Adele Jochsberger, geb. Grünebaum

Geboren am 9. November 1890 in München

Gestorben am 23. Oktober 1938 in München

 

Kindheit, Jugend und Familiengründung

Adele Jochsberger kam als einziges Kind des Kaufmanns Abraham Grünebaum, geboren am 15. Juni 1857 in Staden in Hessen, und seiner Ehefrau Bertha am 9. November 1890 in München zur Welt. Der Vater war am 1. Januar 1886 von Köln nach München gezogen und hatte am 18. September 1889 die Münchnerin Bertha Landauer, geboren am 22. Mai 1867, geheiratet. Über Kindheit und Jugend von Adele Jochsberger gibt es keine Informationen. Am 3. Juli 1913 vermählte sie sich mit dem Kaufmann Siegfried Jochsberger, geboren am 5. September 1883. Er war das siebte von acht Kindern des Münchner Hoteliers Moritz Jochsberger und seiner Ehefrau Rosalie, geb. Bühler, die ein Restaurant und Hotel in der Hartmannstraße 3, einer noblen Gegend direkt am Promenadeplatz, besaßen.

Das Paar wohnte in der Trogerstraße 17 in Bogenhausen und bekam am 1. Juli 1920 eine Tochter, die den Namen Eva Susanna erhielt. Sie blieb das einzige Kind.

Siegfried Jochsberger hatte als Kaufmann zunächst eine Vertretung für Webwaren, später war er am Ölgemäldehandel seines Bruders Berthold beteiligt und übernahm diesen 1935 nach dessen Emigration nach Palästina. Die Familie wohnte ab 1935 jeweils für kurze Zeit am Karolinenplatz 2 bzw. in der Karlstraße 21 und ab September 1936 in der Leopoldstraße 40.

Diese Wohnung lag im ersten Stock und bestand aus 6 Zimmern, Küche, Badezimmer und Gästetoilette. Die Einrichtung wird als sehr ausgesucht und wertvoll beschrieben, neben Perserteppichen gab es originale Ölgemälde. Auch ein Steinway-Flügel sei vorhanden gewesen, da Adele Jochsberger „eine weit über dem Durchschnitt stehende Klavierspielerin war“. So berichtet der langjährige Freund der Familie, Dr. med. Max Kirschner, im Wiedergutmachungsverfahren.

Die Angaben der Tochter im Wiedergutmachungsverfahren belegen ebenfalls, dass die Familie einen „gut bürgerlichen Haushalt“ führte, in dem „es an nichts fehlte“. Bis ca. 1930 habe es zwei Hausmädchen gegeben, danach noch eine plus einer Zugehfrau dreimal pro Woche. Fast jeden Sommer habe man große Reisen, häufig nach Italien, unternommen.


Früher Tod

Todesanzeige aus der BIGZ 21/1938 (Bayerische Israelitische Gemeindezeitung)

Foto: privat

Kurz vor ihrem 48. Geburtstag, am 23. Oktober 1938, verstarb Adele Jochsberger. In der Todesanzeige in der Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung meldeten Ehemann und Tochter: „Meine liebe Frau und beste Mutter Frau Adele Jochsberger, geb. Grünebaum, wurde am 23. Oktober von ihrem schweren Leiden erlöst“.

Der Sterbeeintrag des Standesamtes erfolgte auf Anzeige des Städtischen Krankenhauses München-Schwabing, wo Adele Jochsberger um 22.30 Uhr verstarb. Als Todesursache ist vermerkt: „Cholangitis, Hepatopathie“, das heißt Entzündung der Gallengänge und Lebererkrankung, beides chronische Erkrankungen.

Dass Adele Jochsberger 1938 als Jüdin in diesem Krankenhaus behandelt werden konnte, erscheint ungewöhnlich, denn das Haus wurde ab 1933 von den Nationalsozialisten vereinnahmt, jüdische Mitarbeiter entlassen und in jedem Zimmer Hitler-Porträts aufgehängt. Vermutlich hatte die alteingesessene Münchner Familie Jochsberger trotz aller Ausgrenzungen von jüdischen Mitbürgern noch hilfreiche Kontakte in der Zivilgesellschaft. Dafür spricht auch der Umzug in die große, repräsentative Wohnung in der Leopoldstraße 40 noch im September 1936.

Das Grab von Adele Jochsberger befindet sich auf dem Neuen Israelitischen Friedhof, Sektion 18, Reihe 14, Platz 5.


Schicksal der Angehörigen

Nach ihrem Tod war ihr Ehemann Siegfried Jochsberger vom 17. November bis 5. Dezember 1938 im Konzentrationslager Dachau inhaftiert und emigrierte am 13. Dezember 1938 nach Paris. Nach der Besetzung von Teilen Frankreichs durch die deutsche Armee im Juni 1940 kam auch Siegfried Jochsberger, wie die meisten deutschen Emigranten, in Lagerhaft. Er durchlief die Lager Gurs, Noé Les Milles, Rivesaltes und Drancy, von wo er am 16. September 1942 mit dem 33. Konvoi nach Auschwitz deportiert und ermordet wurde.

Der älteste Bruder von Siegfried Jochsberger, Jakob, starb 1877 im Alter von zwei Jahren. Von den übrigen sechs Geschwistern hat die älteste Schwester Johanna Jochsberger, geboren am 9. September 1876, in Gießen verheiratet mit dem Bezirksrabbiner Dr. David Sander, die Deportation nach Theresienstadt überlebt und starb 90-jährig in Frankreich. Fünf Geschwister konnten rechtzeitig auswandern. Albert Jochsberger, geboren am 7. Mai 1880, ging bereits mit 20 Jahren nach Amerika. Berthold Jochsberger, geboren am 4. Januar 1878, und Ida Jochsberger, verheiratete Deutsch, geboren am 2. Dezember 1881, emigrierten 1935 nach Palästina und starben beide in Kirjat Bialik: Berthold Jochsberger im Februar 1940, Ida Deutsch am 11. Dezember 1966. Der Bruder Ernst Jochsberger, geboren am 26. Juni 1879, emigrierte im Mai 1940 nach New York, wo er 1955 gestorben ist. Die jüngste Schwester Pauline Jochsberger, geboren am 8. Februar 1885, verheiratete Kirschner, starb mit 96 Jahren im Dezember 1981 in Jerusalem.

Tochter Eva Susanna Jochsberger 1938, © Stadtarchiv München DE-1992-KKA-B-0136

Nach dem Tod ihrer Mutter blieb die damals 18-jährige Tochter Eva Susanna mit der Hausangestellten Annie Oppenheimer in der Wohnung in der Leopoldstraße 40 zurück. Sie beschrieb im Wiedergutmachungsverfahren, dass wiederholt die Gestapo nach dem Vater gesucht und sie sich derart bedroht gefühlt habe, dass sie Ende Februar 1939 alles zurückgelassen und mit der Hausangestellten ein Zimmer bei der jüdischen Familie Benno Marx in der Elisabethstraße 41 mietete. Der Vater habe ihr aus Paris ein Hausangestellten-Zertifikat besorgen können, welches ihr im April 1939 die Emigration nach London ermöglichte.

Dort heiratete sie Hermann Schapira und gelangte mit ihm noch vor 1942 nach New York. Sie stand in Briefkontakt mit dem Vater. In seinem letzten Brief vom 17. Juli 1942 aus dem Lager Les Milles berichtet dieser mit großer Freude, dass er alle Papiere für eine Emigration erhalten habe und auf dem Dampfer „Serpa Pinto“ ab Lissabon via Casablanca reisen werde. Dies war die letzte Nachricht des Vaters an die Tochter, die erst im Zuge des Wiedergutmachungsverfahrens erfuhr, dass der Vater nach Auschwitz deportiert worden war. Eva Susanna Schapira starb kurz vor ihrem 49. Geburtstag im Juni 1969 in New York.


 

Text und Recherche

  • Maria Faltermaier-Temizel, Juli 2026

Archiv-Quellen

  • Stadtarchiv München, EMA NS (Einwohnermeldekarte).

  • Stadtarchiv München, DE-1992-STANM-2737.

  • Stadtarchiv München, DE-1992-PMB-I39.

  • Stadtarchiv München DE-1992-EWK-NS.

  • Stadtarchiv München DE-1992-PMB-G-476.

  • Stadtarchiv München DE-1992-KKA-B-0136.

  • Stadtarchiv München DE-1992-JUD-F-0186-2.

  • Bayerisches Hauptstaatsarchiv LEA 18427.

  • U.S. Social Security Death Index f. Susan Schapira (Mitteilung des Kulturreferats der Landeshauptstadt München, Public History).

Internetquellen

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