihm vorliegen. Er wird ein bescheidenes Leben geführt haben, das, seit die Nationalsozialisten an die Macht gekommen waren, mit jedem Jahr beklemmender, eingeschränkter, schwerer wurde.

1936 rückten der ledige Bruder und die verwitwete Schwester näher zusammen und waren seit Juli unter der gleichen Adresse, der Pettenkoferstraße 24, gemeldet.

Sein Todesdatum gehört zu den wenigen Informationen, die nachweisbar sind: Karl Nehm starb am 3. September 1938 in München und wurde auf dem Neuen Israelitischen Friedhof beerdigt.


Das Schicksal seiner Geschwister

Seine ältere Schwester Nanette Nehm heiratete den Kleiderhändler Julius Gutmann aus Münsterappel, in der Nähe von Frankfurt. Das Ehepaar hatte zwei Kinder, Berta und Sigmund, die in Neuburg an der Donau geboren wurden. Fünf Jahre nach dem Tod ihres Mannes zog sie 1923 nach München, von wo aus sie am 17. Juni 1942 nach Theresienstadt deportiert wurde. Ihr Todesdatum ist unbekannt.

Seine jüngere Schwester Amalia Miriam Nehm war auch ledig und gehörte zu den sieben Juden, die in der Reichspogromnacht noch in Wassertrüdingen lebten. Im Zuge dieser Nacht wurden sie des Ortes verwiesen. Amalia Miriam Nehm floh mit ihrem jüngeren Bruder Salomon nach München. Von dort wurde sie zusammen mit ihrer Schwester Nanette Gutmann am 17. Juni 1942 nach Theresienstadt deportiert. Mit ihren 78 Jahren waren ihre Kräfte in dieser grauenhaften Umgebung bald am Ende. Am 4. Oktober 1942 fiel Amalie Nehm der physischen und psychischen Gewalt im Konzentrationslager zum Opfer.

Sein jüngerer Bruder Salomon Nehm war Viehhändler und Landwirt. Er heiratete Klara Winter, die ebenfalls aus einer Viehhändler-Familie in Wassertrüdingen stammte. Sie hatten drei Kinder. In der Reichspogromnacht verwüsteten die Nationalsozialisten ihr Haus und nahmen Salomon Nehm in „Schutzhaft“. Angesichts dieser völlig grundlosen Verhaftung ihres Mannes und barbarischen Zerstörung ihres Eigentums sprang Klara Nehm aus dem Fenster ihres Hauses. Nach der Freilassung ihres Mannes flohen sie, ihres Eigentums beraubt, Hals über Kopf nach München. Dort wurde Salomon Nehm in der Flachsröste Lohhof als Zwangsarbeiter eingesetzt. Am 22. Juli 1942 wurden sie nach Theresienstadt deportiert, wo Salomon Nehm am 11. März 1943 ermordet wurde. Seine Frau wurde am 9. Oktober 1944 nach Auschwitz deportiert und dort am 31. Dezember 1944 ermordet.


Gedenken

Die Grabstätte von Karl Nehm, die nach fast 90 Jahren inzwischen völlig verwittert ist, wird im Zusammenhang mit dem Gräberprojekt der ErinnerungsWerkstatt München e. V. im Laufe des Jahres 2026 umfassend restauriert. 

Grabstein Karl Nehm, Neuer Israelitischer Friedhof Sektion 18, Reihe 14, Grab 12, Foto privat


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Curt Moskovitz

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Alice Neuburger, geb. Gutmann