Hermine Eberstadt, geb. Masbach

 

Hermine Eberstadt 1938,
Foto: Familienbesitz

Geboren am 16. April 1853 in Neuwied

Gestorben am 25. Dezember 1942 in Theresienstadt

Herkunft

Hermine Eberstadt, geb. Masbach, entstammte einer jüdischen Familie von Kaufleuten aus dem unterfränkischen Dorf Maßbach. Der Großvater Hirsch, eingedeutscht Hermann, heiratete 1818 Gutle Landau, gebürtig aus Kreuznach. Als Lebensmittelpunkt wählte das Paar Bingen, wo Gutle sechs Kinder zur Welt brachte.

Eines der Kinder war Jakob Masbach, geboren 1819, der den Beruf des Weinhändlers ausübte. Er verließ seine Heimatstadt und siedelte sich 1854 mit seiner Ehefrau Henriette, eine geborene Weil, 1820 in Acholshausen geboren, und seinen drei Kindern in Mainz an. Dort gründete er mit seinem Bruder Isaac den „Weinhandel Gebr. Masbach“. 1938 wurde die Firma „arisiert“.

Hermine, geboren 1853, die nach ihrem kurz zuvor in Neuwied verstorbenen Großvater Hermann Masbach benannt wurde, war das jüngste der drei Geschwister. Sie besuchte Schulen in Neuwied und Mainz.


Heirat und Leben in Mannheim

Mit 20 Jahren heiratete Hermine 1873 in Mainz den 35 Jahre alten Textilkaufmann August Ludwig Eberstadt aus Mannheim, geboren 1839 in Worms. Dessen Bruder Philipp hatte 1869 Hermines ältere Schwester Therese geheiratet, und beide Familien lebten in Mannheim. Zusammen betrieben sie den vom Vater geerbten Textiliengroßhandel „F. Eberstadt & Co.“.

August und Hermine Eberstadt waren hochgebildet und beherrschten die französische und englische Sprache. Ihre Familienbeziehungen waren international und stets eng geknüpft. Man war kunstsinnig, Musik liebhabend und politisch gehörte man den liberalen Demokraten an.

Hermine Eberstadt, Heidelberg 1907,
Foto: Familienbesitz

Mannheimer Koffer der Hermine Eberstadt, Erlangen 2021,
Foto: Familienbesitz

Das Paar hatte zwei Kinder, die Tochter Anna, geboren 1875 und den Sohn Paul, geboren 1878. Die Zeitläufte bedingten, dass nur der Sohn studieren konnte. Die Tochter, die gerne Mathematik studiert hätte, wurde an der Universität nicht zugelassen – man war im wilhelminischen Deutschland noch nicht so weit, Frauen eine akademische Ausbildung zuzugestehen. Der Professor in Heidelberg antwortete auf Anfrage „Schneegänse unterrichtet man hier nicht“. Die bewegende Lebensgeschichte der Tochter Anna Ansbacher ist auch auf dieser Website festgehalten. Sohn Paul verließ Mannheim und studierte Technische Mechanik in Berlin, Anschließend machte er Karriere in verschiedenen Maschinenbaufirmen.


August Eberstadt starb 1907 und wurde in Mannheim bestattet. Seine Witwe verkaufte ihr Wohnhaus und verließ Mannheim 1909.


Leben in München

Hermine zog zu ihrer Tochter nach München, die mit ihrem Ehemann Dr. jur. Alexander Ansbacher in der Heßstraße 8 wohnte.

Umgeben von schier endlos chaotischen politischen Zeiten, lebte Hermine ein ruhiges Leben und freute sich an den Enkeln, Nichten und Neffen vonseiten des Sohnes Paul, die aus Dessau, Berlin und Düren zu Besuch kamen. Alexander Ansbacher avancierte zum Oberstlandesgerichtsrat und bekleidete somit, zusammen mit seinem engen Freund Dr. jur. Alfred Neumeyer, dem Präsidenten der Israeliten in Bayern, der in der Heßstraße 10 wohnte, die in Bayern höchste, einem Juden mögliche Position für einen beamteten Juristen.


Jahre der Verfolgung

1933 nahm das Grauen für die Familie ganz konkrete Formen an. Alexander Ansbacher wurde am 1. April 1933, nach Inkrafttreten des sogenannten „Gesetz[es] zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“, aus dem Dienst entlassen. Als altgedienter Beamter musste er zunächst wieder eingestellt werden, blieb aber nur bis zum Erreichen der Altersgrenze im Sommer 1933 im Amt. Er soll, einer Familiensaga zufolge, 1936 an gebrochenem Herzen gestorben sein und wurde in München auf dem Friedhof an der Thalkirchner Straße begraben.

Nach dem Erlass der sogenannten „Nürnberger Gesetze“ folgte Schlag auf Schlag die Vorbereitung zur Entrechtung und Enteignung der Juden. Unter vielen jüdischen Schicksalen sind als besonders entwürdigend das Leben von Hermine und Anna zu nennen: 1939 die Zuweisung des Vornamens „Sara“ und das rote „J“ in der Kennkarte. Es folgten der Einzug der Rundfunkapparate, 1940 „Betreten des Münchner Hofgartens ist für Juden verboten“ und das Ausgehverbot während der Abend- und Nachtstunden.

Im Frühjahr 1939 musste Hermine, wie alle deutschen Juden, Schmuck und andere Wertgegenstände aus Edelmetall abliefern. Fein säuberlich wurde jedes Silberlöffelchen und -gäbelchen aufgelistet. Die erhaltene Liste lässt noch heute erahnen, dass sich der Wert der Gold- und Silberwaren nicht mit der Waage erfassen ließ. Man raubte ihr nicht nur Edelmetall, sondern auch wertvolle Erinnerungen.

Abschied für immer, München 1939,
hinten Paul Eberstadt und seine Ehefrau Magdalene,
vorne Hermine Eberstadt und Anna Ansbacher,

Foto: Familienbesitz

Tölzer Hochzeitsschrank mit ländlich religiöser Malerei, Biedermeier, 1840, das einzige erhaltene Stück aus Hermines Hausrat in München,
Foto: Familienbesitz

Im November 1939 musste Hermine von ihrem Sohn Paul, seiner evangelischen Ehefrau Magdalene und deren Tochter Auguste für immer Abschied nehmen, als diese Deutschland verließen, um nach Venezuela zu fliehen. Die Tochter Gertrude hatte man bereits vorher nach England geschickt, Sohn Walter durfte nicht ausreisen. Er war in der deutschen Reichswehr dienstverpflichtet, bis er im März 1940 als sogenannter Halbjude wegen „Unzuverlässigkeit“ entlassen wurde. Hermine blieb in der Obhut ihrer Tochter Anna zurück.

Im Sommer 1940 konnte Hermine mit Anna und dem Ehepaar Neumeyer noch einen Urlaub im Hochschwarzwald bei der Freundin und Kinderärztin Johanna Geißmar verbringen, was wir aus den gedruckten Tagebüchern von Alfred Neumeyer wissen:

„Die Atmosphäre war so weit beruhigt, dass wir den Sommer (1940) mit unserer Freundin Anna Ansbacher und ihrer hochbetagten Mutter, Frau Eberstadt, in Saig oberhalb Titisee bei Fräulein Dr. Geißmar, vormals Kinderärztin in Heidelberg, zubringen konnten. Sie führte dort, außerhalb des Ortes, eine reizend gelegene Pension. Mein Schwager Hugo Lebrecht schloss sich uns an. Wir verbrachten einen erholsamen Sommer, frei von jeder Belästigung.” (zitiert aus: Neumeyer, Alfred, „Wir wollen den Fluch in Segen verwandeln“, S. 215)

Kurz danach mussten Hermine und Anna ihre Wohnung in der Heßstraße 8 räumen, den sogenannten „arischen“ Vermietern wurde es untersagt, an Juden zu vermieten.

Für sechs Wochen kamen sie vorübergehend in einem Zimmer in der Romanstraße 68 unter, und ab November 1940 lautete die Adresse Kaulbachstraße 3, schönfärberisch „Pension Niedersachsen“ genannt. Zu diesem Zeitpunkt waren sie bereits fast komplett enteignet. Ihr Hab und Gut, soweit es nicht in kleinen Teilen rechtzeitig gerettet werden konnte, wurde von den Behörden geraubt und versteigert – es blieb für immer verschwunden.

In diesen Tagen erfuhr Hermine durch den ebenfalls in München lebenden Freund Dr. jur. Jakob Geißmar von der Deportation ihrer Nichten Clara Eberstadt aus Heidelberg und Maria Odenheimer aus Mannheim, den beiden Töchtern ihrer Schwester Therese Eberstadt, die, wie auch Johanna Geißmar am 22. Oktober 1940 zusammen mit etwa 5400 Mitbetroffenen aus Baden, nach Camp de Gurs verschleppt wurden. Im New Yorker Leo Baeck Institute findet sich im Nachlass der dritten Nichte Emma Hecht, geb. Eberstadt, eine Sammlung von Briefen, in denen Clara Eberstadt und Marie Odenheimer über die Zeit in Gurs berichten. Daraus geht hervor, dass selbst in diesen Zeiten die postalische Verbindung in alle Welt funktionierte, wenn auch oft mit erheblicher zeitlicher Verschiebung. So schleuste die aus Frankfurt stammende und nach ihrer Flucht in der Schweiz lebende Kusine Alice Aschaffenburg, geb. Eberstadt, Briefe mit Nachrichten über „die Münchner“ nach Gurs.

Seit dem 19. September 1941 durften sich Hermine und Anna nur noch mit dem so genannten „Judenstern“ in der Öffentlichkeit aufhalten.


Letzte Station in München und Deportation

Im Februar 1942 erfolgte der nächste Schritt auf dem Weg in die Vernichtung – Hermine Eberstadt und Anna Ansbacher wurden in die sogenannte „Judensiedlung Milbertshofen“ in der Knorrstraße 148 transportiert: „Baracke 11, Quadrant M. 1“, so lautete die letzte Adresse. In drangvoller Enge schafften es die beiden gerade noch, einen letzten Rest ihrer Würde zu bewahren. Die äußere Welt der Hermine Eberstadt wird zu dieser Zeit sehr klein geworden sein. Für ihre Tochter Anna bot die karitative Betätigung Ablenkung von den unerträglichen Verhältnissen.

Am 23. Juni 1942 kam der Befehl zur „Evakuierung“.

Zusammen mit 48 Leidensgenossinnen und Leidensgenossen brachte man Hermine Eberstadt und Anna Ansbacher zur Eilguthalle an der Hackerbrücke, setzte sie dort in einen separaten Personenwagen, der an einen regulären Zug angehängt wurde, welcher schließlich München verließ, um am kommenden Tag in Bauschowitz - Bohušovice - anzukommen, dem Bahnhof für das Ghetto Theresienstadt.


Theresienstadt

Nach all den grauenvollen Eingangsprüfungen in der Schleuse kamen sie in einem Haus unter, welches entsprechend der in Theresienstadt geltenden Ordnung Q312 genannt wurde. Als das Ghetto für Besuche ausländischer Organisationen in ein Potemkinsches Dorf verwandelt wurde, machte man aus Q312 schönfärberisch „Badhausgasse 12“.

Die Nichte Marie Odenheimer, die nach ihrer Gefangenschaft in Gurs in dem südfranzösischen Camp du Récébédou interniert wurde, erfuhr schon im August 1942 von der Deportation Hermine Eberstadts und ihrer Tochter Anna Ansbacher nach Theresienstadt. Sie schrieb darüber an ihre Schwester Emma Hecht, der die Emigration nach New York gelungen war:

Was wird Paul und Familie [in Venezuela, Anm. d. Verf.] erst durchmachen durch die Nachricht, dass die arme, bald 90jährige Minchen und Annele ganz heimatlos geworden sind und, wie auch Johannas Geschwister, in die Nähe von Prag (vermutlich) mußten.“ Bei Johannas Geschwistern handelt es sich um die Heidelberger Verwandten Dr. jur. Jakob Geißmar und dessen Ehefrau Elisabeth, geborene Hirsch (https://weissekoffer.de/martiusstrasse-8/geissmar-familie/), die am gleichen Tag von München nach Theresienstadt deportiert wurden.

In einem Brief vom Mai 1945 berichtete Anna Ansbacher von den Zuständen in Theresienstadt: „Wir trafen dort alles noch sehr im Urzustand an und machten sehr viel durch, denn das Leben auf dem nackten Boden, den die karge Schicht Holzwolle bedeckte, war nicht schön.“ Sie berichtete weiter von ungenügender Unterbringung, Unterernährung und der „Lagerkrankheit” Enteritis, einer Darmkrankheit, die bei älteren und geschwächten Personen mit ungenügender Fürsorge tödlich verlaufen konnte. Nach ihrem Bericht starben täglich 100 bis 130 Menschen an dieser Krankheit.

Hermine Eberstadt starb am 25. Dezember 1942. Ihr irdischer Körper wurde verbrannt und die Asche vermutlich in die Eger geworfen.

Die Tochter Anna Ansbacher überlebte das Ghetto, wurde im Februar 1945 mit dem „Zug in die Freiheit“ nach St. Gallen gebracht und kehrte nach vielen Jahren der Internierung in der Schweiz 1950 nach Deutschland zurück, wo sie am 9. Januar 1951 in München starb. Sie wurde neben ihrem Ehemann begraben.

Für Hermine Eberstadt wurde am Familiengrab eine Gedenkinschrift eingemeißelt. Den bereit liegenden Stolperstein kann die Familie in München nicht verlegen.


Text und Recherche

  • Christof Eberstadt, März 2026

Quellen

  • Eberstadt Christof, Biografische Notizen zu Hermine Eberstadt, Erlangen, 2026.

  • Stadtarchiv München, Bestand Zeitgeschichtliche Sammlung ZS-539-3.

  • Stadtarchiv München, Bestand Leihamt / Wiedergutmachung Nr. 6.

  • Stadtarchiv München, Judaica-Varia Nr. 0014.

Internetquellen

Literatur

  • Adler, Hans-Günther: „Theresienstadt 1941-1945 - Das Antlitz einer Zwangsgemeinschaft”, Wallstein Verlag, Göttingen 2018.

  • Neumeyer, Alfred: „Wir wollen den Fluch in Segen verwandeln”: drei Generationen der jüdischen Familie Neumeyer: eine autobiografische Trilogie, Metropol-Verlag, Berlin 2007.

  • Zahlten, Richard: „Meine Schwester starb in Auschwitz“, Johannis-Verlag, Lahr 2000 (über Dr. Johanna Geißmar).

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Dr. jur. Ludwig Maximilian Eberstadt