Dr. Emil Kraemer

 

Justizrat Emil Kraemer (Bild: Bayerisches Wirtschaftsarchiv F 20 / 383)

Geboren am 11. August 1877 in Worms

Gestorben am 10. November 1938 in München

Die Überschrift „Wir fahren zum Juden Geld holen !“ ist keine Formulierung des Autors, sondern ein Originalzitat aus einer historischen Akte zu Emil Kraemer. Die Hitlerjugend bedrohte  in der Reichspogromnacht  vermeintlich vermögende jüdische Mitbürger und erpresste von ihnen Geld. Bei den Erpressungen blieb es aber nicht. Es gab in der Folge zwei Selbstmorde, oder diese wurden zumindest dann als solche dargestellt. Die Erinnerung an das in  jener Nacht zu Tode gekommene Ehepaar Emil und Elisabeth Kraemer verblasst. In einer Chronik der Hauck & Aufhäuser Privatbankiers fand ihr ehemaliger Mitinhaber nur eine kurze Erwähnung, obwohl er zu jener Zeit zur Wirtschaftselite Münchens gehörte. Die beiden Toten in der Reichspogromnacht werfen Fragen auf.

Herkunft

Emil Kraemer war der jüngste von drei Söhnen des Ehepaares Menior Maximilian Kraemer, Kaufmann in Worms, und seiner Frau Berta, geborene Lohnstein. Der Vater wurde 1836 im schlesischen Ratibor, im heutigen Polen, geboren. Er war wohl Mitte der 1860er Jahre nach Worms gekommen. Seine Mutter, die auch Bela genannt wurde, wurde 1844 in Worms geboren. Sie stammte aus einer alteingesessenen Familie, die in Worms die Firma A. Lohnstein, Hoflieferant, besaß. Die Lohnsteins betrieben in Worms und Umgebung das größte Fachgeschäft für Haushalts- und Porzellanwaren. Die Eltern von Emil Kraemer hatten am 27. März 1866 in Worms geheiratet. Emil kam am 11. August 1877 zur Welt. Er hatte zwei ältere Brüder: August, der am 11. August 1867 und Paul, der am 10. November 1871 geboren wurde.

Emil Kraemers Mutter starb bereits wenige Wochen nach seiner Geburt am 7. November 1877. Emil Kraemer war da gerade drei Monate alt. Zu seiner Kindheit und Jugend konnten wir wenig finden. Ab dem Schuljahr 1886/87 besuchte er das Großherzogliche Gymnasium in Worms, wo er 1895 seine Reifeprüfung ablegte.


Studium / München

Mit dem Sommersemester 1895 hatte Emil Kraemer das Jurastudium an der Ludwig-Maximilians-Universität München aufgenommen. Anders als sein Bruder Paul, der auch in München das erste Semester absolviert hatte, dann aber in Berlin, Straßburg und Gießen weiterstudierte, blieb Emil Kraemer in München. 1902 legte er die Staatsprüfung ab und wurde am 6. Mai 1903 in München als Anwalt zugelassen. Er war damals in die Kanzlei des Justizrates Dr. Dürck und Albert Obermeier eingetreten.


Heirat

Mit dem abgeschlossenen Studium und der erfolgten beruflichen Weichenstellung gab es auch Entwicklungen im Privatleben. Im Vorabendblatt der Münchner Neuesten Nachrichten vom 29. September 1903 gab er seine Verlobung mit Elisabeth Lebrecht bekannt:

Verlobungsanzeige in den Münchner Neuesten Nachrichten vom 29.September 1903

Elisabeth Lebrecht, geboren am 19. März 1884 in München, war die Tochter des Bankiers, Handelsrichters und Magistratsrates Simon Lebrecht (1854-1911). Am 18. Januar 1904 heirateten die beiden in München.  Ihre Ehe  blieb kinderlos.   

Beruflich war Emil Kraemer zunächst als Anwalt, Nachlass- und Konkursverwalter tätig und nahm zahlreiche Mandate als Aufsichtsrat wahr.

So war er z. B. 1907 Aufsichtsrat bei der Eisengießerei- und Maschinenfabrik München-Friedenheim AG, der Eisenwerkgesellschaft Maximilianshütte, der Balkanhandelsgesellschaft mbH, dem Bürgerlichen Brauhaus Ingolstadt AG, der Union Werke AG, der Wohnungsbau AG München oder der Gemeinnützigen Wohnungsfürsorge AG München, um nur einige zu nennen.

Wie in diesen Kreisen üblich erfolgte schließlich die Ernennung zum Kommerzienrat am 1. Januar 1913.

Am 5. April 1914 starb sein Vater. Er ist auf dem jüdischen Friedhof „Heiliger Sand“, Grab 2953, in Worms bestattet. Die Familie besaß in Worms ein Haus in der Siegfriedstraße 31.

Zum 23. Oktober 1918 gab Emil Kraemer den Umzug seiner Kanzlei bekannt:

Münchner Neueste Nachrichten vom 22.10.1918

Seine Sozii, Albert Obermeier († 1914) und Dr. Karl Dürck († 1916), waren in der Zwischenzeit verstorben. Auffallend ist, dass die Anschrift der Kanzlei nun die Löwengrube 20 ist. Hinter dieser Anschrift verbarg sich das „H. Aufhäuser Bankhaus“. Es ist leider nicht bekannt, wann er das erste Mal für Aufhäuser tätig war. Den Schwerpunkt seiner beruflichen Tätigkeit dürfte aber zu diesem Zeitpunkt vermutlich schon das Bankhaus Aufhäuser dargestellt haben. Er wurde Syndikus des Bankhauses und war ab März 1921, neben Siegfried und Martin Aufhäuser, persönlich haftender Gesellschafter, also Teilhaber des Bankhauses. Das Bankhaus Aufhäuser, gegründet 1870, zählte zu den führenden Privatbanken Deutschlands.

Das Ehepaar Kraemer zog im Oktober 1922 in die Habsburgerstraße 10, was bis zu ihrem Tod ihr Wohnsitz bleiben sollte.

Im Jahre 1925 wurde ihm der Titel Justizrat „für eine über zwanzig Jahre währende unbeanstandete Anwaltstätigkeit“ verliehen.


Zeit im Nationalsozialismus

Schon sehr schnell bekam Emil Kraemer die schrittweise Ausgrenzung und Entrechtung der Juden und Jüdinnen zu spüren. Durch das im April 1933 erlassene Gesetz über die Zulassung zur Rechtsanwaltschaft verloren viele jüdische Anwälte ihre Zulassung und damit ihre Existenzgrundlage. Emil Kraemer war trotz seiner Tätigkeit im Bankhaus Aufhäuser über die Jahre anwaltlich tätig geblieben, etwa durch außergerichtliche Beratung von Personen und Firmen in Aktienrechtsfragen, bei der Ordnung von Schwierigkeiten großer Unternehmen wie bei Obpacher oder bei Testamentsvollstreckungen, Nachlass-Auseinandersetzungen und Familienrechtsangelegenheiten.

Anfangs sah es so aus, als ob Emil Kraemer seine Zulassung über das sogenannte „Frontkämpferprivileg“ behalten könnte. Anwälte, die bereits vor 1914 im Beruf waren oder als Soldaten im Ersten Weltkrieg gekämpft hatten, durften zunächst weiterarbeiten. Kraemer, der seine Zulassung seit 1903 hatte, schrieb am 12. September 1933 an die Münchner Anwaltskammer und bat darum, ihn im Anwaltsdienst zu belassen. Bereits am 20. September teilte der Präsident des OLG München der Anwaltskammer die Löschung der Zulassung von Emil Kraemer mit. Er hatte nicht von der Tätigkeit als Anwalt gelebt, aber die Zulassung war sicherlich förderlich für sein Ansehen als Bankier.

Nach der Weltwirtschaftskrise hatte  das jüdische Bankhaus ab 1933 auf eine deutliche Besserung der Lage gehofft. Mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 wurden die Geschäfte aber bedeutend schwieriger. Statt eines Aufschwunges musste das Bankhaus einschneidende Geschäftsrückgänge hinnehmen. Kunden gaben ihre Geschäftsbeziehungen zum jüdischen Bankhaus auf, um selbst möglichen Sanktionen durch die NSDAP zu entgehen. Jüdische Kunden verließen Deutschland, und so verlor man auch deren Konten. Martin Aufhäuser und Dr. Emil Kraemer, die jeweils eine große Zahl von Aufsichtsratsmandaten innehatten, wurden aus ihren Ämtern gedrängt, und so verlor man auch hier an Einfluss.

Die Krise, in die das Bankhaus seit der nationalsozialistischen  Herrschaft geraten war, spitzte sich  zunehmend zu.

„In dieser Situation sahen die Gesellschafter im Frühjahr 1938 keinen anderen Weg mehr, als sich dem politischen Druck zu beugen und die Bank in „arische“ Hände zu überführen.“ (Moser/Winkler, Seite 90).

Über Monate hatte man Verhandlungen geführt und zum 7. November 1938 einen neuen Gesellschaftervertrag verhandelt, der auch vom Reichswirtschaftsministerium in Berlin gebilligt wurde. Die bisherigen Komplementäre, die persönlich haftenden Gesellschafter Martin und Siegfried Aufhäuser sowie Emil Kraemer, sollten ausscheiden. Diese hätten durch Josef Bayer, langjähriger Mitarbeiter, Generalbevollmächtigter und Vertrauter der Familie Aufhäuser, sowie durch Fritz Seiler, Mitinhaber eines Hamburger Bankhauses, ersetzt werden sollen. Die Familie Aufhäuser wäre als Kommanditist, also über eine reine Geldeinlage, dem Bankhaus verbunden geblieben.

Doch die Verwirklichung dieser Pläne zerschlug sich förmlich über Nacht.


Geschehnisse in der Reichspogromnacht in München

Am 9. November 1938 gedachten in München zahlreiche NSDAP-Parteifunktionäre und „alte Kämpfer“ des gescheiterten Putschversuches von 1923 u. a. mit einem Gedenkmarsch. Hitler nahm an diesen „Feierlichkeiten“ teil. Es folgte ein Kameradschaftsabend im Alten Rathaus.

Der Propagandaminister Joseph Goebbels hielt im Laufe des Abends des 9. November 1938 eine verhängnisvolle Rede.

„Dabei rief er zur Vergeltung auf für die Schüsse, die zwei Tage zuvor von einem in Deutschland aufgewachsenen polnischen Staatsbürger jüdischen Glaubens in Paris auf den deutschen Diplomaten Ernst vom Rath abgegeben worden waren. Diese Rede war der Auslöser für die beschönigend auch als ‚Kristallnacht‘ bezeichneten Pogrome, in deren Verlauf im gesamten Deutschen Reich Synagogen zerstört, jüdische Geschäfte demoliert und geplündert, Juden aus ihren Wohnungen getrieben, misshandelt, zu Zehntausenden in Konzentrationslager verschleppt und zu Dutzenden ermordet wurden.“

(NS-Dokumentationszentrum München)

Im Jahr 2000 wurde im Foyer des Alten Rathauses eine Tafel im Gedenken an dieses Ereignis angebracht. (Foto: privat)

Auch in München kam es zu schweren Ausschreitungen in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938. Es wurden zahllose Geschäfte und Wohnräume jüdischer Mitbürger verwüstet. Die Geschäftsräume des Bankhauses Aufhäuser, an dem Emil Kraemer Teilhaber war, waren davon ebenfalls betroffen.

Allein in München wurden am 10. November 1938 mehr als 1.000 jüdische Männer ins KZ Dachau verschleppt und dort für Wochen und Monate festgehalten, gedemütigt, gequält und in Einzelfällen ermordet. Martin Aufhäuser, einer der Mitinhaber des Bankhauses, war unter den Verhafteten. Sein Bruder und ebenfalls Mitinhaber, Siegfried Aufhäuser, blieb als englischer Staatsbürger und schwedischer Generalkonsul, von der Verhaftung verschont. In Dachau wurden in dieser Nacht 24 Menschen getötet.

Zusätzlich begingen in diesen Tagen Menschen Suizid, weil sie sich in einer verzweifelten, ausweglosen Situation sahen. Emil Kraemer und seine Frau Elisabeth gehörten zu den Menschen, die in dieser Nacht umkamen. Lange Zeit ging man von Selbstmord aus. Die Sterbeurkunden legen diesen Schluss nahe, wird dort doch „Selbstmord“ dokumentiert. Was geschah in dieser Nacht bei dem Ehepaar Kraemer? Im Bundesarchiv gibt es eine Akte, die erahnen lässt, was in jener Nacht wirklich geschehen sein  könnte.


„Komm wir fahren zum Juden Geld holen!“ –
Der Tod des Ehepaares Kraemer - Suizid, Totschlag oder Mord?

Fakt ist, dass am Morgen des 10. November 1938 das Ehepaar Kraemer verstarb. Glaubt man den Sterbeurkunden, stürzte sich der verzweifelte Bankier aus dem Fenster des 2. Stocks und erlag später im Krankenhaus seinen schweren Verletzungen. Seine Frau, so lesen wir es in deren Todesurkunde, soll Suizid durch Vergiftung begangen haben. Wir neigen dazu, amtliche Sterbeurkunden als korrekt zu betrachten. Es gibt keine lebenden Zeugen der Geschehnisse jener Nacht, und die Sterbeurkunden würde niemand mehr anzweifeln, wäre nicht nach dem Krieg eine neue Akte aufgetaucht. In dieser Untersuchungsakte sind die Handlungen der Hitlerjugend in München in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 untersucht und festgehalten.

An der Veranstaltung im Alten Rathaus hatte auch der HJ-Obergebietsführer für das Hochland, Emil Klein (1905-2010), teilgenommen. Nach Goebbels antisemitischer Hetzrede eilte er von dort ins Prinzregententheater, wo er andere HJ-Führer traf und ihnen den Inhalt dieser Rede mitteilte. Es entstand die Idee, von reichen jüdischen Mitbürgern Geld zu erpressen, oder wie sie es bei späteren Vernehmungen bezeichneten, „freiwillige Sühnezahlungen“ einzuwerben. Aufgesucht wurden in dieser Nacht z. B. Paul Bernheimer, Otto Bernheimer, Sanitätsrat Dr. Max Cohn, Max Uhlfelder und eben auch das Ehepaar Kraemer.

Die nächtliche Aktion der Hitlerjugend Hochland zog Kreise bis nach Berlin. Aus einer Aktennotiz ist zu entnehmen, dass Hermann Goering sagte, „dass sich die Partei von Juden ja kein Geld schenken lassen könnte und außerdem nicht glaubhaft sei, dass der Jude Bernheimer ausgerechnet in dieser Nacht um 12 Uhr an Parteigliederungen Geld verschenkt hat.“ Ferner wird Goering zitiert, dass er solche versuchten Täuschungen nicht gelten lasse und alle, die Erpressungen bei Juden versucht oder durchgeführt hätten, als Erpresser behandelt werden. Statt vor ordentliche Gerichte, kommen die Ereignisse jener Nacht wenige Wochen später vor ein Parteigericht. Der HJ-Führer Klein, Anführer der Aktion, hat gute Kontakte, u. a. zum Gauleiter Wagner. Statt um Erpressung oder gar Körperverletzung, Totschlag oder Mord, geht es bei der Untersuchung nur um die Frage, ob sich die Beteiligten persönlich bereichert hätten.

Die erhaltenen Vernehmungsprotokolle erwecken den Verdacht, dass die involvierten Führer der Hitlerjugend vorab ihre Aussagen abgesprochen hatten.

Bemerkenswert ist, dass der Besuch bei Emil und Elisabeth Kraemer von allen Beteiligten nur sehr „einsilbig“ geschildert wurde. Wurden über andere Aufgesuchte Details berichtet, fasste man sich hier auffällig kurz.

Nach Aussage von Richard Bauschmid, Oberbannführer der Hitlerjugend Hochland, sei der Rechtsanwalt Emil Kraemer „sehr arrogant und frech“ aufgetreten. Zunächst zogen die Schergen ohne Geld ab. Scheinbar wollte man das nicht auf sich sitzen lassen. Das Ehepaar Kraemer erhielt in dieser Nacht ein zweites Mal Besuch von der Hitlerjugend. „Dort angelangt klingelten wir ihn heraus und erklärten, bei ihm wäre eine Kommission gewesen, der gegenüber er sich ungebührlich benommen hätte, er müsse mit.“ … „Wir gaben ihm Gelegenheit, eine Hose anzuziehen und einen Mantel über die Schlafjacke zu nehmen. Seine Hausschuhe hatte er gleichfalls an. Auf der zunächst planlosen Fahrt mit dem Juden kamen mir Bedenken, den Auftrag auszuführen, zumal es mehr darum ging, Geldbeträge für die HJ bei ihrer dauerhaften finanziellen Notlage sicherzustellen.“ Man fuhr Kraemer dann ins Büro, wo er einen Scheck über 4.000 RM ausgestellt haben soll. „Wir brachten Kraemer in seine Wohnung zurück“.

Vor den Verhören „verplapperte“ Bauschmid sich während einer Autofahrt. Sinngemäß hatte er gesagt. „Sie hätten wohl zu toll zugeschlagen, so dass ein Jude hätte dran glauben müssen.“ Beim späteren Verhör bestritt er „Gewaltmaßnahmen angewandt zu haben“.

Ob Emil Kraemer diese fast schon „höfliche“ Vorgehensweise der Hitlerjugend zu bedrohlich fand, so dass er sich im Anschluss aus dem Fenster seiner Wohnung im 2. Stock stürzte oder er so malträtiert wurde, dass er den Verletzungen erlag? Hier mag sich jeder sein eigenes Bild machen. 

Über den plötzlichen Tod des Bankiers berichtete sogar die britische Times vom 11. November 1938.


Gedenken

Das Grab der Eheleute Kraemer befindet sich auf dem Neuen Israelitischen Friedhof in München und wurde mit Mitteln der ErinnerungsWerkstatt München wieder in einen würdigen Zustand versetzt. Trotz mehrfacher Nachfragen konnte sich das Nachfolgeinstitut des Bankhauses, an dem Emil Kraemer einmal Teilhaber war, nicht für eine Kostenbeteiligung entschließen

Das Grab der Eheleute Kraemer vor der Pflege durch die ErinnerungsWerkstatt

Das Grab im Sommer 2026, nachdem es             gereinigt und fehlende Buchstaben ergänzt             wurden. (Bilder: privat)


Schicksal weiterer Angehöriger

Der älteste Bruder, August Kraemer, geboren am 11. August 1867 in Worms, heiratete in Berlin am 23. Oktober 1925 die Berlinerin Liesbeth Marie Ernestine Kleinschmidt. Er verstarb am 14. September 1935 in Berlin.

Sein Bruder Dr. jur. Paul Kraemer, geboren am 10. November 1871 in Worms, besuchte das Großherzogliche Gymnasium in Worms und das Ludwig-Georg-Gymnasium in Darmstadt, wo er am 20. September 1892 das Reifezeugnis erhielt. Noch im gleichen Jahr begann er sein Jurastudium in München, wo er für das Wintersemester 1892/93  immatrikuliert war. Er studierte auch in Berlin, Straßburg und Gießen. 1895 legte er in Gießen die Fakultätsprüfung ab. Ab Juni 1897 war er beim Justizrat Friedrich Carlebach in Mainz tätig. Bevor er seine eigene Kanzlei als Rechtsanwalt in Worms eröffnete, war er bei der Firma August Klönne in Dortmund als Justiziar tätig. Er heiratete am 12. Juli 1922 die in San Francisco geborene Getrude Bauer. Deren Eltern stammten ursprünglich aus Deutschland. Das Paar wurde im Januar 1933 geschieden. Paul Kraemer besaß in Worms ein Haus in der Siegfriedstraße 31. Dort lebte und arbeitete er als Rechtsanwalt bis zu seinem Tod im Jahr 1935. Dr. jur. Paul Kraemer ist auf dem jüdischen Friedhof in Worms bestattet.


Bankhaus H. Aufhäuser – eine kurze Firmengeschichte

Mit gerade einmal 28 Jahren meldete am 14. Mai 1870 Heinrich Aufhäuser, geboren am 1. März 1842, bei der Stadt München den Betrieb eines Bankgeschäfts „Aufhäuser & Scharlach“ an. Mit Samuel Scharlach fand er einen Teilhaber, der das notwendige Eigenkapital aufbringen konnte und dem in Bankgeschäften weitaus erfahreneren Heinrich Aufhäuser die Geschäftsführung überließ. Schon 1871 erzielte das Bankhaus einen Gewinn in Höhe von mehr als 34.000 Gulden, was heute etwa 650.000 EUR entsprechen dürfte. Vor allem in den kommenden drei Jahrzehnten bildete der Handel mit Wertpapieren die tragende Säule des Bankhauses.

1894, nachdem Heinrich Aufhäuser seinen ehemaligen Partner Scharlach ausbezahlt hatte, firmierte das Unternehmen fortan als Bankhaus H. Aufhäuser. Das Bankhaus expandierte und 1899 zog man in die Löwengrube 20 um. Das Anwesen hatte er 1894 gekauft und als Bankhaus umbauen lassen.

Münchner Neueste Nachrichten, 26.9.1917

Sein ältester Sohn, Martin Aufhäuser, wurde 1901 Teilhaber des Münchener Bankhauses. Er hatte sich das nötige Rüstzeug für seine Bankierslaufbahn mit einer Lehre in einer Frankfurter Privatbank erworben. Am 25. September 1917 verstarb der Firmengründer Heinrich Aufhäuser, und sein Sohn Martin übernahm die Leitung der Bank.

Sein Bruder Siegfried Aufhäuser wurde 1921 zusammen mit Emil Kraemer Teilhaber des Bankhauses H. Aufhäuser. Siegfried Aufhäuser hatte das Bankgeschäft in London gelernt und Dr. Emil Kraemer war Jurist und schon seit Jahren als Syndikus für das Unternehmen tätig.

Mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 wurden die Geschäfte bedeutend schwieriger für das Bankhaus. Es musste einschneidende Geschäftsrückgänge hinnehmen. In den Folgejahren wurden Martin Aufhäuser und Dr. Emil Kraemer, die jeweils eine große Zahl von Aufsichtsratsmandaten innehatten, aus ihren Ämtern gedrängt.

Trotz der wirtschaftlichen Bedeutung des Bankhauses und der guten Kontakte zum Ausland konnte 1938 eine „Arisierung“ der Bank nicht abgewendet werden. Die Ereignisse der Reichspogromnacht müssen traumatische Wirkung für die Geschäftsführung gehabt haben. Die Geschäftsräume der Bank wurden demoliert und der Mitinhaber Emil Kraemer starb unter mysteriösen Umständen. Martin Aufhäuser wurde in „Schutzhaft“ genommen und ins Konzentrationslager Dachau verschleppt. Unter diesen Vorzeichen wurde die „Arisierung“ verhandelt. Die Münchener Bank wurde umbenannt in „Seiler & Co.“ und trug den Namen des neuen persönlich haftenden Gesellschafters, Friedrich Seiler aus Hamburg.

Martin Aufhäuser emigrierte und verstarb 1944 in Los Angeles mit 68 Jahren als gebrochener Mann. Sein jüngerer Bruder verstarb im Januar 1949, ebenfalls in den USA. Damit waren alle ehemaligen Inhaber des Bankhauses H. Aufhäuser verstorben. Sie erlebten nicht mehr die Rückfirmierung der Bank in H. Aufhäuser im Jahr 1954.

Die Erben der Gebrüder Aufhäuser erhielten rückwirkend zum 21. Juni 1948 eine 40-prozentige Beteiligung am Kommanditkapital des Bankhauses als Entschädigung zugesprochen. Kurz darauf veräußerten die Erben aufgrund der Vorkommnisse in der Zeit des Nationalsozialismus ihre Beteiligung an der Bank. Damit sind seit 1955 keine Mitglieder der Aufhäuser-Familie mehr am Bankhaus H. Aufhäuser beteiligt.

Doch damit ist die Geschichte der Bank noch nicht zu Ende. Das Bankhaus firmiert heute unter den Namen Hauck Aufhäuser Lampe Privatbank AG, abgekürzt HAL. Sie ist nach wie vor eine deutsche Privatbank und hat heute ihren Hauptsitz in Frankfurt am Main.

1998 entstand zunächst aus der Fusion von Georg Hauck & Sohn Bankiers in Frankfurt am Main und dem Bankhaus H. Aufhäuser in München das Bankhaus Hauck Aufhäuser. 2016 wurde das Bankhaus vom chinesischen Mischkonzern Fosun übernommen und im März 2020 mit dem Bankhaus Lampe KG von der Oetker-Gruppe zur Hauck Aufhäuser Lampe Privatbank AG fusioniert. Im Mai 2024 gab die niederländische ABN Amro den Abschluss eines Kaufvertrages über alle Anteile der Bank bekannt, in dessen Zuge sie ab 2025 gemeinsam mit deren Bethmann Bank als Bethmann HAL firmiert.


Text und Recherche

  • Stefan Dickas, Oktober 2026

Quellen

  • Bundesarchiv Berlin, NS 28 126.

  • Hessisches Staatsarchiv Darmstadt, Akte G 21 B Nr. 5008, Auskunft vom 9.9.2026.

  • Justus-Liebig-Universität Giessen, Archiv, UAG, Stud. Mat., Paul Kraemer.

  • Rudi-Stephan-Gymnasiums Worms (Nachfolger des Großherzoglichen Gymnasiums),  Auskunft vom 7.9.2026.

  • Staatsarchiv München, Signatur FinA München 18096.

  • Stadtarchiv München, DE-1992-KOE-RAK-1055, DE-1992-STANM I-02738 (Urkunde 2642/38),

    DE-1992-STANM VI Land-04298 (Urkunde 1538/38), DE-1992-PMB-G 448.

Onlinequellen

Literatur

  • Budderus, Michael: „Wir fahren zum Juden Geld holen!“ Hitlerjugend, Antisemitismus, Reichskristallnacht, Seiten 13 – 156 im Jahrbuch des Archivs der Deutschen Jugendbewegung 18. 1993/98, Schwalbach 1998.

  • Hauck & Aufhäuser Privatbankiers (Hrsg.): Unabhängig – Persönlich – Unternehmerisch, Eine Chronik von Hauck & Aufhäuser Privatbankiers seit 1796, Frankfurt 2011, Seite 115.

  • Heusler, Andreas & Weger, Tobias: „Kristallnacht“ Gewalt gegen die Münchner Juden im November 1938, München 1998, Verlag Buchendorfer, Seite 95 ff.

  • Köhler, Ingo: Die „Arisierung“ der Privatbanken im Dritten Reich – Verdrängung, Ausschaltung und die Frage der Wiedergutmachung, München 2008, Verlag C. H. Beck, Seiten 141, 366-368 und 371.

  • Krauss, Marita (Hrsg.): Die bayerischen Kommerzienräte, München 2016, Volk Verlag.  Krauss, Marita (Hrsg.): Rechte Karrieren in München – Von der Weimarer Zeit bis in die Nachkriegsjahre, München 2010, Volk Verlag.

  • Moser, Eva & Winkler, Richard: Wegmarken – 125 Jahre Bankhaus H. Aufhäuser, Bankhaus Aufhäuser 1995.

  • Weber, Reinhard: Schicksal jüdischer Rechtsanwälte in Bayern, München 2006, R. Oldenbourg Verlag.

  • Wenzel, Georg: Deutsche Wirtschaftsführer - Lebensgänge deutscher Wirtschaftspersönlichkeiten, Hanseatische Verlagsanstalt, Hamburg 19

Zurück
Zurück

Berta Konn, geb. Franc

Weiter
Weiter

Martin Kraus