Geboren am 12. August 1885 in Jaroslaw, Galizien

Ermordet am 21. Januar 1940 im Konzentrationslager Sachsenhausen

 

Herkunft und Kindheit

Oskar Sandbank war das erste Kind von Samuel und Sara Sandbank, geborene Thurnheim. Er wurde am 12. August 1885 in Jaroslaw, Galizien, geboren.

Galizien war von Kaiser Joseph II. von Österreich im Jahr 1777 erworben worden und gehörte bis zum Ende des Ersten Weltkriegs zur österreichischen Monarchie, bevor es 1919 wieder Polen zugeschlagen wurde.

Mit neun Jahren zog Oskar Sandbank mit seiner Familie nach München. Dort wohnten sie die nächsten vier Jahre bei Verwandten der Mutter. Im Dezember 1898 zogen die Sandbanks nach Bad Tölz. Die Eltern eröffneten dort ein Bekleidungsgeschäft. Dazu später mehr.


Ausbildung und Beruf

Oskar Sandbank zog als Adoleszent nach München und legte 1905 ein gutes Abitur am Luitpold-Gymnasium ab. Danach studierte er Maschinenbau an der Technischen Universität. 1907 bestand er den Abschluss als Diplom-Ingenieur mit „Gut“. Innerhalb von München zog er danach mehrmals um. Ab 1910 arbeitete er vier Jahre lang in einem Ingenieurbüro in Dresden.

Vermutlich der damaligen euphorischen Stimmung in der Bevölkerung geschuldet, sein Vaterland verteidigen zu müssen, meldete er sich 1914 freiwillig zum Militärdienst. Dort diente er als Kadett im k. u. k. Eisenbahnregiment. Ursprünglich gehörte zum Aufgabenbereich des Eisenbahnregimentes der Bau, die Reparatur und der Betrieb militärisch genutzter Bahnstrecken, auch schmalspuriger Feldbahnen. Mit der Kriegsmobilmachung hörte das Friedensregiment als solches auf zu existieren. Seine Aufgaben gingen an ein Eisenbahn-Ersatzbataillon über, aus dem heraus die eigentlichen k. u. k. Eisenbahntruppen für den Fronteinsatz aufgestellt wurden.

In welchen Orten an der Front Oskar Sandbank eingesetzt war, lässt sich anhand der Etappenpost 163 vom 14. Dezember 1915 einordnen. Als Soldat war er an der Ostfront von Polen, Russland und Galizien. Ende 1915 fanden dort große Offensiven und Geländegewinne statt. Dafür bedurfte es enormer Eisenbahnbauarbeiten. Oskar Sandbanks Kenntnisse als Ingenieur waren dafür sicher unentbehrlich. Für seine Dienste erhielt er hohe Kriegsauszeichnungen. Generell wurden Tapferkeitsmedaillen oder Signum Laudis, sog. Zeichen des Lobes, für besonders gefährliche Bauarbeiten unter Feindbeschuss verliehen. Auch für die schnelle Wiederherstellung zerstörter Strecken oder für die erfolgreiche Versorgung unter schwierigen Bedingungen gab es hohe Auszeichnungen.

Nach Kriegsende, 1918, kehrte Oskar Sandbank zurück nach München. Die nächsten fünf Jahre arbeitete er als Ingenieur im damals bekannten technischen Büro von Diplom-Ingenieur E. Engelberg.

Im Jahre 1923 gründete er seine eigene Firma: O. Sandbank & Co.


Die Firma O. Sandbank & Co.

Firmenwerbung O. Sandbank & Co.
© Bayerisches Wirtschaftsarchiv S012 290

1. Das Unternehmen

Am 1. August 1923 gründete Oskar Sandbank die Firma O. Sandbank & Co. in der Schommerstraße 16, der heutigen Adolf-Kolping-Straße. Sein Bruder Moritz, der Diplom-Kaufmann und Ingenieur war, trat als Teilhaber ein. Die Firma hatte sechs Angestellte und firmierte als „Großhandel technischer Erzeugnisse aller Art“. Als Großhändler verkauften sie fremd produzierte Waren hauptsächlich an die Autoindustrie. Strategisch gut lag die Firma nah am Hauptbahnhof. Die Lieferwege waren kurz. Nicht zu beschaffende Ersatzteile konnten sie aber auch in ihrer eigenen Gießerei herstellen. Typischerweise war der eigene Guss von Ersatzteilen Sache spezialisierter Gießereien oder der Autoindustrie selbst.

Die unternehmerische Flexibilität der Brüder war eine Folge der Ersatzteilknappheit der 1920er Jahre. Nach dem Ersten Weltkrieg lagen der Pkw-Bestand und die Produktion noch unter dem Vorkriegsniveau. Die Ersatzteile für die unterschiedlichen Fahrzeugtypen, auch den ausländischen, waren schwer zu bekommen. Durch die eigene Gießerei der Teile überwand die Firma Engpässe. Sie machte sich von Lieferketten unabhängig und die Kunden gingen nicht leer aus. Dass die Brüder sowohl technisches als auch kaufmännisches Wissen mitbrachten, war ein entscheidender Faktor für ihren Erfolg. Die Auftragsbücher waren voll. Das Unternehmen lief gut.

Die nächsten fünfzehn Jahre trieben die Brüder den Erfolg von O. Sandbank & Co. stetig voran.

Gewerbeniederlegung O. Sandbank & Co.
© Staatsarchiv München

2. Die zwangsweise Niederlegung

Oskar und Moritz Sandbank besaßen immer noch die polnische Staatsangehörigkeit. Jegliche Versuche eingebürgert zu werden, schlugen fehl.

Im Oktober 1938 wurden die Brüder im Rahmen der sogenannten „Polenaktion“ deshalb gezwungen, Deutschland zu verlassen und nach Polen auszureisen.

Zum Hintergrund sei folgendes erklärt: die polnische Regierung hatte 1938 Sorge, dass viele polnische Juden, die im Ausland lebten, angesichts des nationalsozialistischen Terrors nach Polen zurückkehren könnten. Bereits im Frühjahr verabschiedete das polnische Parlament deshalb ein Gesetz, das es ermöglichte, Auslandspolen, die länger als fünf Jahre ununterbrochen außerhalb Polens gelebt hatten, die polnische Staatsbürgerschaft zu entziehen.

Im Oktober 1938 wurde außerdem angeordnet, dass die Pässe von im Ausland lebenden polnischen Staatsangehörigen ab dem 10. Oktober 1938 nur noch dann zur Einreise nach Polen berechtigten, wenn sie einen entsprechenden Prüfvermerk des polnischen Konsulats enthielten. Pässe ohne diesen Stempel sollten ab dem 30. Oktober automatisch ihre Gültigkeit verlieren.

Mit der sogenannten „Polenaktion“ wollte die nationalsozialistische Führung verhindern, dass die betroffenen Menschen durch den möglichen Entzug der polnischen Staatsbürgerschaft staatenlos wurden und Deutschland dadurch nicht mehr verlassen konnten. Auf Anweisung Heinrich Himmlers wurden deshalb Ende Oktober 1938 mindestens 17.000 aus Polen stammende Juden und ihre Nachkommen im Deutschen Reich verhaftet, ausgewiesen und gewaltsam über die polnische Grenze gebracht.

Die Abschiebungen kamen für die Betroffenen völlig überraschend. Die Polizei erschien meist früh am Morgen in ihren Wohnungen. Den Menschen wurde nur wenig Zeit gegeben, ihre Sachen zu packen. In der Regel durften sie nur ein kleines Gepäckstück und eine begrenzte Summe Geld mitnehmen.

Etwa 10.000 der Ausgewiesenen konnten in den ersten Tagen ins polnische Landesinnere weiterreisen, sofern sie dort Verwandte oder andere Angehörige hatten. Menschen ohne solche Kontakte wurden hingegen im polnischen Grenzort Zbąszyń interniert. Dort mussten im Winter 1938/39 zeitweise bis zu 8.000 Menschen unter äußerst schlechten hygienischen und schwierigen Lebensbedingungen ausharren. Erst nach Protesten der polnischen Regierung wurde die Abschiebungsaktion schließlich eingestellt.

Ob Oskar und Moritz Sandbank im Oktober 1938 zu Verwandten nach Jaroslaw reisen durften oder in Zbaszyń interniert wurden, lässt sich nicht nachverfolgen. Gesichert ist, dass sie nach etwa vier Wochen wieder von Polen nach München zurückkehrten.

Am 9. November 1938 wüteten die Pogrome in der Stadt. Jüdische Geschäfte wurden zerstört und geplündert. Auf Anordnung des Städtischen Gewerbeamtes mussten die Brüder Sandbank bereits am 10. November 1938 den Betrieb ihrer Firma beenden. Auf dem Formular der Gewerbeniederlegung desselbigen Tages stand schon der Firmennachfolger fest: F. W. Lantermann & Co. (Anmerkung der Autorin: Da die Schreibweise seines Namens in den historischen Dokumenten uneinheitlich ist, verwende ich in dieser Biografie die am häufigsten vorkommende Variante „Lantermann”.)

Fünfzehn Jahre Firmenbetrieb endeten abrupt. Fünfzehn Jahre wirtschaftlicher Existenz wurden an einem Tag vernichtet. Das Gewerbe der Firma O. Sandbank & Co. wurde am 1. Februar 1939 offiziell niedergelegt.

3. Der Kampf um die Firma

Die Nationalsozialisten hatten schon vor deren Vernichtung die jüdische Firma im Visier. Ein Auskunftsersuchen der Industrie- und Handelskammer Regensburg vom 21. Oktober 1935 fragte an, ob es sich bei O. Sandbank & Co. um ein „arisches Unternehmen“ handeln würde. Die Wirtschaftskammer Bayern bestätigte drei Jahre später, am 28. Januar 1938, dass es sich bei der Firma „nicht um ein deutsches Unternehmen“ handelte.

Die Brüder Sandbank gaben die Hoffnung nicht auf, ihre Firma doch noch retten zu können. Dies belegen einige Briefwechsel zwischen ihnen und dem Finanzamt München von November 1938 bis Mitte 1939.

Schließlich entschieden sie sich auszuwandern. Dafür brauchten sie die sogenannte „Unbedenklichkeitsbescheinigung“. Moritz Sandbank schrieb am 18. April 1939 an das Finanzamt:

„Ich habe bereits unter Steuer-No. 90/6180 für die Jahre 1938/39 einen vorläufigen Einkommenssteuerbescheid erhalten, weil ich in der Annahme damals sofort auswandern zu können, am 20. Januar 1939 eine vorläufige Liquidationsbilanz für die Jahre 1938 and 1939 in einem abgegeben habe. Ich benötigte diese vorläufige Veranlagung nur als Grundlage für die Erteilung der Unbedenklichkeitsbescheinigung. Hiermit überreiche ich Ihnen die endgültige Steuererklärung für das Geschäftsjahr zum 31. Dezember 1938 mit Bilanz für obigen Zeitraum. Zur Feststellung meiner endgültigen Steuerschuld auch für das Jahr 1939 reiche ich auch meine Steuererklärung und Bilanz für die Zeit bis zu der Liquidation unseres Betriebes vom 28. Januar 1939 ein. Ich bitte daher auch um die endgültige Einkommenssteuerveranlagung für 1939, da ich nach Zusicherung maßgebender Stellen demnächst werde auswandern können. Gleichzeitig bitte ich ergebenst von einer Berechnung eines Zuschlages gütigst absehen zu wollen, da ich bloß eine Berichtigung hiermit einreiche und die vorläufige Steuererklärung bereits am 20. Januar 1939 abgegeben habe.“

Alle Bemühungen blieben erfolglos. Im Mai 1939 folgte ein letzter Einspruch beim Finanzamt. Am 20. November 1939 wurden die Brüder Sandbank verhaftet und in das Gefängnis im oberfränkischen Hof gebracht.

Luise Sandbank, die Schwägerin von Oskar, übernahm die Angelegenheiten der beiden Brüder. Sie schrieb am 2. November 1939 an das Finanzamt, dass sie die zugestellten Schreiben nicht weiterleiten könne, da ihr Mann und ihr Schwager interniert seien. „Ich möchte sie daher höflichst bitten die Angelegenheit vorderhand zurückzustellen und sich an Herrn Rudolf Vogt hier, Friedrichstraße 34, der die Bilanzen machte, zu wenden.“

Rudolf Vogt war der langjährige Steuerberater der Firma. Auf seinem Briefkopf prangte ein großes Schwert mit Adler, Waage und Hakenkreuz in rot-schwarzer Farbe. Dass er sich um die Steuerangelegenheiten der jüdischen Firmenbesitzer kümmerte, ist verwunderlich. Doch die ersten Risse des Mandats machten sich im Juli 1938 bemerkbar. Vogt berichtete dem Finanzamt von „zurückliegenden Unredlichkeiten“. Und am 2. Januar 1940 schrieb er:

„Ich habe vorübergehend Urlaub von der Wehrmacht und möchte bei dieser Gelegenheit die obige Angelegenheit grundsätzlich erledigen… Nachdem ich grundsätzlich eine Vertretung ablehne, wovon ich nochmals bitte Kenntnis zu nehmen, kann ich Weiteres in Sachen Sandbank auch nicht mehr unternehmen. Nachdem der Einspruch von seiten der Herren Sandbank eingelegt wurde, kann ich denselben auch nicht zurücknehmen und ich glaube es für das Richtigste zu halten den Einspruch abzulehnen. Dies ist meine Meinung, ohne dem Ihrigen vorgreifen zu wollen.“

Rudolf Vogt ließ die Brüder im Stich.

Am 26. März 1940 nahm Luise Sandbank, im Namen ihres Mannes Moritz, den letzten Einspruch vom Mai 1939 gegenüber dem Finanzamt zurück. Zu der Zeit befand sich ihr Mann Moritz im Konzentrationslager Sachsenhausen. Ihr Schwager Oskar war bereits ermordet worden.
Der Kampf um ihre wirtschaftliche Existenz war endgültig verloren.

4. Die Arisierung

Nicht einmal einen Monat nach der erzwungenen Betriebsaufgabe erwarb F. W. Lantermann die Firma für einen Kaufpreis von 49.000 RM. Die Summe sollte auf ein sogenanntes Sperrkonto eingezahlt werden. Aber Lantermann hatte eigentlich kein Geld. Über ihn schrieb der Steuerberater Vogt am 1. Juli 1938 an das Finanzamt:

„…für Dubiose befindet sich auch in den Außenständen des Unternehmens allein ein einziger Schuldner mit rund RM 20000. Es ist dies ein Vertreter auf eigene Rechnung namens Lantermann, Gauting, dessen Schuldsaldo hoch aufgelaufen ist. Wie sich aber herausgestellt hat, ist dieser Mann besitzlos und es bestehen gerade in den ersten Monaten 1938 schon ernsteste Weiterungen über die Beitreibung dieses Guthabens. Zweifelsohne wird aber mit einem Großteil Verlust bei diesem Guthaben zu rechnen sein, sodass dafür das errichtete Delkredere Konto berechtigt erscheint…“

Selbst wenn Lantermann die 49.000 RM gezahlt haben sollte, hatten die Brüder Sandbank keinen Zugriff auf das Geld.

Der Firmen-Warenbestand wurde von der offiziellen Betriebsprüfungsstelle des Finanzamtes als „unbekannt“ angegeben. So konnte die komplette Ausbeutung und Vernichtung verschleiert werden.

Bis Dezember 1944 blieb die Firma Lantermann in der Schommerstraße 16. Danach wurde der Sitz nach Gauting verlegt. Später veräußerte Lantermann die Firma an Albert Groezinger. Welchen Kaufpreis er dafür erhielt, bleibt unbekannt.


Verfolgung, Deportation und Ermordung

Seit dem 20. November 1939 waren Oskar und Moritz Sandbank in Hof inhaftiert. Von dort aus wurden sie in das Konzentrationslager Sachsenhausen nach Oranienburg deportiert. Für gewöhnlich gingen die Transporte von Hof aus ins nähergelegene Dachau. Vermutlich ging es für sie nach Sachsenhausen, weil Dachau überfüllt war.

In Sachsenhausen angekommen, wurden die Brüder am 23. November 1939 registriert und erhielten ihre Häftlingsnummer. Moritz wurde etwa ein halbes Jahr später in das Konzentrationslager Dachau überstellt. Warum die Brüder getrennt wurden, ist nicht überliefert.

Oskar Sandbank war bei der Ankunft ein gesunder Mann. Zwei Monate später verstarb er. Sein Todeszeitpunkt am 21. Januar 1940 ist ein Indiz dafür, dass er bei einem der entsetzlichen Strafappelle ermordet wurde. Lagerführer Rudolf Höß, später Kommandant im Konzentrationslager Auschwitz, ließ am 18. Januar 1940 mehr als 800 Häftlinge bei eisiger Kälte den ganzen Tag über auf dem Appellplatz stehen. Keiner durfte sich bewegen. Höß beobachtete von einem Turm aus, wie die entkräfteten Häftlinge zusammenbrachen. Ihnen durfte nicht geholfen werden. Bis zum Morgen des nächsten Tages starben 140 Menschen.

Oskar Sandbank wurde 55 Jahre alt.


Der Streit um das Erbe

Von 1948 bis Anfang der sechziger Jahre wurde um das Erbe von Oskar Sandbank juristisch gestritten. Die Auseinandersetzung betraf zum einen die Erbfolge und zum anderen die Rückgabe der Erbgegenstände.

Ansprüche auf das Erbe wurden sowohl von einer Cousine Oskar Sandbanks gemacht als auch von Thosia Behrisch und Rafael Bergner. Thosia Behrisch war die Schwester von Luise Sandbank, Oskars Schwägerin. Rafael Bergner war der Vater von Luise und Thosia. Beide lebten inzwischen in Israel.

Kern des juristischen Streits war die Frage, ob das Haus nach Oskars Tod zunächst erbrechtlich auf seine Eltern ging und nach dem Tod seiner Mutter Sara Sandbank am 21. März 1944 wiederum auf deren Enkelkinder Berta und Martin, die Kinder von Moritz und Luise Sandbank, übergegangen war. Entscheidend dafür war die Festlegung des Todeszeitpunkts von Berta und Martin. Wären die Kinder vor dem Tod ihrer Großmutter Sara Sandbank verstorben, so wäre das Erbe ihres Onkels nicht auf sie übergegangen. Das Amtsgericht Nürnberg hatte in einem ersten Urteil den Todeszeitpunkt auf den 10. April 1942 festgesetzt. Grund dafür waren Zeugenaussagen, die belegten, dass Nachrichten aus Izbica von den rund 1000 Deportierten, zu denen auch Berta und Martin gehörten, ab September 1942 ausblieben. Man ging davon aus, dass alle ermordet worden waren. In einem zweiten Urteil wurde der Todeszeitpunkt von Berta und Martin rückwirkend auf das Kriegsende, den 8. Mai 1945, festgelegt.

Thosia Behrisch und ihr Vater waren somit berechtigte Erben von Oskar Sandbank. Da Rafael Bergner inzwischen verstorben war, wurde der Erbschein auf Thosia Behrisch ausgestellt.

Im Mittelpunkt der Rückgabeansprüche stand das Haus in der Rudolfstraße 31 in Lochham, Gräfelfing. Es war ein stattliches Haus mit großem Garten.

Nach der Inhaftierung der Brüder Sandbank bewohnte Luise Sandbank mit ihren Kindern das Haus in der Rudolfstraße. 1941 wurde es unter kommissarische Verwaltung der Nationalsozialisten gestellt. Die Eltern Sandbank, als Erben ihres Sohnes Oskar, durften nicht darüber verfügen. Im September 1942 erwarb Katharina Lobmeier, eine Gobelinweberin, das Haus. Gegen eine Miete ließ sie Luise, Berta und Martin weiterhin darin wohnen. Bis sich Luise Sandbank Ende 1941 dort das Leben nahm. Dazu an anderer Stelle mehr.

Katharina Lobmeier hatte wechselnde Mieter. Im Rahmen der juristischen Auseinandersetzung wehrte sie sich heftig gegen die Rückgabe. Sie habe das Haus in gutem Glauben erworben. Von einer Zwangslage der Sandbanks habe sie nichts gewusst. Und, dass die Familie jüdisch war, auch nicht. Im Übrigen habe sie sehr viel renovieren müssen, beteuerte sie dem Gericht.

Erst Anfang der 1960er Jahre erging der endgültige Beschluss der Wiedergutmachungsbehörde. Katharina Lobmeier musste das Haus mit Grundstück an Thosia Behrisch herausgeben und ihr die erhaltenen Mieteinnahmen zurückerstatten. Später verklagte Lobmeier den Staat auf Entschädigung.

Schadensersatzansprüche aus dem Firmenverkauf und dem Firmeninventar bekam die Erbin nicht. Für den Hausrat und Wertgegenstände, darunter eine silberne Herren Omega Uhr, bekam Thosia Behrisch 18.803,06 DM. Für den „Schaden an Freiheit“ von Oskar Sandbank, Inhaftierung in Hof und zwei Monate im Konzentrationslager Sachsenhausen, bekam sie von der Bundesregierung eine Entschädigung von 300 DM.


Die Familie

Die Eltern Samuel und Sara Sandbank

Samuel und Sara Sandbank stammten beide aus Jaroslaw in Galizien. Samuels Eltern waren Grundbesitzer. Sie verloren infolge einer Seuche im Jahre 1888 und dreier Missernten nahezu ihr gesamtes Vermögen. Das junge Paar Samuel und Sara Sandbank musste sich eine eigene Existenz aufbauen. 1894 verließen sie, kurz nach der Geburt ihres ersten Sohnes Oskar, Galizien und zogen nach München. Sie wohnten vier Jahre lang bei Verwandten. Was sie dort machten, ist nicht überliefert. 1898 zog die Familie nach Bad Tölz. In der Marktstraße 41 eröffneten Samuel und Sara Sandbank ein Bekleidungsgeschäft mit Schneiderei. Einheimische und Kurgäste kauften dort gerne ein. Ihre maßangefertigten Gebirgstrachten verkauften sich am besten. Ausländische Juden, die zur Sommerfrische nach Bad Tölz kamen und im Parkhotel der Familie Hellmann wohnten, ließen sich gerne bei den Sandbanks einkleiden. Das Geschäft lief gut.

Samuel Sandbank, Reisepass 1937
© Stadtarchiv München

Das Bekleidungsgeschäft von Samuel und Sara Sandbank in Bad Tölz, 1920er Jahre
© Stadtarchiv Bad Tölz, Foto Alois Marey

Sara Sandbank, Reisepass 1937
© Stadtarchiv München

Werbeanzeige des Bekleidungsgeschäfts Sandbank, 1920er Jahre, © Stadtarchiv Bad Tölz

Bereits 1920 unternahm die Familie, mit Ausnahme von Oskar, mehrfach den Versuch, sich in Bayern einbürgern zu lassen. Doch alle Versuche scheiterten. Der freiwillige Kriegseinsatz ihrer beiden Söhne im Ersten Weltkrieg änderte daran auch nichts. In seinem Einbürgerungsantrag vom 6. März 1929 schrieb Moritz Sandbank: „Die polnische Staatsangehörigkeit wurde mir durch den sogenannten Friedensvertrag aufgezwungen. Ich war ein guter Österreicher und betrachtete Bayern stets als mein zweites Vaterland. Ich beabsichtige nicht nach Polen jemals zurückzukehren und fühle mich nicht als polnischer Bürger.“ Der Hauptausschuss als Senat der Landeshauptstadt München lehnte den Antrag am 22. August 1929 mit offen rassistischer Begründung ab: Der Antragsteller sei „fremdstämmig“, seine Eltern „galizische Juden“, seine Einbürgerung sei „in kultureller Hinsicht unerwünscht“, um eine „Durchdringung der deutschen Kultur mit wesensfremden Elementen“ zu verhindern.

Heinrich Himmler hatte am 8. Mai 1939 einen allgemeinen Runderlass herausgegeben, der besagte, dass alle aus Polen stammenden Juden Deutschland verlassen sollten. Mit Wirkung dieses Aufenthaltsverbots für jüdische Bürger polnischer Herkunft wurden die Sandbanks aus Bad Tölz vertrieben. Auch für die herzkranke Sara Sandbank gab es keinen Aufschub. Sie mussten die Stadt am 27. Juli 1939 verlassen. Mit ihrem epilepsiekranken Sohn Salomon bezogen die 81- und 75-Jährigen das Münchner Altersheim der Israelitischen Kultusgemeinde in der Kaulbachstraße 65. Nach dessen Auflösung mussten die drei in ein Heim in der Klenzestraße 4 umziehen.

Am 4. Juni 1942 wurden Samuel und Sara Sandbank in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Samuel wurde hier am 2. Juli 1942 ermordet. Sara überlebte noch eineinhalb Jahre bis zu ihrer Ermordung am 21. März 1944.

Die Geschwister

Salomon Sandbank war der Zweitgeborene. Er wurde am 26. April 1888 in Jaroslaw, Galizien geboren. Zeit seines Lebens litt er an schwerer Epilepsie. Kurz vor seiner drohenden Deportation nahm er sich am 28. November 1940 das Leben.
Salomon Sandbank wurde 52 Jahre alt.

 

Moritz Sandbank, © Stadtarchiv München

Moritz Sandbank war der jüngste Sohn. Er wurde am 30. Oktober 1894 in Jaroslaw, Galizien geboren. Er lebte bis zum Ende seiner Schulzeit in Galizien. Die Schulferien verbrachte er immer bei der Familie. Nach seinem Schulabschluss 1913 zog er ganz nach Bad Tölz. Im selben Jahr zog er nach München um und schrieb sich dort an der Technischen Universität ein.

1915 meldete er sich dort ab und trat freiwillig in den Kriegsdienst. Wie sein Bruder kämpfte er bei den k. u. k. Eisenbahntruppen. Im November 1916 geriet er in russische Kriegsgefangenschaft und wurde nach Sibirien interniert. Erst 1920 konnte er aus dem Gefangenenlager fliehen. Über Moskau und Königsberg gelangte er im Oktober zu seinen Eltern nach Bad Tölz. Von seinem Kriegseinsatz trug er eine Knöchelverletzung und einen Rückendurchschuss davon.

„Im November 1920 inskribierte ich an der Münchner Handels- und Technischen Hochschule. Ich betrieb meine Studien speziell auf dem Gebiet der mechanischen Technologie“, schrieb Moritz Sandbank bei einem Einbürgerungsersuchen von 1929.

Als fertiger Diplom-Kaufmann und Ingenieur trat er 1923 als Teilhaber in die Firma O. Sandbank & Co. ein.

Am 23. Juli 1926 heiratete er Luise Bergner. Das Paar bekam zwei Kinder, Berta Cäcilie, geboren am 3. März 1928, und Martin Hans, geboren am 21. März 1929.

Moritz Sandbank wurde im November 1939 gemeinsam mit seinem Bruder Oskar in das Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert. Im September 1940 wurde er in das Konzentrationslager Dachau verlegt. Genau ein Jahr und einen Tag nach seinem Bruder Oskar, am 22. Januar 1941, starb er. Luise Sandbank erhielt die offizielle Nachricht, dass ihr Mann an einem Herzinfarkt gestorben sei. Er galt, trotz der Kriegsverwundungen, als kerngesund. Vermutlich wurde er im Konzentrationslager zu Tode geprügelt.

Moritz Sandbank wurde 46 Jahre alt.

Etwa zehn Monate nach Moritz Sandbanks Tod erreichte auch Luise Sandbank der Befehl, sich für die Deportation bereitzuhalten. Sie sollte mit ihren Kindern in das Konzentrationslager Kaunas in Litauen deportiert werden. Aus Verzweiflung unternahm sie den Versuch, sich und ihre Kinder zu vergiften. Doch nur sie selbst starb am 12. November 1941.

Luise Sandbank wurde 36 Jahre alt.

Berta und ihr Bruder Martin überlebten die Vergiftung.

Der Auszug aus dem Artikel: „Meine Klasse. Wer hat überlebt???“ aus „Die Zeit“ vom 19. Mai 2024 verdeutlicht die schreckliche Lage, in der sich Berta, genannt Bertel, und Martin befanden:

„In dem Deportationszug, der im November nach Riga abfährt und zu einer Erschießungsstätte in Kaunas umgeleitet wird, befinden sich etliche Kinder aus Bertels Klasse. Währenddessen liegen die Sandbank-Kinder im Israelitischen Krankenhaus, wo ihr früherer Mitschüler Hugo Holzmann sie besucht. Er findet Berta abgemagert vor und "ganz weiß, obwohl sie doch immer so eine gesunde Bräune hatte", aber "ihre dunklen Augen leuchteten aus dem hageren Gesicht und sie sprühte vor Leben". Die Arme muss ihn trösten, erinnert er sich später. Er selbst kann nicht anders, als zu weinen.“

Die beiden Vollwaisen wurden zunächst in ein jüdisches Kinderheim in der Antonienstraße untergebracht. Nach dessen Auflösung wurden sie am 21. März 1942 zu Rosa Klein und deren Tochter Ruth nach Nürnberg geschickt. Rosa Klein war vermutlich eine Freundin der Familie Sandbank. Drei Tage später wurden Berta, Martin, Rosa Klein und ihre Tochter Ruth gemeinsam mit fast 1000 weiteren jüdischen Menschen aus Franken in das Ghetto Izbica, Polen, verschleppt. Izbica diente als Durchgangsstation zu den Vernichtungslagern Belzec und Sobibor. Alle vier starben. Ob sie in Izbica, in Belzec oder Sobibor ermordet wurden, bleibt ungeklärt. Berta und Martin Sandbank galten nach dem Krieg als verschollen. Ihr Todesdatum wurde zunächst auf den 10. April 1942 festgelegt. Im Zuge der langwierigen Auseinandersetzung um Oskar Sandbanks Erbe wurde ihr Tod rückwirkend auf den 8. Mai 1945 festgesetzt.

Berta Sandbank war 14 Jahre alt, als sie nach Izbica deportiert wurde.
Ihr Bruder Martin war 13 Jahre.

Berta Sandbank, 1937, © Privatnachlass Karl Süßheim

Rosa Klein
© Ancestry undatiert


Die Erinnerung

Das Grab von Oskar Sandbank befindet sich auf dem Neuen Israelitischen Friedhof in München.

Um die Erinnerung an ihn würdig zu bewahren, wurde im Rahmen des Gräberprojekts der ErinnerungsWerkstatt München e. V. sein Grabstein im Jahr 2026 umfassend restauriert.

Grab Oskar Sandbank, vor der Renovierung, Foto privat

Grab Oskar Sandbank, Israelitischer Friedhof München, Foto Stefan Dickas 2026

Fünf Stolpersteine in Bad Tölz erinnern heute an Samuel, Sara, Oskar, Salomon und Moritz Sandbank.

Stolperstein Oskar Sandbank, Marktstraße Bad Tölz, Foto privat 2026

Stolperstein Samuel Sandbank, Marktstr. Bad Tölz, Foto privat 2026

Stoperstein Sara(h) Sandbank, Marktstr. Bad Tölz, Foto privat 2026

Stolperstein Moritz Sandbank, Marktstr. Bad Tölz, Foto privat 2026

Stolperstein Salomon Sandbank, Marktstr. Bad Tölz, Foto privat 2026

 

Text und Recherche

  • Nina Siedek, September 2026


Quellenverzeichnis

Archiv-Quellen

  • Stadtarchiv München,

    • Polizeilicher Meldebogen zu Osias Sandbank (Signatur: DE-1992-PMB-S15).

    • Polizeilicher Meldebogen zu Oskar Sandbank (Signatur: DE-1992-PMB-S15).

    • Meldekarte zu Oskar Sandbank (Signatur: DE-1992-EWK-NS).

    • Polizeiliche Meldebögen zu Samuel und Sara Sandbank (Signatur: DE-1992-PMB-S15).

    • Meldekarte zu Samuel und Sara Sandbank (Signatur: DE-1992-EWK65-S12)

    • Meldekarte zu Salomon Sandbank (Signatur: DE-1992-EWK65-S12).

    • Polizeilicher Meldebogen zu Moritz Sandbank (Signatur: DE-1992-PMB-S15).

    • Meldekarte zu Moritz Sandbank (Signatur: DE-1992-EWK-NS), Mail vom 19. März 2026.

    • Foto von Moritz Sanbank DE-1992-JUD-F-0314-1, Stadtarchiv München, Mail vom 21. September 2026.

  • Archiv Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen, Oranienburg: Totenbuch Sachsenhausen, Auskunft zur Registrierung, Haftzeit und Todesdatum, Mail vom 02. April 2026.

  • Archiv der Technischen Universität München, Diplom-Zeugnis Oskar Sandbank, Mail vom 19. März 2026.

  • Staatsarchiv München, Rückerstattungsakten der Wiedergutmachungsbehörde Oberbayern WB I a 3569, WB I a 3588, WB I a 4048, WB I JR 802, WB I JR 2405, WB I JR 8377 und WB I N 10458, Besuch am 13./18. Mai 2026.

  • Bayerisches Hauptstaatsarchiv, Landesentschädigungsamt (LEA) Entschädigungsakten zu Oskar Sandbank LEA 31758, Laufzeit: 1950-1970 und zur Firma Sandbank & Co, Autozubehör in München LEA 60572, Laufzeit: 1959-1963, Besuch am 04./13. Mai 2026.

  • Bayerisches Wirtschaftsarchiv, Industrie und Handelskammer München, Bild: S 12 / 290., Besuch am 27.April 2026.

  • Stadtarchiv Bad Tölz: Mayer Franz: Geschichte der Familie Sandbank, Bad Tölz den 18. Juni 2005; Broschüre Ge(h)denksteine, Mail vom 01. Juli 2026.

Internetquellen

alle aufgerufen am 16. März 2026.

Literatur

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Irene Sänger, geb. Lehmann

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Josef Schöfthaler